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Memoiren ohne Erinnerungen: Olaf Scholz kündigt Autobiografie an

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26.02.2026

Endlich ist es soweit: Olaf Scholz arbeitet an seiner Autobiografie! Stolz verkündete er kürzlich, dass mit dem Schreiben begonnen zu haben. Auch habe er bezüglich einer Veröffentlichung mit mehreren Menschen gesprochen, an die er sich bald schon nicht mehr erinnern können wird.

Ohne auch nur einen einzigen Buchstaben aus dem noch nicht existenten Werk gelesen zu haben, kann man schon jetzt mit Sicherheit sagen, dass die Autobiografie des Ex-Regierungschefs genau die richtige Lektüre für all jene ist, die bereits die 736 Seiten von Angela Merkel verschlungen haben und sich bei ihren spannenden Ausführungen über die Freiheit (die laut Merkel übrigens sehr, sehr gut ist) die Fingernägel bis auf die Handwurzelknochen abknabberten.

Andreas Koristka ist Redakteur der Satirezeitschrift »Eulenspiegel«. Für »nd.DieWoche« schreibt er alle zwei Wochen die Kolumne »Betreutes Lesen«. Alle Texte unter dasnd.de/koristka.

Endlich wird es tiefe Einblicke ins Innenleben der viel zu früh verblichenen Fortschrittskoalition geben: Wie war das damals wirklich, als der Highperformer Lindner auf den Womanizer Habeck traf? Gab es Powerpoint-Schlachten im Morgengrauen? Wurde während der Koalitionsverhandlungen geduzt, gesiezt oder direkt geschmollt? Aß Scholz im Kanzleramt während der Frühstückspause gerne Teewurststullen, die er am Abend zuvor in Butterbrotpapier eingepackt hatte? Wie konnte der Kanzler Annalena Baerbock davon abhalten, China versehentlich den Krieg zu erklären? Und wie bewahrte sich Olaf Scholz trotz aller Widrigkeiten sein schlumpfiges Grinsen?

Diese Dinge müssen in einem finalen Werk von Weltrang endlich geklärt werden. Außerdem steht es der Bevölkerung zu, von Scholz’ Erfahrungen auf dem internationalen Parkett zu erfahren. Kann man über einen sechs Meter langen Tisch den Mundgeruch von Wladimir Putin riechen? Kann Olaf Scholz gar etwas zur militärisch relevanten Ferndiagnose beitragen: Zieht der russische Präsident ein Bein nach? Zeigt er ein auffälliges Zittern, wenn man Sanktionen androht und, die wichtigste Frage aller Fragen: Hält der Mann im Kreml untenrum noch dicht?

Aus Scholz’ Autobiografie werden diese Informationen sprudeln, als liefen sie an einem defekten Schließmuskel vorüber. Obwohl noch kein Veröffentlichungstermin bekannt gegeben wurde, dürften sich bereits in diesem Moment die ersten Schlangen vor den Buchhandlungen bilden. Wenn man die Verheißung vor Augen hat, der erste zu sein, der in der vielleicht besten Biografie seit der Erfindung der Sozialdemokratie schmökern darf, dann nimmt man dafür gern ein paar Jahre Camping vor der Thalia-Filiale in Kauf.

Das Warten der Polit-Autobiografie-Nerds wird zum Happening werden. Sie werden Anzüge tragen und ihre frisch rasierten Halbglatzen präsentieren, während sie am Jahrestag der Zeitenwende Spielgeld in die Luft werfen und freudig Panzer bestellen. Vielleicht kommt Scholz sogar mal persönlich zum Besuch vorbei. Nun ja, wenn er nicht gerade schreiben muss. Denn Schreiben kann ein elendig langwieriger Vorgang sein, besonders wenn man sich an so wenig erinnern kann wie der Altkanzler.

Aber irgendwann wird der gewissenhafte Scholz fertig sein. Denn auch mit einer Aufzählung von Vorgängen, an die man keine Erinnerung mehr hat, lassen sich notfalls Seiten füllen.


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