Eine Sache der Papiere
Eine schöne Nebensache, auf die ich mich nach meinem Umzug von Wien nach Berlin freute, war, wieder meine Lieblingstabaksorte kaufen zu können. Weniger nebensächlich war, mir endlich eine Psychotherapie leisten zu können. Die ist nämlich in Österreich keine Sache der Kasse, sondern der Klasse. Hierzulande ist es, wie sich herausstellt, eine der richtigen Papiere. Denn der Zugang funktioniert in den Praxen über die elektronische Gesundheitskarte. Das führt dazu, dass gerade jene, die Therapie am notwendigsten hätten, keine erhalten.
Einer neuen Studie des Bundesverbands der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer zufolge ist in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt nur ein Prozent der Geflüchteten mit psychischen Problemen in Behandlung. Dabei hatten unter den Untersuchten etwa 60 Prozent eine »schwere« psychische Belastung aufgrund von Gewalt im Herkunftsland und Fluchterfahrungen. Sie brauchen demnach zeitnah adäquate Betreuung. In den ersten drei Jahren nach Ankunft haben Geflüchtete aber meist nur Anspruch auf eine medizinische Behandlung bei akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen.
Es ist absurd, dass bei der Dringlichkeit von Behandlungen immer noch zwischen physischer und psychischer Gesundheit unterschieden wird. Geflüchtete sollen sich also, ohne Zugänge zum allgemeinen Sozialsystem, Arbeits- oder Wohnungsmarkt integrieren, nebenbei das Gesundheitssystem nicht belasten und zugleich persönlich dafür sorgen, bei alldem mental stabil zu bleiben. Klar, Däumchen drehen hat schließlich schon immer alle Probleme gelöst.
