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Wenig Besucher bei Ostermärschen: Der Mini-Trump in uns allen

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07.04.2026

Ich war auch in diesem Jahr bei keinem Ostermarsch. Ich hatte beruflich anderes und privat Besseres zu tun. Letzteres gilt offenbar auch für fast 100 Prozent meiner Mitmenschen: Die Demonstrationen für Frieden und Abrüstung waren in diesem Jahr genauso schwach besucht wie in den Jahren zuvor. Das sollte man bei der gegenwärtigen Weltlage durchaus erstaunlich finden.

Nun bin ich kein passionierter Demogänger; bei den meisten Themen habe ich zu viele Fragezeichen, um den Aufrufen und Rednern halbwegs glaubwürdig applaudieren zu können. Und doch ärgere ich mich im Nachhinein ziemlich über meine eigene Oster-Trägheit. In Zeiten, in denen das Wort »Rüstungslobby« grob verharmlosend klingt, weil eben diese kaum noch kaschiert ganze Ministerien in der Hand hat, wäre ein entgegengesetztes Signal aus der Zivilgesellschaft nicht schlecht gewesen.

Nun besteht dieses Land nicht nur aus Journalistinnen und Krankenpflegern, die auch am Wochenende arbeiten müssen. Dafür aber aus sehr vielen Menschen, die die gegenwärtige Hochrüstung für dringend geboten halten, weil Wladimir Putin ansonsten ja bekanntlich bald oberkörperfrei durch Rhein und Weser reitet. Dass jede Milliarde, die bei Rheinmetall und Co. landet, nicht mehr in Bildung, Soziales und Wohnungsbau fließen kann, ist ja eigentlich ein banaler Gedanke. Ich möchte trotzdem nicht wissen, wie viele Rüstungsfreunde dennoch AfD wählen, weil ihr Lebensstandard Jahr für Jahr sinkt.

Die Motivation, für Frieden zu demonstrieren, hätte aber auch eine ganz grundsätzliche sein können. Es ist ja schon merkwürdig, dass ein Land in breitem Konsens aus der Atomenergie aussteigt, weil in Fukushima ein AKW havariert. Dass es hierzulande aber keine nennenswerten Folgen hat, wenn gleich zwei Führer der westlichen Welt Außenpolitik so betreiben wie ein Autofahrer, der sich zugekokst und mit drei Promille einen Panzer schnappt und in Richtung Volksfest fährt. Kann es wirklich sein, dass uns der ganz banale Gedanke, dass in Kriegen Menschen sterben, fremd geworden ist? Dass ein Mini-Trump in uns steckt, der auf sie wie auf ein Videospiel guckt?

Vor ein paar Stunden habe ich ein schwarz-weiß-Bild aus den Achtzigern gesehen, das bei einem Ostermarsch in Oberhausen entstanden ist. Darauf zu sehen: Ein paar sehr bärtige Männer, die einen Sarg mit der Aufschrift »Krieg = Tod« tragen. »Ach nee«, möchte man da halb belustigt, halb sarkastisch kommentieren. Doch vielleicht ist der Gedanke revolutionärer, als man glauben könnte. Vor ein paar Tagen berichtete der SWR jedenfalls über einen schwäbischen Tüftler, der in seinem Hobbykeller Kampfdrohnen baut und damit in die Ukraine fährt. Das sei sein ganz persönlicher kleiner Beitrag zum Frieden, erklärte er in der bräsigen Selbstgewissheit, die Menschen seines Schlages zu eigen ist. Die erstaunte Journalistenfrage, ob er als Mitglied der Grünen da keinen Widerspruch sehe, verneinte er völlig entgeistert. Wer russische Panzer in die Luft jage, schütze schließlich Krankenhäuser in der Ukraine.

Der Gedanke, dass auch in russischen Panzern Menschen sitzen, schien dem Mann noch nicht gekommen zu sein. Oder etwa doch?


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