Bürgermeisterinnen in der Region: Der zähe Kampf gegen etablierte Männerbünde
Das Telefon auf dem Schreibtisch von Marion Frei klingelt. Ein Feuerwehrmann aus Dettighofen ist am Apparat. Er muss dringend ein Gerät für die Abteilung ersteigern. Bei einem verpassten Gebot entginge dem Dorf ein guter Fang. Die Bürgermeisterin klärt das Anliegen sofort. Kurz darauf tritt ein Mann unvermittelt in ihr Büro. Er verlangt eine Auskunft, jetzt. Frei nimmt sich die Zeit, erklärt den Sachverhalt über den Tisch hinweg. Kein Vertrösten auf Sprechzeiten, kein „Ich bin jetzt beschäftigt“. Man kennt sich in der 1100-Seelen-Gemeinde an der Schweizer Grenze.
Nahbarkeit prägt Freis Arbeitsalltag. Sie entschuldigt sich zweimal höflich für die Unterbrechungen, aber mit dem Selbstverständnis, dass die Interessen der Gemeinde wichtiger sind als ein Interview. Das Bild des abgehobenen Dorfoberhaupts verblasst hinter dem Pragmatismus. Bei ihrem Start 2014 stieß ihre anpackende Art – „Ich bin in der Landwirtschaft groß geworden, da ist Unterstützung untereinander normal“ – auf Verwunderung. Ob die bisherigen Briefbögen vernichtet werden sollen, wurde sie gefragt. „Da stand groß drüber: Der Bürgermeister“, erinnert sich Frei, mit Betonung auf der. „Haben wir natürlich nicht gemacht, sondern erst einmal alles aufgebraucht.“
Dass Marion Frei überhaupt Bürgermeisterin ist, überdeckt eine ernüchternde Statistik. Der Stuttgarter Soziologe Simon Stocker hat in Kooperation mit dem Deutschen Städte- und Gemeindebund Ende 2024 ermittelt, dass nur jedes zehnte Rathaus in Baden-Württemberg von einer Frau geführt wird, einer der niedrigsten Werte deutschlandweit (Durchschnitt: 13,5 Prozent). Dasselbe gilt für den Anteil der Bewerberinnen.
Viele Bürgermeister Jahrzehnte im Amt
Das Ungleichgewicht ist in eingefahrenen Strukturen der Macht begründet, stellt Lars Holtkamp fest. Der Professor für Politik und Verwaltung an der Fernuniversität Hagen forscht zu Geschlechterrollen in der deutschen Politik. Er macht lange bestehende Männerbünde als massives Hindernis für Bewerberinnen aus. Lange vor der Kandidatur verteilen diese Zirkel lukrative Posten untereinander. Das Wahlrecht verschärft die Situation. Sie erlaubt Bürgermeistern unbegrenzte Wiederwahlen, zudem ist die Amtszeit in Baden-Württemberg mit acht Jahren besonders lang.
„So sind viele Herren mindestens 24 Jahre Bürgermeister“, fasst Holtkamp zusammen. Die langen Amtszeiten führen „zu Klüngel und Sonnenkönigen“, weshalb er eine strikte Beschränkung empfiehlt: zwei Wahlperioden, um die „Männerdomäne aus dem letzten Jahrhundert“ nicht fortzuführen. Ein Blick nach Frankreich zeigt eine weitere Maßnahme. Gesetze zwingen Parteien dort zu ausgewogenen Kommunalparlamenten. Allein schon aus Eigeninteresse werben Männer um Frauen als Stadträtinnen, die zum Sprungbrett für Bürgermeister werden können.
Sexistische Kommentare im Wahlkampf
Für etliche Kandidatinnen in der Region gleicht der Weg ins Amt einem Spießrutenlauf und offenbart, wie unterschiedlich Frauen im Wahlkampf behandelt werden. Wähler und Mitbewerber konfrontieren sie mit völlig anderen Fragen. Susen Katter erlebte diese Absurdität im Bürgermeisterwahlkampf in Stockach. Ein Wähler erklärte ihr sein Gesellschaftsbild: Berufstätige Frauen verursachten Lebensmittelverschwendung. „Die Hausfrauen früher konnten am Geschmack und Geruch erkennen, ob Lebensmittel genießbar seien, heute hätten sie es verlernt und man schaue nur auf das Mindesthaltbarkeitsdatum“, erinnert sich Katter an die Anekdote. „Da fehlen einem schon die Worte.“
Frauen in kommunalen Spitzenämtern werden zudem häufiger zu Opfern von sexistischer Anfeindung oder gar Übergriffen, wie Studien mehrfach belegten. So weit muss es nicht kommen, Herabwürdigung beginnt oft unterschwellig. Die Kinderfrage gehört zum Standardrepertoire jedes Wahlkampfs. Judith Joy Klotz, seit Februar Bürgermeisterin von Volkertshausen, stieß das häufige Nachbohren zunächst auf. „Männer fragt man so etwas nicht“, stellt die 31-Jährige klar. Sie verweigerte anfangs die Auskunft über ihr Privatleben. Der Druck zwang sie zur Stellungnahme. „Am Ende hat man mir gesagt, dass das Thema mit wahlentscheidend war.“ Politikwissenschaftler Holtkamp kennt das Muster und macht darin ein fundamentales Misstrauen an der langfristigen Leistungsbereitschaft von Frauen aus.
