Der 8. März in Osteuropa: vom Widerstand zur patriarchalen Geste
Der 8. März in Osteuropa: vom Widerstand zur patriarchalen Geste
Unsere Gastautorin beschreibt die bewegte Geschichte des 8. März in Osteuropa. 1917 leitete er den Sturz des Zarismus ein, im Zuge der Stalinisierung wurde er zu einem konservativen Feiertag. Heute ist er eine patriarchale Geste.
Die 8. März ist schon lange ein wichtiger Tag für Feminist:innen. Er symbolisiert den langen Kampf für Frauenrechte und die Gleichwertigkeit der Geschlechter sowie die wichtige Rolle, die Frauen im Kampf gegen chauvinistische Politik spielten und immer noch spielen. Oder? Leider nicht für alle und nicht überall. Von meinem Aufwachsen in Osteuropa erinnere ich mich an etwas ganz anderes.
Ein Tag der arbeitenden Frau ist im Russischen Reich, das damals fast ganz Osteuropa beherrschte, erst im Jahr 1913 in politisch linken Kreisen erschienen. Er wurde natürlich vom zaristischen Staat weder unterstützt noch anerkannt. Am 23. Februar 1917 (8. März nach dem gregorianischen Kalender) ist der Frauentag in Petrograd zu Massenstreiks und Demonstrationen eskaliert, die etwa eine Woche später zum Sturz des Zaren führten. 1921 wurde dieses Datum als der internationale Frauentag, den wir heute kennen, festgelegt.
In der frühen Sowjetunion wurde dieser Tag als Tag der Frauenbefreiung begangen. Später jedoch, als die Union autoritärer und auch sozialkonservativer wurde, hat der Tag immer mehr von seiner ursprünglichen Bedeutung verloren. Statt Gleichwertigkeit und Befreiung, betonte die Propaganda nun Weiblichkeit und Mutterschaft. In dieser Zeit sind in den staatlich geförderten Künsten immer mehr „traditionell weibliche“ Motive aufgetaucht. Auch um diese Zeit ist es üblich geworden, dass Männer und Jungen jeden Alters Frauen und Mädchen mit Blumen und Geschenken gratulieren. Über den Kampf für Gleichwertigkeit wurde immer seltener gesprochen, obwohl die Probleme nicht gelöst waren.
Und damit kommen wir zur jüngsten Vergangenheit und heute. In meiner Kindheit war im öffentlichen Bewusstsein die echte Bedeutung des Datums fast ganz verloren. Ich persönlich habe erst mit rund 12 Jahren von Youtube-Videos von ihr erfahren. In der Schule mussten die Jungen am Schultag vor dem 8. März (da der Tag selbst ein gesetzlicher Feiertag war) Blumen für die Mädchen und Lehrerinnen mitbringen. Dasselbe wurde auch an den Arbeitsplätzen praktiziert, wo man oft in den Glückwünschen der Männer den Ausdruck „Frauen sind schöne Dekorationen eines Teams“ hörte. Eine Frau berichtet:
Jedes Jahr am 8. März wurden Frauen mit Blumen und Süßigkeiten beschenkt, überall wurde verkündet, dass dies ein Feiertag der Frauen und der Weiblichkeit sei, und man gratulierte uns mit Worten wie ‚Ihr seid so wunderschöne Blumen, Danke euch, dass ihr unser Team verschönert.‘ Im Prinzip war die Haltung dazu, dass dies einfach ein weiterer Tag unter den wenigen war, an dem man sich Zeit für Frauen nehmen konnte.
Jedes Jahr am 8. März wurden Frauen mit Blumen und Süßigkeiten beschenkt, überall wurde verkündet, dass dies ein Feiertag der Frauen und der Weiblichkeit sei, und man gratulierte uns mit Worten wie ‚Ihr seid so wunderschöne Blumen, Danke euch, dass ihr unser Team verschönert.‘ Im Prinzip war die Haltung dazu, dass dies einfach ein weiterer Tag unter den wenigen war, an dem man sich Zeit für Frauen nehmen konnte.
Für die meisten Männer und Jungen hat das Datum wenig Bedeutung:
Mir ist er persönlich egal. Ich verstehe gar nicht, warum es überhaupt einen Frauentag geben sollte. Eigentlich hat mich der 8. März persönlich überhaupt nicht betroffen, genau wie für alle anderen um mich herum, war es einfach ein zusätzlicher freier Tag.
Mir ist er persönlich egal. Ich verstehe gar nicht, warum es überhaupt einen Frauentag geben sollte. Eigentlich hat mich der 8. März persönlich überhaupt nicht betroffen, genau wie für alle anderen um mich herum, war es einfach ein zusätzlicher freier Tag.
Andere hegen auch einen gewissen Groll: „Warum muss ich ihnen jetzt gratulieren? Nur weil sie so cool und wunderschön sind? Mir hat niemand gratuliert, nur weil ich so geboren bin!“
Immer mehr Menschen lehnen in den letzten Jahren den Feiertag ab, weil sie ihn als eine „patriarchale Shitshow“ betrachten:
Für mich persönlich war es nie ein Feiertag; ich mag es nicht, wenn mir Leute Blumen oder Süßigkeiten schenken und mir sagen, was für eine wunderbare Bereicherung ich für irgendetwas bin.
Für mich persönlich war es nie ein Feiertag; ich mag es nicht, wenn mir Leute Blumen oder Süßigkeiten schenken und mir sagen, was für eine wunderbare Bereicherung ich für irgendetwas bin.
Der Trend ist besonders in der Ukraine stark: Laut Rating Group UA, feierten die meisten Ukrainer:innen den Tag dieses Jahr nicht mehr – eine große Wende, denn erst vor fünf Jahren haben ihn noch 68 Prozent gefeiert.
Die Geschichte des 8. März in den ehemaligen sowjetischen Staaten zeigt, wie leicht ursprünglich progressive Daten in das konservative kulturelle Narrativ übernommen werden können. Deswegen sollten wir uns und andere immer daran erinnern, worum es an diesem Datum wirklich geht.
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