Droht Spritmangel wegen Iran-Krieg – was bedeutet das für Autofahrer?
Die Sorge ist da – und sie kommt aus der Politik: Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) stellte auf der Energiekonferenz Ceraweek in Houston (Texas) zuletzt in Aussicht, dass Ende April oder im Mai der Sprit knapp werden könnte, sollte der Konflikt mit Iran weiter eskalieren. Gleichzeitig zeigt sich die Krise bereits an den Zapfsäulen – die Preise für Diesel und Benzin liegen seit Wochen auf hohem Niveau.
Doch ist diese Einschätzung ob der angespannten Lage am Persischen Golf überhaupt gerechtfertigt?
Warum ist die Lage an der Straße von Hormus derzeit so angespannt?
Die Straße von Hormus, eine Meerenge, die den Persischen Golf im Westen mit dem Golf von Oman und dem Indischen Ozean im Osten verbindet, ist einer der zentralen Engpässe des globalen Ölmarkts. Über sie wurden laut Daten der US-Energiebehörde EIA zuletzt rund 20,9 Millionen Barrel Rohöl täglich transportiert.
Seit Beginn des Iran-Kriegs am 28. Februar 2026 hat sich die Situation dort jedoch grundlegend verändert. Der Schiffsverkehr ist massiv eingebrochen: Statt rund 120 Schiffen pro Tag vor dem Krieg passierten zuletzt nur noch gut 100 Schiffe in mehr als zwei Wochen die Meerenge (Stand 7. April 2026).
Das Besondere daran: Die Route ist nicht vollständig gesperrt – und funktioniert trotzdem kaum noch. Wie ISPK-Experte Johannes Peters im Gespräch mit unserer Redaktion erläuterte, reichten bereits einzelne Angriffe aus, um die Passage faktisch lahmzulegen. Reedereien ziehen sich zurück, Versicherungen steigen aus, Risiken werden unkalkulierbar. Einzelne Fahrten durch die Meerenge erfolgen nur unter iranischer Kontrolle.
Hohe Spritpreise: Warum ist Benzin derzeit so teuer?
Die Folge ist eine klassische Verknappung von Öl auf dem Weltmarkt – nicht durch vollständigen Ausfall, sondern durch Unsicherheit. Entscheidend ist dabei ein Mechanismus, der oft unterschätzt wird: Öl wird, wie in einem Bericht der Bundeszentrale für Politische Bildung (bpb) dargelegt, global gehandelt. Es spielt daher nur eine untergeordnete Rolle, wo ein Land sein Öl ursprünglich bezieht. Fällt ein Teil des Angebots aus, verschieben sich die Ströme – und der Preis steigt weltweit.
Genau das passiert derzeit. Laut dem aktuellen Policy-Briefing des ISPK fehlen Öl, Gas und andere Rohstoffe bereits spürbar am Markt, die Preise bleiben hoch oder steigen weiter. Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bestätigt diese Dynamik auf Anfrage unserer Redaktion: Selbst ohne direkte Importe aus dem Iran trifft die Störung Europa über den Weltmarkt – etwa durch Verdrängungseffekte, also dadurch, dass sich Staaten gegenseitig auf dem Weltmarkt überbieten, um knapper werdendes Öl zu sichern.
Droht wirklich ein Spritmangel durch den Iran-Krieg?
In Deutschland drohen aktuell keine flächendeckend leeren Tankstellen
In Deutschland drohen aktuell keine flächendeckend leeren Tankstellen
Claudia Kemfert, Abteilungsleiterin Energie, Verkehr, Umwelt beim DIW
Vor diesem Hintergrund wirkt die Warnung vor Spritmangel zunächst plausibel. Wenn ein zentraler Transportweg ausfällt, müsste irgendwann auch die Versorgung leiden. Doch die aktuelle Einschätzung der Experten fällt deutlich differenzierter aus. „In Deutschland drohen aktuell keine flächendeckend leeren Tankstellen“, beruhigt DIW-Ökonomin Claudia Kemfert auf Nachfrage unserer Redaktion. „Das zentrale Problem sind derzeit die stark steigenden Preise.“ Für Autofahrer wird das zunehmend zur Belastung – umso wichtiger ist es, beim Tanken und Fahren gezielt zu sparen.
