Die AfD auf dem Dorfe: Wo Juli Zeh irrt
Als meine Familie aus der Stadt in ein Dorf im Thüringer Wald zog, war ich zehn Jahre alt. Eigentlich war es ein kleines Tal am äußersten Rande des Dorfes, umgeben von vielen Fichten und ein paar Tannen, aus denen, ein paar hundert Meter den Berg hinauf, der Felsen ragte, der auf halber Höhe eine kleine, pittoreske Höhle vorhielt. Dorthin hatte einst der junge Goethe seine Charlotte (die zweite) geführt. "Wenn ich so denke, dass sie mit in meiner Höhle war, dass ich ihre Hand hielt, indes sie sich bückte und ein Zeichen in den Staub schrieb …"
In den Wintern, wenn der Schnee alles verhüllte, oder in den Sommern, wenn am Abend der dunkle Wald langsam ausatmete, war unser Tal ein magischer Ort. Und es war ein Ort, der bis heute in mir nachhallt, im Guten, aber auch im Schlechten.
Ich erfuhr, welch Nähe ein Dorf bedeuten kann, aber auch welch Enge. Es war schwer, den Dämonen zu entfliehen, den eigenen – und jenen der anderen.
Bevor ich zum Studium ging, leistete ich meinen Zivildienst im örtlichen Bauhof ab, gemeinsam mit einigen Männern, die gerade ihre Jobs verloren hatten. Es war 1990 und die Brigade nannte sich offiziell Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Die einstige realsozialistische Gesellschaft teilte sich in Gewinner und Verlierer auf, und oft entschieden Alter oder Zufall, zu welcher Seite man gehörte.
Anfang 1991 kamen aus der siechenden Sowjetunion die ersten Flüchtlinge ins Dorf; "die Juden", wie es zumeist hieß. Sie wurden in der "KIM" untergebracht, dem verwaisten Ferienheim des gerade implodierenden Kombinats Industrielle Mastproduktion. Auf der Einwohnerversammlung, die von der Gemeinde abgehalten wurde, war die Stimmung kalt, teils feindlich.
Ich fühlte mich davon abgestoßen, genauso wie von einigen Witzen auf der Baustelle und den Sprüchen in der Kneipe. Aber ich glaubte, die Menschen zu kennen, ihre Urteile und ihre Vorurteile, ihre Stärken und ihre Schwächen. Sie waren die Eltern meiner Schulkameraden, die Leute aus dem Skiverein oder dem Angelverein. Gastfreundschaft und Fremdenfeindlichkeit hatten einander noch nie ausgeschlossen. Außerdem waren die Zeiten kompliziert.
Es würde........
