Forsa-Chef Güllner: Der „Demoskopen-Papst“ will kürzer treten
„Demoskopen-Papst“, „Herr der Zahlen“ oder „Mann der Meinung“, so wird er genannt, er stellt den Deutschen die „Sonntagsfrage“, liest Kanzlern, Ministern oder Parteichefs die Leviten: Manfred Güllner gehört seit mehr als vier Jahrzehnten zum festen Inventar des Politikbetriebs, doch zum Monatsende zieht er sich zurück. Zumindest aus dem Tagesgeschäft seines Forsa-Instituts, so schränkt er gleich ein. Äußern werde er sich natürlich schon noch ab und an. Im Gespräch mit unserer Redaktion in seinem Büro im vierten Stock einer feinen Berliner Gewerbeimmobilie in Spreenähe blickt der 84-Jährige zurück auf seine Anfänge als Meinungsforscher. Bevor es schnell wieder aktuell wird. Und CDU-Kanzler Friedrich Merz sein Fett abbekommt, ebenso die SPD, die Partei, mit der ihn eine komplizierte Geschichte verbindet.
„Im Gymnasium war ich als Kommunist verschrien, habe mich schon sehr früh für Politik interessiert“, sagt der gebürtige Remscheider über seine Nachkriegsjugend. Doch mit seinen ausführlichen Ausführungen über Wahlergebnisse habe er seine Mitschüler eher gelangweilt, erinnert er sich. Das Soziologiestudium führt ihn dann nach Köln, wo er sich in der SPD engagiert. Für die zieht er 1969 in den Stadtrat ein und stellt erste Untersuchungen zum Wählerverhalten an. Damit, so schildert er, geriet er „in den Beritt des Infas-Instituts“. Mit dem habe die SPD damals zusammengearbeitet, als Reaktion auf die erfolgreiche Kooperation der CDU mit den Allensbacher Meinungsforschern.
Welche Lehren Güllner aus seinen Jahrzehnten als Beobachter zieht
Infas holt den aufstrebenden Konkurrenten dann in leitender Funktion an Bord, bis dieser zum Statistischen Amt der Stadt Köln wechselt. Denn der damalige SPD-Oberbürgermeister will wissen, wo den Bürgern der Schuh drückt, und der junge Genosse liefert ihm dazu die Zahlen. Weil die Zusammenarbeit mit dem Nachfolger weniger fruchtbar ist, verlässt Güllner 1984 die sichere Stelle im öffentlichen Dienst und gründet sein Forsa-Institut. „Es dauerte, bis ich wieder normal denken konnte“, sagt er über den Wechsel von der Behörde in die Privatwirtschaft. Mit Forsa setzt er, damals revolutionär, auf das Telefon als Erhebungsmethode. Zuvor klingelten die Meinungsforscher direkt an den Haustüren. Bis heute führt das Unternehmen mit rund 80 Mitarbeitern hunderte von Telefoninterviews täglich, nutzt aber auch digitale Erhebungen.
In Güllners Anfangsjahren regieren in Westdeutschland entweder die SPD oder die Union, die liberale FDP spielt Zünglein an der Waage. Doch dann beginnt der Niedergang der Volksparteien, die Wähler laufen davon, weil sie, so der Demoskop, sich „in zunehmendem Maß um Randthemen und Randgruppen kümmern, statt um die Mitte der Gesellschaft“. Andere Parteien nutzten die Chance, vor allem aber wachse die Partei der Nichtwähler.
Für eine erfolgreiche Wahl, auch das eine der Lehren, die Güllner aus jahrzehntelanger Beobachtung zieht, muss auch das Spitzenpersonal Kompetenz und Tatkraft ausstrahlen. „Als die CDU Armin Laschet zum Kanzlerkandidaten kürte, gingen die Werte sofort deutlich nach unten“, erinnert er sich an den Vorabend der Bundestagswahl 2021, zu der Langzeitkanzlerin Angela Merkel nicht mehr antrat. Bis heute ist Güllner überzeugt, dass der bayerische Ministerpräsident von der CSU der aussichtsreichere Bewerber gewesen wäre: „Mit Markus Söder hätte die Union die Wahl gewonnen.“ So hat mit Olaf Scholz ein SPD-Kandidat gesiegt, den Güllner nicht gerade für einen Stimmenmagneten hält.
Güllner und seine SPD: Eine schwierige Beziehung
Überhaupt, die SPD: Musste sich Güllner lange gegen den Vorwurf wehren, sein Parteibuch spreche gegen die Unabhängigkeit seiner Studien, hat sich die Situation längst ins genaue Gegenteil gedreht. Inzwischen ist Güllner für führende Sozialdemokraten eine Reizfigur. Denn die Reformpolitik von Gerhard Schröder, mit dem er gut konnte, hält der Demoskop bis heute für richtig und auch keineswegs für den Grund für den Niedergang der Sozialdemokratie. Damit steht er im offenen Widerspruch zu all jenen Funktionären, die sich anschickten, das vermeintliche „Hartz-IV-Trauma“ der SPD zu überwinden. Güllner: „Bis heute macht sich die SPD was vor. Mit Wahlkämpfen, die sich um soziale Gerechtigkeit und Umverteilung drehten, hat sie nie etwas gewonnen.“ Es müsse vielmehr um Erneuerung und Modernisierung gehen. Damit sei auch zu den jüngsten Wahldebakeln der Sozialdemokraten praktisch alles gesagt.
Nicht sonderlich gut zu sprechen ist Güllner auf die Grünen, was auch umgekehrt gilt. Die Funktionäre der Ökopartei nennt er „Machttechniker“, die sich nicht den Anliegen der arbeitenden kleinen Leute widmeten, sondern ein wohlhabendes, eher städtisches Klientel bedienten. Das Heizungsgesetz des grünen Wirtschaftsministers Robert Habeck aus der Ampel-Regierung habe viele Wähler in die Arme der AfD getrieben. Deren Kern bestehe aus einem „rechtsradikalen Potenzial, das immer da war“, so Güllner. Zu dem dann aber die Unzufriedenen hinzustoßen seien, in dem Maß, in dem die anderen Parteien den Blick für die täglichen Sorgen der Menschen aus den Augen verlieren. Seine über die Jahre stabile Beobachtung sei aber auch: „Rund 80 Prozent der Wahlberechtigten wollen nichts mit der AfD zu tun haben.“
Wenn also etwa die Union in Wahlkämpfen auf typische AfD-Themen wie Migration setze, sei dies strategisch falsch. Dass CDU-Chef Friedrich Merz, bevor er Kanzler wurde, in Kauf nahm, für seinen migrationspolitischen Antrag im Bundestag eine Mehrheit nur zusammen mit der AfD zu erreichen, nennt Güllner einen „Riesenfehler“. So klingt sein demoskopen-päpstlicher Rat an die beiden strauchelnden Volksparteien, die in einer „Großen Koalition“ regieren, die diesen Namen kaum mehr verdient, beinahe simpel: „Union und SPD müssen jetzt die Wirtschaft in Gang bringen und die Gesellschaft modernisieren – wenn sie das nicht schaffen, geht ihr Niedergang weiter.“
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