Wer braucht den ORF?
profil beackert derzeit entsprechend seiner Bestimmung als Investigativmagazin die Umtriebe im ORF – den dringenden Verdacht sexueller Belästigung, eklatante Unvereinbarkeiten von Funktionsträgern, eine Unkultur der Benachteiligung von Frauen. Nicht eben ein Postkartenidyll des Küniglbergs, das dieses Magazin und andere Medien vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk zeichnen, aber das Aufzeigen unerfreulicher Realitäten ist unser Job.
Angesichts dieses Unsittenbilds wird auch die Daseinsberechtigung des ORF angezweifelt. Braucht die Republik ein staatliches Medienhaus, das die eigenen Nachrichtensendungen mit Inhouse-Skandalen beliefert – und das auf Kosten aller Haushalte? Und selbst wenn es gelingt, die üblen Praktiken abzustellen, bleibt die Frage, ob der Staat überhaupt TV- und Radiosender und Internetportale betreiben soll.
Rundfunkstörungen: Ist der ORF noch zu retten?
Von Gernot Bauer und Daniela Breščaković
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Senderstörung: Wie Ingrid Thurnher den ORF retten will
Können das private Medienhäuser nicht genauso gut? Als stellvertretender Chefredakteur eines in Privatbesitz befindlichen Nachrichtenmagazins antworte ich darauf mit Ja. profil und viele andere Medien in diesem Land berichten so, wie es das Gesetz eigentlich nur vom ORF verlangt – ausgewogen, um Wahrheit und Objektivität bemüht. Entsprechend unvoreingenommen gehen wir an Skandale heran: Wo immer einer schlummert, wird er ohne Rücksicht auf dessen Urheber aufgedeckt.
Doch das Selbstbewusstsein als Journalist eines privaten Mediums darf nicht den Blick auf die Realität vernebeln. Die stellt sich aktuell dramatisch dar: Noch nie waren Medien so sehr unter Druck wie heute. Ihr Markt wird kleiner, ihre Gegner werden mächtiger. Ins Autoritäre drängende Regierungen wie jene der USA, Ungarns und andere versuchen mit allen Mitteln, sich kritischer Berichterstattung und satirischer Unterhaltung zu entledigen. Selbst ein Weltblatt wie die „Washington Post“ gerät ins Taumeln. Mehr als 100 Millionen Dollar Verlust in einem Jahr führen zu drastischem Stellenabbau, und der Eigentümer, Amazon-Milliardär Jeff Bezos, schmiegt sich an US-Präsident Donald Trump. Der wiederum macht alle Medien runter, die ihm in die Quere kommen.
Der Aufstieg der Autokratien geht weltweit mit der Kastration und Ausschaltung von Medien einher.
Der Aufstieg der Autokratien geht weltweit mit der Kastration und Ausschaltung von Medien einher.
Der Aufstieg der Autokratien geht weltweit mit der Kastration und Ausschaltung von Medien einher.
Was hat das mit dem ORF zu tun? Viel. In der aktuellen, bedrohlichen Lage ist das größte Medienunternehmen des Landes eines, das auf absehbare Zeit Umfang und Tiefe der Berichterstattung garantieren kann. Den ORF jetzt zu amputieren, wäre staats-, gesellschafts- und auch kulturpolitisch (und damit letztlich auch volkswirtschaftlich) verantwortungslos.
Der Aufstieg der Autokratien geht weltweit mit der Kastration und Ausschaltung von Medien einher. Die Mechanismen sind unterschiedlich, Private werden gekauft und inhaltlich geknebelt oder mittels Klagen in existenzbedrohender Höhe eingeschüchtert, Öffentlich-Rechtlichen wird das Geld entzogen oder ihre Redaktionen werden ausgetauscht. Im Gegenzug werden Journalismus-Attrappen hochgejazzt.
Man kann die simple Frage stellen: Was würde ein Donald Trump in Österreich tun? Antwort: Er würde profil als „Fake News“-Blatt von seinen Pressekonferenzen ausschließen und dem ORF die Haushaltsabgabe streichen. Beide sitzen im selben Boot, und mit ihnen die demokratisch gesinnte Gesellschaft. Jeder braucht den anderen.
Das ist keine Liebeserklärung an den ORF in seiner derzeitigen Verfassung, sondern die Einsicht in die Notwendigkeit seiner Existenz. Es ist gruselig mitanzusehen, wie sich vor jeder Wahl zum Generaldirektor oder zur Generaldirektorin Polit-Frankensteins ans Werk machen und aus fleischgewordenen Abhängigkeiten ein möglichst steuerbares Geschöpf zu formen versuchen. Aber die Herkulesaufgabe, dieses unwürdige Prozedere grundlegend zu ändern, ist eher zu schaffen, als den Verlust einer Stütze der Demokratie zu verkraften.
Mindestens ebenso schlimm wie dessen Kastration wäre umgekehrt eine zunehmende Monopolstellung des ORF. Nur im Wettstreit mit privaten Medien entsteht Pluralismus. Derzeit etwa bietet der ORF allein im Ressort Gesellschaft 69 Podcasts an, zu Themen wie Kochen, Beziehungen, Bücher. Es liegt auch in der Verantwortung – und im Interesse – des Öffentlich-Rechtlichen, den Privaten nicht die Luft zum Atmen zu rauben.
Als Angestellter der profil-Redaktions-GmbH könnte ich eine Schwächung des ORF vielleicht begrüßen. Als Staatsbürger weiß ich, dass wir ihn brauchen.
