Dubiose Geschäfte, kaum Rechte und verschleppte Reformen: Das System hinter der 24-Stunden-Pflege
Irgendwann kommt der Anruf. Die Mutter ist gestürzt, der Vater findet sich nicht mehr zurecht. Dann beginnt die Suche nach einer schnellen Lösung, viele Familien landen bei der sogenannten 24-Stunden-Pflege: einer Betreuungskraft aus Osteuropa, die im Haushalt mit lebt. Doch neun von zehn Angeboten sind nach Selbsteinschätzung der Branche illegal. Die Zahl stammt von Frederic Seebohm, Geschäftsführer des Bundesverbands Häusliche Betreuung und Pflege (VHBP). Er verbindet sie mit Kritik am Gesetzgeber, der seit Jahren jede belastbare Regelung verzögere. Bereits 2024 bestätigte ein gemeinsamer Bericht der Bundesministerien für Arbeit und Gesundheit sowie der Pflegebevollmächtigten den Befund: intransparente Verträge, überschrittene Arbeits- und Ruhezeiten, häufige Scheinselbstständigkeit, kaum mögliche Kontrollen. Selbst die Vermittlung über eine in Deutschland ansässige Agentur ist laut des Berichts „kein Garant für ein rechtssicheres Modell“.
Missverständnis „24-Stunden-Pflege“
Je nach Datengrundlage geht man von 200.000 bis 600.000 Betreuungskräften aus, die in deutschen Haushalten arbeiten, zum großen Teil Frauen aus Osteuropa. Belastbare Zahlen gibt es nicht, die Dunkelziffer ist enorm. Der Begriff „24-Stunden-Pflege“ provoziert Missverständnisse. Erstens wegen eines unerfüllbaren Anspruchs auf Arbeit rund um die Uhr. Zweitens kann und darf der Großteil der Kräfte nicht pflegen, sondern nur im Haushalt helfen: beim Kochen, An- und Ausziehen, Waschen. In der Praxis verschwimmt die Grenze. Zwischen seriösen Agenturen, grauen und schwarzen Schafen zu unterscheiden, ist kaum möglich. Über 800 Vermittler listet allein ein Vergleichsportal, verbindliche Standards gibt es nicht. Welche Mechanik hinter den Verträgen und Entsendungen steckt, zeigen Dokumente der polnischen Agentur Konik aus Głogów, unweit der deutschen Grenze. Über sie bezog eine Familie aus dem Landkreis Konstanz ihre Betreuungskraft, deren Alltag der erste Teil dieser Recherche geschildert hat.
Was sich hinter den Verträgen verbirgt
Der Bauplan ist simpel. Die deutsche Agentur vermittelt, der eigentliche Dienstleistungsvertrag läuft zwischen einer meist polnischen Firma und der deutschen Familie. Das ist weniger Arbeits- als Verantwortungsteilung, im Zweifel zulasten aller, außer der Agenturen. Die Betreuungskraft wiederum schließt eine „Umowa zlecenia“ ab, einen zivilrechtlichen polnischen Auftragsvertrag. Sie ist damit freie Dienstleisterin ohne Kündigungsschutz, bezahlten Urlaub oder finanzielle Sicherheit im Krankheitsfall. Bernadett Petö vom Beratungsnetzwerk für Faire Mobilität nennt solche Verträge ein inzwischen „typisches Modell und gleichzeitig hochproblematisch“. Auf dem Papier sei die Frau zwar keine........
