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»Wuthering Heights« im Kino: Mehr Marke als Moor

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26.02.2026

Ich bin, seit ich ein Teenager bin, ein Brontë-Ultra – insbesondere ein Emily-Brontë-Ultra – und habe damit den klassischen Entwicklungsschritt bildungsbewusster junger Frauen vollzogen. Eingepfercht in das Paradox aus elterlicher Enge und schulischem Leistungsdruck auf der einen und innerlich längst auf Krawall gebürstet auf der anderen Seite wirkte Emily Brontë auf mich wie eine literarische Heilsbringerin: Ihr Werk war scheinbar der Beweis, dass man zugleich brav funktionieren und gedanklich längst mit den Konventionen kurzen Prozess machen kann. Und darin lag das vielleicht praktischste Paradox: Ich las »Wuthering Heights« als Akt der Rebellion – und erfüllte dabei mit erstaunlicher Treffsicherheit genau jenes Bildungsbürgerideal, gegen das ich mich aufzulehnen glaubte.

Meine Liebe zu den Brontës ging sogar so weit, dass ich im Herbst 2019 auch mal in Haworth Urlaub machte – diesem malerischen Ort in West Yorkshire, Wohn- und Sterbeort der Brontë-Schwestern. Ich sah und fotografierte Emilys Haare – ihre Schwester Charlotte hatte nach ihrem Tod Armreifen aus ihren Zöpfen geflochten. Haworth war damals, kurz vor der Pandemie, aber alles andere als ein Touri-Pilgerzentrum.

Meine Begleiterin und ich hatten gute Tage dort, wenn auch mit Herausforderungen. Der Wanderweg zu »Top Withens«, der vermeintlichen Vorlage für das Earnshaw-Haus in »Wuthering Heights«, war so verwildert, dass wir kurz vor dem Ziel umkehrten: Bei Wind und Regen über glitschige und vermooste Steine zu kraxeln, erschien uns eher bekloppt als verwegen. Nachts peitschte der Wind gegen die Fenster; nichts Besonderes, wenn man sich daran erinnert, dass es in West Yorkshire aufgrund einer Kombination aus geografischer Lage, Topografie und den vorherrschenden Wetterlagen häufig stürmt. Aber: Die Winde waren natürlich sehr zuträglich für den »Heathcliff, let me in!«-Vibe.

Der Besucher*innenstrom war ansonsten wirklich überschaubar. Männer tauchten meist im Schlepptau literaturbegeisterter Partnerinnen auf. »Ich bin nur wegen meiner Frau hier«, brummte ein älterer Herr in unserer Unterkunft beim Frühstück – und ergab sich Tag für Tag in sein Schicksal zwischen Heidekraut und Hochromantik. Brummige Männer, Wind, karge und weitläufige Landschaften, beschwerliche Spaziergänge: Haworth entpuppte sich als Real-Life-»Wuthering-Heights«-Grenzerfahrung.

Unsere B&B-Gastgeberin klagte derweil über die strukturelle Verwahrlosung im Ort: keine Touristinfo mehr, keine Besucherströme, nicht einmal die 2016 gedrehte TV-Produktion »Sturm der Gefühle« über die berühmten Geschwister hätte etwas belebt. Gedreht wurde ohnehin kaum vor Ort; das berühmte Brontë-Parsonage blieb außen vor. Stattdessen errichtete man am Ortsrand eine Fassadenattrappe – Literaturgeschichte als Sperrholz. Ebenso verhält es sich mit den »Wuthering Heights«-Verfilmungen: Die meisten sind fast schon holzig, sperrig – ist der Stoff gar unverfilmbar?

Nadia Shehadeh ist Soziologin und Autorin, wohnt in Bielefeld und lebt für Live-Musik, Pop-Absurditäten und Deko-Ramsch. Sie war lange Kolumnistin des »Missy Magazine« und ist außerdem seit vielen Jahren Mitbetreiberin des Blogs Mädchenmannschaft. Zuletzt hat Shehadeh bei Ullstein das Buch »Anti-Girlboss. Den Kapitalismus vom Sofa aus bekämpfen« veröffentlicht. Für »nd« schreibt sie die monatliche Kolumne »Pop-Richtfest«.

Seit 1847 ringt der Roman von Emily Brontë mit seinen Leser*innen – und jede Verfilmung ringt mit ihm zurück. William Wylers Version von 1939 machte aus der klaustrophobischen Rachetragödie eine tragische Romanze; spätere Adaptionen schwankten zwischen Moor-Melancholie und Gothic-Erotik. Andrea Arnolds Version von 2011 wurde für ihre raue Konsequenz gefeiert, blieb jedoch Publikumssache. Der Eindruck bleibt: Der Text entzieht sich – nicht weil er zu kompliziert wäre, sondern weil er zu radikal ist.

Das zeigt sich auch bei Emerald Fennells aktuellem Versuch. Fennell, 1985 geboren, Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin, Oscar-Preisträgerin für das Drehbuch zu »Promising Young Woman« und zuletzt gefeiert – und gescholten – für das dekadente Klassenkammerspiel »Saltburn«, steht für eine breiige Handschrift, die angeblich Moral, Stilbewusstsein und kalkulierte Provokation verbindet. Ästhetische Überhöhung sei ihr Ding, sagt man – dabei tut sie einfach Dinge, die Menschen mit viel Geld tun würden, wenn sie einen Film machen könnten. Ihr Blick auf Abgründe ist privilegiert (und deswegen auch eigentlich irrelevant) und soziale Härte immer nur inszeniert als durchlebt. Entsprechend wurde schon vor Kinostart diskutiert: zu privilegiert, zu ästhetisiert, zu weit weg vom Buch sei die Verfilmung. Heathcliff, gespielt von Jacob Elordi, sei zu glatt und zu weiß. Nimmt man Fennells Film aber nicht als Brontë-Adaption, sondern als zweistündiges Moodboard über Jacob Elordi im Wind, dann funktioniert er erstaunlich gut. Halb Byronic Hero, halb Instagram-Phantom: das, was (viele) Heten-Frauen wollen.

»Wuthering Heights« ist sowieso längst ein Markenname – ein kulturelles Gütesiegel, das für Radikalität und Leidenschaft steht – ganz gleich, was konkret erzählt wird. Und genau hier setzt Fennell an: Sie übernimmt den aufgeladenen Titel und erzählt im Grunde ihre eigene Geschichte, gespeist aus zeitgenössischer Ästhetik, Starpower und kalkulierter Intensität. Der Name liefert das Versprechen von Widerstand und Größe, der Filminhalt erzählt irgendwas anderes. Ähnlich funktioniert auch der aktuelle Hype um den Film »Hamnet«, der mit Shakespeare wirbt und doch eine weitgehend autonome Erzählung präsentiert. Klassiker werden so zu Projektionsflächen, die Bedeutung garantieren, während der eigentliche Inhalt sich erstaunlich ungebunden entfaltet (und fast schon egal ist).

Das beste Outcome von Fennells Film wäre am Ende sowieso nur eines: eine neue Touristinformation in Haworth – und vielleicht ein befestigter Wanderweg, um »Top Withens« ohne Knochenbruch zu erreichen.


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