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Berlinale: Die Freiheit des Gleichdenkenden

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23.02.2026

Ist es denn zu glauben? Da fordern doch tatsächlich ein paar Menschen, dass weltpolitische Ereignisse bei einem großen Filmfestival nicht ignoriert werden. Wo doch Wim Wenders unterm Himmel von Berlin findet, man »müsse sich aus der Politik heraushalten«. In Staaten, in denen man das »muss«, möchte man nicht leben. Aber Wenders hängt offenbar ganz freiwillig einem Kunstbegriff aus dem Biedermeier an. In Wohnzimmern, in denen noch der Hirsch über der Couch röhrt und die Vorfreude auf die Fußball-WM in den USA groß ist, wird man das ähnlich sehen. Aber okay, als deutscher Regisseur kann man so was schon mal sagen, zumindest wenn man angemessen unsensibel ist.

Einem Menschen mit palästinensischen Wurzeln wie dem Regisseur Abdallah Alkhatib kann das anno 2026 nur absurd vorkommen. Ob der Begriff »Genozid«, den er gebraucht, nun zutrifft oder nicht (ich gebrauche ihn bewusst nicht) – mindestens so einseitig ist die Sicht der Bundesregierung, wonach Israel beim Gaza-Krieg »legitime Selbstverteidigung« betreibe. Das ist schon angesichts von 70 000 bis 85 000 Toten eine einigermaßen verquere Wahrnehmung. Zumal, wenn man weiter Waffen an Israel liefert, das schon wieder gelbe Linien innerhalb eines Gebietes verschiebt, in dem kaum ein Haus mehr bewohnbar ist.

Lesen Sie die Bilanz der Berlinale »Viele Eklats, wenig Kunst« von Bahareh Ebrahimi

Darf da ein syrisch-palästinensischer Regisseur den Eindruck haben, dass irgendwas nicht stimmt, wenn er gerade bei einem ganz normalen Filmfestival war, die Zeiten aber so ganz und gar nicht normal sind? Ist das menschlich verständlich? Ich denke ja. Hätte er sich die indirekte Drohung, man werde sich »an jeden erinnern, der gegen uns war«, besser gespart? Auch ja.

Als deutscher Regierungspolitiker kommt man hingegen ohne solch lästige Differenzierungen prima durchs Leben. Nach irgendeinem Codewort, in diesem Fall war es der Begriff »Völkermord«, verlässt man als braver Sozialdemokrat wie Umweltminister Carsten Schneider den Saal und lässt sich von anderen Menschen, die auch 75 000 Tote nicht irritieren, für seine »Haltung« loben. So macht man das in Berlin, wo man auch als Kelly-Family-Manager über Theater und Museen entscheiden kann – sofern ebendiese »Haltung« porentief rein vorliegt. Und wo der Regierende Tennisspieler selbstverständlich weiß, dass es den Aktivisten um »Israel-Hass« gehe und »nicht um differenzierte Kritik«. Letzteres kann sogar sein. Die Positionierungen der Wegners, Schneiders und Chialos wäre aber glaubwürdiger, wenn man von ihnen schon mal differenzierte Kritik an Israel gehört hätte.

Christoph Ruf ist freier Autor und beobachtet in seiner wöchentlichen nd-Kolumne »Platzverhältnisse« politische und sportliche Begebenheiten.

CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann hat nach dem von Alkhatib verursachten Eklat übrigens gefordert, Antisemitismus künftig »als besonders schlimme Form der Volksverhetzung zu bestrafen«. Zur Erinnerung: Schon auf »nicht besonders schlimme« Formen der Volksverhetzung stehen bis zu drei Jahre Haft. Als antisemitisch gilt der hiesigen Regierung schon die Haltung der meisten anderen Regierungen zum Nahost-Konflikt. Und wir leben schon jetzt in Zeiten, in denen morgens um sechs die Polizei klingelt, wenn sich ein Habeck oder Merz durch Worte wie »Dummkopf« diffamiert fühlt. Wie es eben so ist in Zeiten, in denen Freiheit nur noch die Freiheit des Gleichdenkenden ist.


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