„Am Dienstag kommt immer meine Spieleoma“: Leihgroßeltern betreuen Kinder
Um ein Kind zu erziehen, braucht es bekanntlich ein ganzes Dorf. Doch wenn Eltern berufstätig sind und Großeltern nicht in der Nähe wohnen, wird es schwierig, den Kleinen genug Zeit zu schenken. Leihgroßeltern übernehmen diese Aufgabe gern. „Die Omis sind wirklich Engelchen für uns und ein Geschenk für die Familien“, sagt Anna Sezen.
Sie ist mit Svetlana Aul und Olesa Ungefuk ehrenamtlich im Vorstand des Vereins Familientreff-Insel tätig. Dieser hat vor 23 Jahren in Friedrichshafen das Herzensprojekt „Kinderbetreuung durch Senioren“ ins Leben gerufen. Seitdem helfen sie dabei, Leihgroßeltern an Familien zu vermitteln. Momentan sind etwa zwölf bis 15 Seniorinnen aktiv dabei, Leihopas gibt es zurzeit nicht. Laut Svetlana Aul seien alle sehr fit und motiviert. „Die sind unsere Vorbilder. So möchte ich in Zukunft sein“, sagt sie.
Wie finde ich eine Leihoma?
Familien müssen Vereinsmitglieder sein, das kostet 30 Euro im Jahr. Zunächst wird ein Kennenlerngespräch geführt, um die Wünsche innerhalb der Betreuung herauszufinden und die Personen besser einschätzen zu können. Familientreff-Insel schaffe es meist, innerhalb eines Monats die passende Oma zu finden. Trotzdem gebe es etwa fünfmal mehr Anfragen als Leihomas, weshalb händeringend neue Omas und Opas gesucht werden. Interessierte können sich per E-Mail info@familientreff-insel.de oder telefonisch 07541/75150 melden.
Leihomas betreuen Kinder bis zur Einschulung
In der Regel haben die Omas selbst Enkelkinder, die weit weg wohnen. Viele sind auch verwitwet und suchen eine neue Lebensaufgabe. „Die Sehnsucht, geliebt zu werden und irgendwo nützlich zu sein, ist natürlich da“, sagt Aul. Meistens werden die Kinder wöchentlich für zwei bis drei Stunden oder den ganzen Tag von den Leihomas betreut. Oft vom Kleinkindalter bis zur Einschulung, für etwa fünf bis sechs Jahre. Etwa die Hälfte der Familien sei nicht in Deutschland geboren. „Für viele Kinder ist das auch eine gute Möglichkeit, Deutsch zu lernen“, so Anna Sezen. In den Betreuungen würden diese auch automatisch, durch Lieder oder Mahlzeiten, die regionale Kultur kennenlernen.
Um ihre Erfahrungen auszutauschen, treffen sich die Leihomas jeden Monat in einem Café. Hier sind sich alle einig: Die Offenheit, Ehrlichkeit und Spontanität schätzen sie an den Kindern am meisten. Besonders schön und spannend sei zudem, dass man sie bei ihrer Entwicklung begleiten kann. „Kinder sind unheimlich direkt. Das ist toll“, sagt Helmi Fauth.
Die 87-Jährige ist am längsten beim Projekt von Familientreff-Insel dabei. Sie hat vor 20 Jahren ihr erstes Kind übernommen, mittlerweile ist sie bei ihrem siebten angekommen. „Es muss so sein, dass alle Freude daran haben. Das Kind, die Oma und die Familie“, erklärt sie. Die Leihomas freuen sich, wenn sie Familien unterstützen und der Gesellschaft etwas zurückgeben können.
Leihomas bauen persönliche Bindungen zu Familien auf
Für den Verein sei es immer wieder ein besonderer Moment zu sehen, „wie die Kinderaugen strahlen, wenn sie mit ihren Omis zusammen sind“, so Anna Sezen. Ob das Kind jünger, älter, ruhiger oder aufgedrehter ist – die Seniorinnen haben da unterschiedliche Wünsche. „Jede Oma ist so besonders, da muss einfach die Chemie stimmen“, erklärt Svetlana Aul. Manchmal passe die Energie zwischen Familie und Leihoma nicht, andere Male gehen die Vorstellungen auseinander.
In den meisten Fällen entstehe aber eine sehr enge Beziehung, die auch Jahre nach Beendigung der Betreuung anhalte. Die Omas werden dann wie ein echter Teil der Familie wahrgenommen und auch so behandelt. Sie werden zu Geburtstagen, Ostern und Weihnachten eingeladen. Die Seniorinnen behandeln die Kinder ebenfalls wie ihre eigenen Enkel. „Es ist uns auch wichtig, dass die Familien die Leihomas wertschätzen“, sagt Aul. In einem Vertrag ist deshalb ausdrücklich geregelt, dass das Projekt keine klassische Kinderbetreuung oder Haushaltshilfe ersetzt.
Am Anfang habe jede Familie Bedenken und Ängste, das Kind mit einer fremden Person allein zu lassen. Deshalb leistet der Verein Vorsorge. Ein Vertrag wird angelegt und jede Leihoma muss ein polizeiliches Führungszeugnis vorzeigen. Trotzdem wird den Familien empfohlen, sich zwei- bis dreimal mit der Leihoma zu treffen, bevor die erste Einzelbetreuung stattfindet. Manche seien nach einem Monat bereit, andere hingegen nach drei – da gibt es keine Vorgaben.
Berührende Momente für die Ehrenamtlichen
„Vertrauen ist ganz wichtig. Ich habe immer gesagt, gib keinen Ratschlag bei der Erziehung“, sagt Leihoma Helmi Fauth. Für sie sind Ehrlichkeit und die Fähigkeit, auf sein Bauchgefühl zu hören, unverzichtbar und entscheidend für eine funktionierende Beziehung. Den Moment zu erleben, „wenn die Eltern dann auch wissen, dass sie ihr Kind in gute Hände geben“, sei laut Aul immer ein berührender Moment für die Ehrenamtlichen vom Familientreff.
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