menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

„Die Rente in Deutschland ist mickrig“, sagt der Experte und findet das System trotzdem gut

9 0
28.03.2026

Ist die Rente sicher oder befinden wir uns wie das Schiff Titanic schon auf Kollisionskurs? Dies fragt Luise Mitsch, die Vorsitzende des Altenhilfevereins. Sie hat Andreas Schwarz, den Ersten Direktor der Rentenversicherungsanstalt von Baden-Württemberg, zum Vortrag nach Konstanz geladen.

Schwarz sagt, nicht die Rente, sondern die Kranken- und Pflegeversicherung seien das Problem. Die gesetzliche Rente sei aber nicht großzügig. Es sei perfide, zu vermitteln, dass ältere Menschen auf Kosten der Jungen lebten. Hier ein paar Renten-Fakten:

Der kleine Mann: Die Rente sei das Vermögen des kleinen Mannes, stellt Schwarz fest. Für die 50 Prozent der ärmeren Menschen in Deutschland sei es das „Tafelsilber“. Dieses gelte es zu erhalten.

Fast jeder vierte Euro fließt ins Rentensystem

Die Kosten: Fast jeder vierte Euro, den der Bund einnimmt, fließt ins Rentensystem, um die nicht von den Beiträgen gedeckten Leistungen wie die Mütterrente zu bezahlen. Das waren im Jahr 2024 rund 120 Milliarden Euro. Klingt gigantisch.

Doch Schwarz legt dar: Der Anteil der Bundeszuschüsse sei gesunken. Im Jahr 2005 betrug er noch fast 30 Prozent. Deutschland befinde sich bei den Zahlungen im Durchschnitt der Ausgaben der EU-Staaten. Seine Schlussfolgerung: „Die Rentenversicherung ist kein Fass ohne Boden.“

Der demografische Wandel: Immer weniger Menschen müssen die Rente von immer mehr Ruheständlern tragen. Andreas Schwarz sieht diese Entwicklung gelassen. Die Angst vor der Überalterung ziehe sich durch die über 135 Jahre alte Geschichte der Rentenversicherung. Das Narrativ sei schon 1932 bemüht worden.

Im Gegenzug steige die Zahl der Beschäftigten, die in die Sozialversicherungen einzahlen. Dies machten etwa 62 Prozent der Menschen im erwerbsfähigen Alter, sagt Schwarz. Vor 20 Jahren seien es weniger als die Hälfte gewesen. Der Abbau von Arbeitsplätzen werde aber nicht spurlos an der Rentenversicherung vorbeigehen.

Die verschiedenen Systeme

Beim Bismarck-System, das in Deutschland, Österreich und Frankreich gilt, zahlen abhängig Beschäftigte einen Betrag, entsprechend dem Einkommen. Es geht darum, den Status zu sichern. Beim Beveridge-System zahlen alle Staatsbürger, auch Millionäre, eine bedarfsorientierte Pauschale. Die ist vergleichbar mit einer Steuer. Bei der Auszahlung geht es um die Existenzsicherung. Das System gibt es in Großbritannien, der Schweiz und Irland.

Der Beitragssatz: Seit Mitte der 1970er-Jahre sei er laut Schwarz recht stabil. Er lag 1975 bei 18 Prozent des Bruttolohns, stieg 1998 auf 20,3 Prozent und liegt seit 2018 bei 18,6 Prozent. Damit stehe Deutschland im Vergleich eher im hinteren Mittelfeld.

Andere Länder wie Frankreich und Italien kämen auf 27 und 30 Prozent. Die Erzählung, dass die Rente zu teuer sei, stimme also nicht. Ein Problem aber seien die Kranken- und Pflegeversicherung.

Die Rente liegt oft nur knapp über der Grundsicherung

Die Auszahlung: Das deutsche Rentensystem sei wenig großzügig. „Deutschland ist nicht an der Spitze und nicht Durchschnitt.“ Das, was nach Abzug der Steuern für den Rentner übrig bleibe, sei im Vergleich zu anderen Ländern mickrig. In Schulnoten ausgedrückt: „Es ist eine Vier Plus, was die Menschen hier bekommen.“

Die Rente in Deutschland liege oft nur 100 oder 200 Euro über der Grundsicherung. Die Teilhabe sei bedroht. Vieles könne sich ein Rentner nicht leisten. Vor dem Jahr 2000 musste kein Senior Steuern zahlen. Heute würden die Einnahmen wie ein Einkommen besteuert.

Zudem seien zwischen den Jahren 2000 und 2013 rund zehn Prozent an Rentenerhöhung ausgefallen. Die Berechnung sei extrem kompliziert. Großbritannien zum Beispiel sei viel großzügiger zu älteren Menschen.

„Private Vorsorge gleicht oft nicht einmal die Inflation aus“, sagt Andreas Schwarz

Das Rentenniveau: Es handelt sich um die Kennzahl für die Leistungsfähigkeit eines Rentensystems. Es drückt das Verhältnis einer Standardrente (45 Jahre Beitragszahlung auf Basis des Durchschnitt-Einkommens) zum aktuellen durchschnittlichen Nettoverdienst aus. Ein sinkendes Rentenniveau bedeutet, dass die Rente von der Lohnentwicklung abgekoppelt wird. Das erhöht die Gefahr der Altersarmut. Das Rentenniveau ist ständig gesunken.

Die private Vorsorge: Oft werde in Produkte mit verdeckten, hohen Kosten investiert, sagt Schwarz. Die Erträge glichen oft kaum die Inflation aus. Bei der betrieblichen Altersvorsorge schauten Kleinbetriebe und Geringverdiener in die Röhre.

Das deutsche Kapital löste sich mehrfach auf

Die Geschichte: Selbst als Deutschland 1945 zerbombt war, sei aus laufenden Einnahmen Rente ausgezahlt worden, stellt Andreas Schwarz fest. Das Kapital aber löste sich mehrfach ins Nichts auf. Mal schlug die Hyperinflation in den 1920er-Jahren zu, dann die Währungsreform nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Investition in deutsche Kriegsanleihen war nichts mehr wert. 1957 wurde das System in Richtung Umlageverfahren umgestellt: Die aktuellen Beitragszahler finanzieren die heutigen Rentner.

Claudia Rindt Icon Haken im Kreis gesetzt Icon Plus im Kreis

78464 Konstanz Icon Haken im Kreis gesetzt Icon Plus im Kreis

Rente Icon Haken im Kreis gesetzt Icon Plus im Kreis


© Südkurier