Ein Badeschaum namens Arbeitskampf
Es gibt Trends, die klingen gut, jedenfalls auf den ersten Blick. Dazu gehört alles in der Kategorie »Gesund Leben«. Sport machen, gesund essen, nicht rauchen, keinen Alkohol – alles Dinge, die jede Hausärztin empfiehlt.
Einer dieser Trends ist »Clean Eating«. Das ist keine Diät, sondern eher die Empfehlung für ein besseres, nämlich »sauberes« Leben, die sich quer durch Frauenzeitschriften, Wellness-Ratgeber und Lifestyle-Instagram zieht: nur frische Nahrungsmittel essen und diese selbst kochen, keine Fertiglebensmittel kaufen, keinen Industriezucker konsumieren. Vom Norddeutschen Rundfunk bis zur »Apotheken-Umschau« wird erklärt, was das ist. Und Mediziner*innen klatschen Beifall.
Aber – (jetzt fragt man sich, wo kann denn bei gesunder Ernährung ein Aber sein?) dieser Trend steht nicht allein da, sondern fügt sich ein in eine unendliche Kette von Lifestyle-Moden und Wellness-Angeboten, die alle damit zu tun haben, sein Innerstes möglichst sauber zu halten. Nur sauberes Essen, nur stressfreie Aktivitäten, nur beigefarbene Einrichtung, nur positive Gedanken – wobei dies ein altmodischer Begriff ist: Das heißt nämlich jetzt »Beneficial Thinking«, wie die Zeitschrift »Vital« uns erklärt. Die Überschrift »Glück entsteht im Kopf« weist genau auf das Problematische an diesen ganzen Trends hin. Es wird nämlich suggeriert, dass es nur um unsere Einstellung geht und um kleine Stellschrauben beim Essen, bei der Einrichtung und natürlich in unseren Gedanken. Und zack: Glück und stressfreies Leben.
Problematisch wird dieses Versprechen, weil es außer Acht lässt, warum so viele Menschen gestresst und unglücklich sind: weil die Lebens- und Arbeitsverhältnisse ungesund sind. Prekäre Arbeitsverträge, Feinstaub in der Luft oder überteuerte Wohnungen kann man nicht allein mit »clean eating« und positiven Gedanken verbessern.
»Haha«, so der Kapitalismus, »es gibt doch Produkte, wodurch man all dies vergessen kann«. Das sieht man beispielsweise in der Namensgebung von Kräutertees oder Badezusätzen. Vorbei die Zeit, wo man einfach einen Kamillentee oder einen Badeschaum mit der Duftnote »Latschenkiefer« gekauft hat. Nein, jetzt wird mir in der Drogerie die ganze Palette von Achtsamkeit und Wellness um die Ohren gehauen.
Sheila Mysorekar ist Vorsitzende der Neuen Deutschen Organisationen, einem Netzwerk postmigrantischer Organisationen. Für »nd« schreibt sie die monatliche Kolumne »Schwarz auf Weiß«. Darin übt sie Medienkritik zu aktuellen Debatten in einer Einwanderungsgesellschaft.
Hier eine Auswahl von Kräutertees, die man in einer bekannten Drogeriekette kaufen kann: »Deine Gelassenheit«, »Balance«, »Glücks-Tee«, »Deine Auszeit«, »Seelenbalsam«, »Dein Glücksmoment« und »Lebensfreude«. Oder Badezusätze einer Firma mit folgenden Namen: »Glückliche Auszeit«, »Tiefenentspannung«, »Goodbye Stress«, und auch hier wieder »Lebensfreude«.
Ich möchte niemandem den Kräutertee oder die Badewanne als Entspannungsort vergraulen. Aber wir sollten nicht vergessen, dass gute Lebensverhältnisse nicht in die Verantwortlichkeit von Einzelpersonen gehören, sondern eine gesellschaftliche Anstrengung sind. Wenn Menschen von ihrer Arbeit gestresst sind, dann brauchen sie weder eine Duftkerze noch eine Ansprache von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), dass sie immer noch nicht genug arbeiten. Sondern sie benötigen verantwortliche Politiker*innen, die der Bevölkerung, nicht der Industrie, gegenüber verpflichtet sind. Politiker*innen, die dafür sorgen, dass die Menschen in stabilen, angemessen bezahlten Jobs arbeiten. Dass sie mit einem gut funktionierenden öffentlichen Nahverkehr zu ihrer Arbeitsstelle kommen. Dass es ausreichend Kindertagesstätten und bezahlbare Wohnungen gibt. Und dass die Umwelt nicht verpestet ist.
Wenn das gewährleistet ist, dann sinken die Stresslevel ganz von allein. Wer möchte, kann trotzdem eine Duftkerze anzünden, einen Wellness-Tee einschütten, sich in ein Entspannungsbad legen und dabei nur positive Gedanken denken. Aber nur aus Spaß daran.
Bis dahin müssen wir noch einige Kämpfe durchstehen. Das wird dreckig und anstrengend. Und das widerspricht jetzt dem »clean eating«, aber wahrscheinlich braucht man danach einen Drink.
