Willkommen in der Fünf-Klassen-Medizin
Haben wir eine Zwei-Klassen-Medizin? Geh bitte! Eine Fünf-Klassen-Medizin, wenn man mich fragt.
Am besten geht es dir, wenn du eine Zusatzversicherung hast und mit Ärzt:innen befreundet bist, die sich im Bedarfsfall um dich kümmern und dir mit Ratschlägen, Auskünften und ihrem persönlichen Netzwerk helfen.
Am zweitbesten bist du dran, wenn du zwar keine Zusatzversicherung, aber ausreichend viele Ärzt:innen im Freundeskreis hast, die sich, siehe oben, um dich kümmern.
Klasse drei: Du hast eine Zusatzversicherung.
Klasse vier: Du hast weder noch, kannst es dir im Notfall aber leisten, zu einem Wahlarzt (einer Wahlärztin) zu gehen.
Klasse fünf: Du bist krankenversichert.
Klasse fünf ist immer noch gut und weit besser als die Versorgung in anderen Ländern, zum Beispiel in Großbritannien, wo unter Premierministerin Margaret Thatcher (1979–1990) das nationale Gesundheitssystem totgespart wurde und du ab 60 keine neue Hüfte mehr wert bist.
Aber Klasse fünf kann trotzdem ziemlich frustrierend sein. Dein Augenarzt sperrt zu, und du findest keinen neuen Kassenarzt, der dich aufnimmt. Du wartest lange auf Termine. Du wartest noch länger auf Operationen. Du kriegst gehetzt und unvollständig Auskunft. (Passiert dir bei Wahlärzt:innen auch, aber seltener.) Die CT-Untersuchung wird dir verweigert.
Na ja. Na und? Kann man als Kassenpatient:in einen Service der Luxusklasse erwarten?
Kommt drauf an, was man unter Luxus versteht.
Gewiss, auch Ärzt:innen müssen Rechnungen bezahlen, und die Kassenentgelte sind teilweise ein Witz. Das erklärt Fließbandabfertigung beziehungsweise das Ausweichen der Mediziner:innen in Wahlarztpraxen.
Die Kassenentgelte wiederum sind deswegen ein Witz, weil die Krankenkassen sparen müssen. Denn die Versicherungsbeiträge …
Also, halt, die sind eigentlich ganz schön geschmalzen. Kann es sein, dass auf dem Weg von der Beitragszahlerin zum Arzt oder zur Ärztin unnötig viel Geld anderswo, zum Beispiel an der Verwaltung und Ähnlichem, hängen bleibt? Das hat ja schließlich schon Kanzler Kurz behauptet, als er die Zusammenlegung der Kassen mit einer Einsparung der Verwaltungskosten begründet hat. Die war dann freilich nur ein Marketinggag und hat zusätzlich Unsummen gekostet. Wohin sind unsere Beiträge verschwunden?
Vor allem aber: Was dürfen wir mit Fug und Recht von unserer Krankenversicherung erwarten? Klar, sie kann dir keine Mediziner:innen als Best Friends verschaffen, aber der Grundkonsens sollte doch sein, dass sie an deinem Wohlergehen interessiert ist. Sind Zuwendung, prompte Termine, zeitgerechte Operationen und das Nützen moderner medizinischer Methoden und Geräte überbordender Luxus, der dem oder der gemeinen Versicherten nicht zusteht? Es schaut fast so aus.
Beharrlich werden Mängel des Systems mit den Begehrlichkeiten der Versicherten in Zusammenhang gebracht. Gieriges Pack. Geht wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt, geht mit jeder Lappalie zur Fachärztin, belagert Spitalsambulanzen (vielleicht, weil keine Kassenpraxis aufnahmebereit war?), lechzt nach teurer Gerätemedizin. Letzteres klingt, als würden wir CT- oder MRT-Untersuchungen verlangen, sobald wir uns in den Finger geschnitten haben. Tatsächlich kann es aber passieren, dass beispielsweise nach einem Haushaltsunfall erst CT oder MRT Verletzungen zeigen, die auf dem Röntgenbild nicht sichtbar waren. (Sofern die Verletzte mit Hinweis auf den Röntgenbefund nicht einfach nach Hause geschickt und ihre Schmerzen als grundlos abqualifiziert wurden.)
Weil Patient und Patientin als maßlos angesehen werden, gibt es viele Überlegungen, sie in die Schranken zu weisen: Selbstbehalte, Ambulanzgebühren, kein Facharztbesuch ohne Zuweisung von der Allgemeinmedizinerin, kein Aufsuchen der Allgemeinmedizinerin ohne Zuweisung von der Community Nurse … Die diesbezüglichen Einfälle sprudeln nur so.
Ich fände es freilich angebracht, nicht darüber nachzudenken, wie man die Versicherten dazu bringt, Versicherungsleistungen möglichst wenig in Anspruch zu nehmen, sondern über Methoden des effizienteren Wirtschaftens, die nicht bei den Patient:innen ansetzen. Kranke verdienen sich was Besseres als eine Behandlung als lästiger Patient.
