Lindy West: Risse im feministischen Selbstverständnis
Wenn man – so wie ich – im englischsprachigen Internet unterwegs ist, sich für feministische Debatten interessiert und sich in den vergangenen Tagen von bedrückenden Themen wie den öffentlich gemachten Gewalterfahrungen von Collien Fernandes ablenken wollte, kam man an einem Phänomen kaum vorbei: der aufgeheizten Online-Debatte um Lindy Wests neues Buch »Adult Braces«.
Hierzulande ist Lindy West, trotz vereinzelter Aufmerksamkeit, eher ein Nischenphänomen geblieben. Eine Autorin, die man allenfalls kennt, wenn man sich im feministischen oder feuilletonistischen Diskurs bewegt. Das hat auch strukturelle Gründe: Ihre Texte zirkulieren vor allem im englischsprachigen Raum, ihre bekanntesten Essays leben stark von Ton, Ironie und kulturellem Kontext, der sich nicht immer eins zu eins übersetzen lässt. Und selbst ihr größter popkultureller Erfolg, die Serienadaption ihres Buches »Shrill«, lief auf Hulu – einer Plattform, die im deutschsprachigen Raum lange kaum präsent war und entsprechend wenig Reichweite hatte.
In den USA hingegen war sie einmal eine feministische Ikone. Eine von vielen Stimmen, auf die man sich beziehen konnte, weil sie Klarheit versprach, Haltung und Witz. Als zentrale Figur des US-Netzfeminismus der 2010er Jahre schrieb West für große Medien, unter anderem als Kolumnistin der »New York Times«, und schuf mit »Shrill: Notes from a Loud Woman« ein Buch, das für viele Leserinnen weit mehr war als eine Essaysammlung, nämlich so etwas wie ein Versprechen: dass die laute, dicke, feministische Frau nicht nur existieren, sondern ankommen und sogar die große Liebe finden kann.
Seit ein paar Wochen kann man in ihren neuen Memoiren »Adult Braces« nun aber nachlesen, dass dieses Happy End – zumindest als stabile Lebensform – so nie........