Der Grund liegt in der Struktur der Versorgung. Deutschland produziert einen Großteil seines Kraftstoffs selbst, die Raffinerien decken den Bedarf weitgehend ab. Ein physischer Engpass würde, so berichtet auch der Spiegel, erst entstehen, wenn den Raffinerien das Rohöl ausgeht – und das gilt aktuell als sehr unwahrscheinlich.
Die politische Warnung bezieht sich daher vor allem auf ein mögliches Extrem-Szenario mit anhaltender Eskalation und dauerhaft blockierter Straße von Hormus.
Iran-Krieg: Welche Kraftstoffe könnten als Erstes knapp werden?
Die Auswirkungen auf die Verfügbarkeit würden sich übrigens nicht gleichmäßig bei allen Kraftstoffarten zeigen. Europa sei laut der Einschätzung des DIW vor allem bei raffinierten Produkten wie Diesel und Kerosin anfällig. Auch der Wirtschaftsverband Fuels und Energie, zuständig für die Raffinerien und Markentankstellen in Deutschland, beschreibt die Lage bei diesen Produkten gegenüber unserer Redaktion als angespannt. Das passt zu den globalen Entwicklungen: Laut ISPK betreffen die ersten Engpässe vor allem Diesel, Flugkraftstoff und LNG.
Für Autofahrer wird das konkret sichtbar: Dieselpreise steigen dem Branchenverband zufolge stärker – obwohl Diesel im Vergleich zu Benzin eigentlich geringer besteuert wird und daher normalerweise günstiger ist.
Schon politische Unsicherheit treibt die Ölpreise.
Schon politische Unsicherheit treibt die Ölpreise.
Claudia Kemfert, Abteilungsleiterin Energie, Verkehr, Umwelt beim DIW
Dass die Preise bereits steigen, obwohl es noch keinen akuten Mangel gibt, ist dabei kein Widerspruch. Märkte reagieren früh. Risiken werden eingepreist, bevor sie eintreten. „Schon politische Unsicherheit treibt die Ölpreise“, erklärte Claudia Kemfert zu einem früheren Zeitpunkt gegenüber unserer Redaktion.
Das bedeutet: Nicht erst tatsächlich fehlendes Öl sorgt für steigende Preise – sondern bereits die Erwartung, dass es bald knapp werden könnte. Hinzu kommt, dass Preisanstiege schnell weitergegeben werden. Laut DIW schlagen geopolitische Schocks oft innerhalb weniger Tage auf die Zapfsäulenpreise durch, während Entlastungen langsamer ankommen.
Welche Länder wären zuerst von einem Spritmangel betroffen?
Während Autofahrer in Deutschland primär die steigenden Preise sehen, zeigt sich global ein anderes Bild. Laut Recherchen des Spiegel trifft die aktuelle Verknappung zunächst vor allem Länder im Globalen Süden, in denen die Nachfrage bereits sinkt. Der Bericht nennt hier Pakistan als ein Beispiel, da dort bereits Energiesparpläne in Kraft getreten seien. Diese könnten sich – so lautet die Einschätzung von Öl- und Benzinexperten Steffen Bukold vom Hamburger Branchendienst Energycomment gegenüber dem Spiegel – vor allem dadurch erklären, dass steigende Preise in wirtschaftlich schwächeren Ländern schneller zu einem Rückgang des Verbrauchs führen. Wohlhabendere Staaten wie Deutschland könnten höhere Kosten zunächst eher abfedern und blieben dadurch ausreichend versorgt.
Die Frage, ob es in Deutschland überhaupt zu einem Spritmangel kommen kann, lässt sich nicht mit einem einfachen „Ja“ oder „Nein“ beantworten. Zusammenfassend ist ein flächendeckender Spritmangel derzeit aber nicht das wahrscheinlichste Szenario. Allerdings bleibt die Lage dynamisch. Sollte die Unsicherheit auf dem Weltmarkt anhalten oder sich weiter verschärfen, kann sich aus dem aktuellen Preisschock ein reales Versorgungsproblem entwickeln, warnt das DIW.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, ob der Sprit knapp wird – sondern wie lange die Straße von Hormus noch als geopolitisches Druckmittel funktioniert.
Übrigens: Für die Stadt Karlsruhe haben wir eine Übersicht erstellt. Aus dieser geht hervor, an welchen zehn Tankstellen Sie am günstigsten tanken können.
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