Erstmals ein Defizit, gleichzeitig mehr Stunden: So geht es der Mögginger Nachbarschaftshilfe
2025 - es war für die Nachbarschaftshilfe Möggingen ein sehr bewegtes Jahr. „Und dieses Jahr war nicht unbedingt nur angenehm“, leitete der Vereinsvorsitzende Sven Jochem kürzlich in die Hauptversammlung in der Mögginger Mindelseehalle ein.
Gleich zu Beginn seines Geschäftsberichts für das Jahr 2025 projizierte er in großer Schrift die Eckpunkte seines Vortrags mit einem Beamer auf die Leinwand: „Das Ende des ungebremsten Wachstums, das Haushaltsdefizit 2025, der Auszug aus Möggingen und Einzug nach Radolfzell, die Auflösung des Beirats sowie das Experiment Geschäftsführung“. Mit diesen Eckpunkten waren die Mitglieder des Vereins gleich zu Beginn mit den Entwicklungen des bewegten Jahres 2025 konfrontiert worden. Doch eines vorweg: Die Versammlung sprach dem Vorstand einstimmig sein Vertrauen aus.
Das Geschäftsjahr 2025 schließt erstmals mit einem Defizit ab
„Wir wachsen langsam“, führte Jochem seinen Bericht weiter aus. Gleichzeitig verzeichnete der Verein ein Haushaltsdefizit. Erstmals seit seiner Gründung habe dem Verein das Geld für die Aufgaben nicht gereicht. Immerhin: Der Verein hatte Rücklagen in Höhe von mehr als 46.700 Euro. Das Defizit im vergangenen Jahr in Höhe von rund 10.800 Euro konnte damit ausgleichen werden. Doch es sei noch nie zuvor passiert, dass der Verein ein Jahr mit einem roten Eintrag abgeschlossen hatte, gab der Vorsitzende in seinem Vortrag zu bedenken.
Neue Adresse in Radolfzell
Der Nachbarschaftsverein Möggingen verlegte seine Dienststelle vom Rathaus des namensgebenden Ortsteils Möggingen nach Radolfzell im vergangenen Jahr in das Erdgeschoss des ehemaligen Weltklosters in der Obertorstraße 10 in der Radolfzeller Kernstadt. Sowohl die Rufnummer (0151/588803) wie die E-Mail-Adresse (einsatzleitung@nachbarschaftshilfe-moeggingen.de) bleiben jedoch gleich. Das einmal monatlich stattfindende Sonntagscafé im Stüble des Mögginger Rathaus bleibt auch am gleichen Ort. Neben Kaffee und Kuchen bereiten Mitglieder des Vereins im Stüble auch Veranstaltungen für die Gäste vor. Das Café ist kein reines Seniorencafé. Es wendet sich an alle Bürger in sämtlichen Ortsteilen.
Der Verein hatte im vergangenen Jahr Ausgaben in Höhe von mehr als 206.500 Euro. Darin waren unter anderem Personalkosten von mehr als 91.300 Euro sowie fast 90.000 Euro an Aufwandsentschädigung für die Helfer verbucht worden. Neu in der Bilanz tauchten die Kosten für die Miete im ehemaligen Weltkloster auf. In Möggingen hatte der Verein zuvor keine Mietkosten zu tragen.
Die Einnahmen werden vornehmlich von Umsatzerlösen (mehr als 113.650 Euro) generiert, gefolgt von Zuschüssen der Stadt und dem Kreis in Höhe von 52.500 Euro, Spenden in Höhe mehr als 18.000 Euro sowie - als geringster Anteil - von Mitgliedsbeiträgen in Höhe von knapp 11.500 Euro. Nach dem Ausgleich des Defizit hat der Verein weiterhin Reserven in Höhe von mehr als 35.000 Euro.
Auflösung des Beirats und des Geschäftsführervertrags
Die Auflösung des Beirats im vergangenen Herbst begreift Sven Jochem als eine Form von Emanzipation respektive als Zeichen für das Stehen des Vereins auf eigenen Füßen. Der Beirat bestand aus den Vorstehern sämtlicher Ortsteile und aus den Vorsitzenden des Netzwerks für die Nachbarschaftshilfen.
Zur gleichen Zeit stellte der Verein einen Geschäftsführer ein. Im beidseitigen Einvernehmen sei jedoch der Vertrag wieder aufgelöst worden. Die Nachbarschaftshilfe Möggingen und die ehemalige Geschäftsleitung hätten unterschiedliche Ziele verfolgt, erklärte der Vorsitzende: „Wir wissen jetzt noch nicht wie es weitergeht“, sagte Jochem: „Wir arbeiten weiter wie zuvor - mit dieser wunderbaren Einsatzleitung“. Sie sei das Herz und Rückgrat des Vereins.
Mehr als 3600 Einsätze in allen Ortsteilen
Nach einem tiefen Atemzug folgten die harten Daten des Geschäftsjahrs 2025. Der Nachbarschaftsverein hatte vergangenes Jahr insgesamt 3631 Einsätze - pro Arbeitstag waren es durchschnittlich 14,5. Im Vergleich zu 2024 waren das pro Arbeitstag zwei Einsätze mehr. Angesichts des Umfangs an Vereinsleistungen sei dies ein solides Wachstum, resümierte Sven Jochem. Die größten Anteile an den Einsätzen hatten die Betreuung der Kunden mit 33 Prozent, die Fahrdienstleistungen mit weiteren 29 Prozent sowie die Haushaltseinkäufe mit 25 Prozent.
Seltener wurde Hilfestellung für den Haushalt angefordert. Zur großen Überraschung des Vorsitzenden war nur ein sehr geringer Anteil der Einsätze (0,8 Prozent) für die Entlastung Pflegender angefordert worden. Er machte darauf aufmerksam, dass auch Menschen in der privaten Pflege eine Auszeit nehmen und der Verein sie dabei entlasten könnten.
Nahezu 7000 Arbeitsstunden für 218 Kunden
Die 80 aktiven Helfer im Verein - rund zwei Drittel davon sind Frauen - leisteten im vergangenen Jahr an 250 Arbeitstagen 6924 Arbeitsstunden – wobei 72 Prozent der Stunden für Radolfzell und 18 Prozent für die Stadtteile aufgewendet wurden.
Sven Jochem beruhigte die Mögginger Bürger: Der für diesen Ortsteil gegründete Nachbarschaftsverein sei - gemessen an den dort geleisteten Arbeitsstunden - noch sehr stark in Möggingen vertreten. Von den 218 Kunden des Vereins sind nur ein Viertel Männer. Jochem zeigte sich darüber verwundert und richtete sich in der Versammlung explizit an die Männer in Radolfzell: „Es ist keine Schande, um Hilfe zu fragen“.
Mitgliederzahlen wachsen langsam
Während die Mitgliederzahlen in den ersten Jahren stark anstiegen, stagnieren seit 2023 die Zahlen der Neumitglieder. Ende 2025 verzeichnete der Verein 485 Mitglieder. „Wir wachsen nur sehr, sehr zäh“, resümierte Sven Jochem. Das hat Folgen für die Unabhängigkeit: Viele Kunden seien keine Mitglieder, erklärte Jochem. Das sei vom Verein so auch nicht gewollt. Künftig sei jedoch die Erstberatung kostenpflichtig. Diese Beratungskosten entfalle aber, wenn eine günstigere Mitgliedschaft abgeschlossen wird.
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