Für eine lebendige und verkehrsberuhigte Ortsmitte
Raum für Begegnung, höhere Aufenthaltsqualität und ausreichend Platz für alle Verkehrsteilnehmer, mit Fokus auf Fußgänger und Radfahrer: Dieses Ziel einer lebendigen und verkehrsberuhigten Ortsmitte strebt die Gemeinde Bermatingen an. Dabei nutzte sie das Angebot des Verkehrsministeriums Baden-Württemberg zur kostenlosen Qualitätserfassung.
Beim Qualitätscheck wird die Kommune fachlich begleitet. Experten der Verkehrs- und Stadtplanung des Stuttgarter Büros „Pesch Partner“ untersuchten im Juli 2025 mit einer standardisierten Erhebung speziell die Ortsdurchfahrt. Architekt und Stadtplaner Volker Scholz stellte die Ergebnisse und Vorschläge jüngst im Gemeinderat vor: „Das Ganze ist eine gutachterliche Empfehlung, eine kostenlose Option ohne Umsetzungszwänge.“
Experten untersuchen die Ortsdurchfahrt
In Bermatingen wurde die Ortsdurchfahrt ab Einmündung Kirchweg bis zur Jägerstraße untersucht, eine Länge von 485 Metern. Bewertet wurde in sechs Kategorien: Rad-, Fuß- und öffentlicher Verkehr, Aufenthaltsqualität und Grün, Ortsbild und Nutzungen sowie die Verträglichkeit des Parkverkehrs.
In der Gemeinde gebe es großen Handlungsbedarf beim Fußverkehr. Die Querungsanlagen sind nicht barrierefrei, die Gehwegbreiten häufig zu gering. Die Null von sechs möglichen Bewertungspunkten sei hier eher Regel als Ausnahme. Scholz lobte die gute Bus-Anbindung, bemängelte aber die nicht barrierefreien Haltestellen. Die Verkehrsbelastung mit rund 11.000 Fahrzeugen täglich sei auch mit Blick auf die Radfahrer negativ zu werten. Die sehr intakte Nahversorgung gelte es zu erhalten. Das Ortsbild sei sehr ansprechend, positiv die durchgängige Höchstgeschwindigkeit von Tempo 30 und die geringe Wartezeit an der Bedarfsampel.
An der Ampel fehlen akustische Zusatzsignale
Acht der 19 Handlungsimpulse zeigte Volker Scholz auf: Die Querungshilfe im Bereich der Ahausener Straße und die Signalanlage in der Salemer Straße seien nicht komplett barrierefrei und für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen nur eingeschränkt nutzbar. An der Ampel fehlten akustische Zusatzsignale. Die längsseitigen Parkbuchten verengten den Gehweg teils erheblich, sie seien nicht bewirtschaftet und könnten unerwünscht dauerhaft genutzt werden.
Leute mit Mobilitätseinschränkungen oder Lieferfahrzeuge müssten weiter entfernt oder illegal auf dem Gehweg parken. Das Parken sollte reduziert und bewirtschaftet werden, so Scholz. Er schränkte aber ein, dass klar sei, dass der Bäcker vom Kurzstopp vor dem Laden lebe. Sicher seien aber einige Parkstände weniger genutzt: Hier könne man sich eine Reduzierung zugunsten von Radfahrern überlegen.
Standardmaß für Gehwege sind seit Jahrzehnten 2,50 Meter. Das sei nicht immer möglich, aber man sollte sich das Maß immer wieder vergegenwärtigen, dies sei wichtig bei der Begegnung von Rollstuhl-, Rollator - und Kinderwagen-Fahrern. Es gelte, Gehwege beispielsweise von Aufstellern freizuhalten.
