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Sie beten in der Inselkirche, flüstern ihm zu und blicken in seine Augen: der Wahnsinn und der Wal

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21.04.2026

Martin Hoyer fährt seit vielen Jahren zur See. Auf den ganz großen Brummern, sagt er und lässt den Blick über die Bucht vor Kirchdorf nahe Wismar schweifen. Für echte Seeleute wie ihn ist die Kirchsee vor der Insel Poel eine Pfütze. Als Hoyer vor vielen Jahren, so genau erinnert er sich nicht mehr, mit einem Containerschiff vor der brasilianischen Küste ankerte, sah er zum ersten Mal in seinem Leben einen Buckelwal. Wobei, nicht nur einer, ein ganzes Rudel sei da gewesen. Richtig aufpassen mussten sie mit dem großen Schiff. Inzwischen fährt der Rostocker auf der Fähre zwischen seiner Heimatstadt und Dänemark hin und her. Buckelwale hat er da noch nie gesehen, höchstens mal einen kleineren Schweinswal.

Ein schwarzer Fleck am Horizont: Ist das der Buckelwal?

Das soll sich heute ändern. Mit seiner Frau ist er an diesem Dienstagmorgen extra mit dem Auto eine Stunde von Rostock nach Kirchdorf gefahren, um ihn zu sehen. Den Wal, den seine Partnerin und ganz Deutschland „Timmy“ nennt. Sie sitzen auf einer Bank am Kai. Die Sicht ist klar, die Sonne scheint, der Wind bläst mit 22 Kilometern pro Stunde. Er zieht an seiner E-Zigarette. Sie beobachtet den Wal über einen Livestream auf ihrem Smartphone.

„Da hinten, da ist er“, sagt Hoyer und deutet auf einen schwarzen Fleck am Horizont. Seit der Buckelwal hier in der Bucht gestrandet ist, beschäftigt er das Paar. Und wie so viele Schaulustige haben auch sie eine klare Meinung zum Wal, seiner Rettung oder seiner Nicht-Rettung.

Ein „Wal-Flüsterer“ legt dem Tier die Hand auf, eine Aktivistin springt von der Fähre

Zunächst war er eine Sensation: Als der zwölf Tonnen schwere Buckelwal Anfang März zum ersten Mal im Hafen von Wismar gesichtet wurde, war man überrascht, verwundert, begeistert. Ein Buckelwal in der Ostsee, so nah am Land: Eine echte Seltenheit! Als klar war, dass sich der Wal hierher nicht nur verirrt hat, sondern vermutlich krank ist und deshalb immer wieder auf Sandbänken strandet, entwickelte sich die Sensation zur Tragödie. Eine menschengemachte Tragödie. Experten streiten mit Aktivisten, Einheimische sind genervt von den vielen Schaulustigen. „Wal-Flüsterer“ legen dem Tier die Hand auf, Aktivisten springen von Fähren, ein Umweltminister erhält Morddrohungen und Frauen ziehen sich an den Haaren, weil: Wie kann man es angesichts des leidenden Meeressäugers wagen, hier vor der Küste noch genüsslich in ein Fischbrötchen zu beißen?

In der Kirchsee vor Poel geht es längst nicht mehr um einen Wal. Hier geht es um die großen Fragen, wohlgemerkt Fragen von Menschen, nicht von Walen: Wie viel ist ein Leben wert, wie viel gibt man, um es zu retten, wenn da vielleicht gar nichts mehr zu retten ist? Wo endet Hilfe, wo beginnt Qual? Warum berührt das Schicksal eines leidenden........

© Südkurier