Deutsche Medien zum Iran: Mehr Propaganda als Journalismus
Wieder unterstützt Deutschlands einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg. Wieder Massaker an Unschuldigen. Wieder machen deutsche Journalisten mit. Wer dieser Tage die Schlagzeilen in deutschen Leitmedien zum Angriff Israels und der USA auf den Iran verfolgt, fühlt sich unweigerlich an die medialen Abgründe von zwei Jahre Gaza-Berichterstattung erinnert.
Für mein Buch »Staatsräsonfunk« habe ich die Rolle deutscher Medien beim Genozid in Gaza systematisch untersucht. Insbesondere die großen Leitmedien missachteten regelmäßig die eigenen journalistischen Standards. Statt ihrer selbsterklärten Rolle als »vierte Gewalt« gerecht zu werden, erwiesen sie sich weitestgehend als Erfüllungsgehilfe von Deutschlands bedingungsloser Unterstützung der israelischen Regierung.
Die unkritische Übernahme von Angaben der israelischer Armee, das Silencing von kritischen Stimmen, das Ausblenden des von Israel verursachten menschlichen Leid, das Verschweigen notwendiger historischer, völkerrechtlicher und politischer Hintergründe ... all das prägt nun aktuell auch die Iran-Berichterstattung.
Fabian Goldmann ist Journalist aus Berlin. Er schreibt vor allem zum Konflikt im Nahen Osten. Sein Buch »Staatsräsonfunk. Deutsche Medien und der Genozid in Gaza« ist soeben im Manifest-Verlag erschienen.
Von einem »Präventivschlag« schrieben kurz nach Beginn des Angriffs dutzende Medien und übernahmen damit die Sicht des Angreifers. Den Begriff hatten die meisten Medien aus einer Meldung der dpa und diese wiederum aus einem Statement der israelischen Armee übernommen. Es seien »vor allem militärische Ziele getroffen« worden, hieß am Abend in der Tagesschau. Belege? Keine! In den »heute«-Nachrichten des ZDF überließ man gleich zu Beginn US-Präsident Donald Trump das Wort: Ziel sei es, den Iran vom Bau von Atomwaffen abzuhalten. Die notwendige Einordnung, dass selbst Trumps eigenen Geheimdienste seit Jahren bestätigen, dass der Iran kein Atomwaffenprogramm betreibt, lieferte die Redaktion nicht.
Die tatsächlich getroffenen »Ziele« kommen auch diesmal in der Berichterstattung kaum vor. Von einem »Vorfall mit mindestens 165 Toten« erfuhr man in einem knappen Eintrag in den Tiefen des »Zeit Online«-Tickers zum Iran. Mit »Vorfall« gemeint war die israelische Bombardierung einer iranischen Mädchenschule. Auch für tote iranische Kinder gilt, was deutsche Leitmedien im Fall ihrer palästinensischen und libanesischen Alters- und Leidensgenossen in den vergangenen Jahren etabliert haben: Sie schaffen es bestenfalls in die hinteren Absätze, als anonym Zahlen und »Angaben, die sich nicht bestätigen lassen«.
Eine populäre »Angabe« der deutschen Nahost-Berichterstattung lässt sich hingegen wirklich nicht bestätigen. Jene, wonach zwei Jahren Genozid in mancher Redaktion zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den eigenen Versäumnissen, gar zu einem besseren Journalismus geführt hätten. Spätestens die aktuellen Schlagzeilen zum Angriff auf den Iran zeigen: Die Gaza-Berichterstattung war nicht die Ausnahme von der ansonsten tadellosen journalistischen Regel. Sie hat den neuen propagandistischen Standard etabliert.