Das Verkehrsministerium Baden-Württemberg hat vier Werkzeuge für die Optimierung von Ortsmitten ins Leben gerufen: Die Qualitätserfassung, es gibt eine Visualisierung, wie sich der Straßenraum neu gestalten lässt; eine temporäre Umgestaltung wie das Ausleihen von Pflanzgefäßen oder Möblierungselementen, um zu schauen, wie es in der Realität wirkt, sowie eine Serviceanlaufstelle für Fragen.
Aufenthaltsflächen am Rathaus wenig einladend
An der Einmündung zur Kellhofstraße gebe es zwar abgesenkte Bordsteine, aber nur einen unebenen, nicht barrierefreien Pflasterstreifen zur Querung. Hier sollte man den Fußgänger priorisieren und den Gehweg durchziehen. Die Aufenthaltsflächen rund ums Rathaus wirkten wenig einladend, so Scholz.
Den nach heutigen Gesichtspunkten veralteten, nicht barrierefreien Sitzgelegenheiten fehlten Rücken- und Armlehnen, die Flächen seien stark versiegelt. Beim Platz vor der Sparkasse könnten in Absprache mit den Eigentümern Parkstände reduziert, Flächen entsiegelt und durch Bepflanzung ein Mehrwert für den Straßenraum hergestellt werden.
Abstimmung mit dem RP Tübingen bei Querungsanlage
Vorgeschlagen werde eine zusätzliche barrierefreie Querungsanlage im Bereich Apotheke, Metzgerei und Bank. Das ginge nur in Abstimmung mit dem Regierungspräsidium Tübingen. Die Vorgaben wie Abstand von einer Querung zur anderen und Tempo weichten so langsam auf.
Ein kleiner Impuls sei, den bestehenden, zur Kühlung wichtigen Bäumen entlang der Straße größere Beete, Anfahrschutz und die Einbringung von Substrat angedeihen zu lassen, damit sie sich vital entwickeln können. Die Busbuchten könne man mit weniger Fläche und barrierefrei ausbauen und mit einem Wetterschutz versehen. Die Förderungen betragen in der Regel 50 Prozent, bei hohem Mehrwert für den Klimaschutz bis zu 75 Prozent.
Bürgermeister möchte sich „in Ruhe“ damit auseinandersetzen
„Wir werden uns damit in Ruhe auseinandersetzen“, sagte Bürgermeister Martin Rupp und verwies auf bereits geäußerte Wünsche wie eine zusätzliche Querung, die man nun eventuell aufgrund der Empfehlung und behördlichen Umdenkens umsetzen könne. CDU-Gemeinderat Alexander Gohm erkundigte sich nach Alternativparkplätzen, wenn einige bestehende wegfallen sollten. Trotz Parkbuchten gehe es manchmal zu wie im wilden Westen.
Konkret habe er dazu keine Antwort, so der Referent, man müsse abwägen, mit den Anliegern diskutieren und man habe die Optionen mit Parkplätzen in Laufweite, nannte er Parkbuchten auf der Nordseite und den Atoplatz. „Das sind heute häufig schwer oder nicht aufzulösende Zielkonflikte“, so Rupp. Natürlich seien mehr Grün und breitere Gehwege schön, aber die örtlichen Betriebe seien auf die Parkplätze vor den Geschäften angewiesen. „Wir haben keine Alternativen im Ortskern. Jeder einzelne wegfallende Stellplatz würde den Einzelhandel schmerzen.“
Vorschlag für langfristige Barrierefreiheit
Als fast schwachsinnig bezeichnete Gerold Müller (LBU) eine vorgeschlagene Parkgebühren-Erhebung. Aber der Einzelhandel könnte Interesse haben, mit einer zeitlichen Begrenzung Dauerparker zu verbannen, so Scholz. Er habe die Ladenbetreiber nicht gefragt, ob es Dauerparker gebe, sagte er auf die weitere Frage Müllers. Anja Kutter (SPD) schlug vor, Bermatingen langfristig systematisch barrierefrei zu gestalten, was Rupp zusagte; manches könne man auch schon kurzfristig umsetzen. Alles andere müsse man sehr gut überlegen.
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