Mia san mia – eine patriotische Restlverwertung
Österreich ist das, was übrig bleibt.“ So soll Ministerpräsident Georges Clemenceau nach dem Ersten Weltkrieg die Neuordnung Europas kommentiert haben. Selten hat ein vermutlich erfundenes Zitat die Wirklichkeit so treffend beschrieben. Nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie blieb die Hauptstadt für ein Weltreich und ein kleines Land zurück, das viele für nicht lebensfähig hielten. Entstanden nicht aus Freiheitskampf oder Eroberungskrieg, sondern aus einer Niederlage.
Der Historiker Philipp Blom beschreibt Österreich als „Die ungewollte Nation“. Zum neu erfundenen Staat musste erst eine Identität gefunden werden. Sozialisten, katholische Konservative, Deutschnationale und später Mitteleuropäer stritten nicht bloß darüber, wer regieren, sondern was Österreich überhaupt sein sollte. Aus den Restln eines Imperiums wurde keineswegs geradlinig ein Nationalstaat. Dazwischen lagen Bürgerkrieg, Austrofaschismus, Nationalsozialismus und österreichische Mittäterschaft. Der Opfermythos machte die Geschichte leichter verdaulich, aber nicht wahrer.
Und doch entstand nach 1945 ein erstaunlich stabiles Wir. Frieden, Wiederaufbau, Neutralität, Sozialstaat, Sozialpartnerschaft,........