Einmal im Amt sehen sich Frauen dem Mythos der absoluten Aufopferung für die Gemeinde ausgesetzt. Der Bürgermeister kommt als Erster und geht als Letzter, Präsenz an sieben Tagen der Woche rund um die Uhr: Bis heute erwarten das gerade auf dem Land viele. Das blockiert den Zugang für Mütter ins Amt, wie eine große Befragung der Ruhr-Universität Bochum unter ehrenamtlichen Bürgermeistern zeigt: Mehr als jede vierte Frau stuft die Vereinbarkeit von Mandat, Familie und Beruf als „sehr schwer“ ein, mehr als die Hälfte als „manchmal schwierig“.
Susen Katter führt diesen inneren Konflikt täglich in Stockach. Ihre noch kleinen Kinder fragen morgens regelmäßig, „ob wir uns heute noch sehen“. Die Bürgermeisterin reserviere sich bewusst drei bis vier Abende pro Woche für die Familie, sagt sie. Das Amt hat einen hohen Preis, den das private Umfeld mitbezahlt. „Das ist für mich persönlich die größte Herausforderung dieses Amtes“, fasst Katter zusammen. Vera Schraner führt die Gemeinde Büsingen am Hochrhein. Ihr Mann reduzierte sein Arbeitspensum nach ihrer Wahl, für Schraner „eine riesige Entlastung“. Jemand muss einkaufen, kochen und das Haus in Ordnung halten. „Ich wüsste nicht, wann ich das noch tun soll.“
Bürgermeisterinnen stehen für neuen Führungsstil
Die deutsche Exklave leitet auch sie anpackend. „Ich arbeite sehr operativ, schreibe selbst Sitzungsvorlagen und bin in meinem Zuständigkeitsbereich auch Sachbearbeiterin“, schildert Schraner ihren Alltag im Rathaus. Die Distanz zum klassischen Macht- und Hierarchiegehabe sei für sie normal. „Und wenn es nötig ist, nehme ich auch die Kehrschaufel in die Hand.“ Den Anspruch der ständigen Erreichbarkeit weist sie von sich: „Niemand hält dauerhaft 70 Stunden pro Woche durch.“ Wegen vieler Abend- und Wochentermine sehe man sie tagsüber eben auch beim Friseur oder Joggen. Marion Frei wählte in Dettighofen einen ähnlichen Weg. Sie verweigerte den Eintritt in die 24-Stunden-Fußstapfen ihres Vorgängers.
Die vier Bürgermeisterinnen aus der Region erwähnen alle ihren von Zusammenarbeit und Lösungsorientierung geprägten Arbeitsstil. Sie sind damit Teil eines Umbruchs in den Rathäusern, der sich auch bei jüngeren männlichen Amtsinhabern mehr und mehr durchsetzt. Am Ende überzeugen Engagement und Ergebnisse, unabhängig von gemessener Präsenz. Marion Frei startete in Dettighofen gegen Widerstände. Bei ihrer ersten Wahl überzeugte sie nur etwa die Hälfte der Wähler, obwohl sie keinen Gegenkandidaten hatte. „Ein Ergebnis, das mich anfangs Mut kostete“, sagt Frei. Acht Jahre später schienen die Zweifler überzeugt, sie wurde mit 98 Prozent der Stimmen wiedergewählt.
Judith Joy Klotz in Volkertshausen steht für eine junge Generation in den Rathäusern. Die 31-Jährige hatte das Glück, dass sie zuvor als Ordnungsamtsleiterin von Ostrach eine etwa gleichaltrige Bürgermeisterin zum Vorbild hatte. Sie habe sie ermutigt, „nicht zurückzuschrecken, wenn mir jemand etwas nicht zutraut“. Will sie selbst einmal Vorbild sein? „Eher dafür, seinen eigenen Weg zu wählen, Zutrauen in sich selbst zu haben.“
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Marion Frei Icon Haken im Kreis gesetzt Icon Plus im Kreis
