Wer ist dieser Mann?
11. März 2026 – 22. Adar 5786
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Er lehrte arabische Schüler die Geschichte des Holocausts, organisierte einen Austausch mit Israelis und hielt Drohungen stand. Hudhaifa Al-Mashhadanis Geschichte faszinierte die Medien, begeisterte Politiker und schenkte ihm das Vertrauen jüdischer Organisationen. Aber ist alles daran wahr?
Hudhaifa Al-Mashhadani sagte sofort zu, als die Jüdische Allgemeine ihn im Juni 2025 für ein Interview anfragte. Es war ein warmer Tag, in der U8 roch es nach Schweiß, draußen zog der Duft von Honigmelonen in die Nase, die vor einem Supermarkt in der Sonne nachreiften. In einer schmalen Kopfsteinpflasterstraße wachte ein Polizeiauto vor einer Schule. Al-Mashhadani, ihr Rektor, war wenige Tage zuvor mit dem Tode bedroht worden.
Der Leiter der privaten Arabischschule in Neukölln setzte sich seit dem 7. Oktober 2023 öffentlich gegen Antisemitismus und für Israel ein. Dafür, so erzählte er, habe er Drohnachnichten per WhatsApp erhalten, ein Stein sei in sein Klassenzimmer geflogen, als er gerade unterrichtete. Nun sei ein Zettel an dem Gebäude aufgetaucht: »Kein Verräter wird verschont bleiben«, stand unter anderem auf dem Papier, auf Englisch und Arabisch.
Der kräftige Mann mit dem markanten schwarzen Schnauzbart freute sich über das Interesse einer jüdischen Zeitung. Er brühte Kaffee auf und zählte seine jüdischen Freunde in Berlin auf, seine Augen leuchteten. Woher kam dieses Interesse? Sein vorbehaltloses Einstehen für Israel, dessen Krieg in Neukölln zu diesem Zeitpunkt nicht nur von den Radikalen kritisiert wurde? Im Innenhof der Schule, auf einer Polsterecke mit Kelimmuster begann Al-Mashhadani aus seinem Leben zu erzählen. Sein Deutsch war holprig, aber er vermochte mit wenigen Worten starke Bilder zu malen.
Er wurde in Bagdad geboren, erzählte er, 1980 – im Jahr des Ausbruchs des Ersten Golfkriegs. Im Irak Saddam Husseins sei seine sunnitische Familie bestens situiert gewesen. Doch schon als Jugendlicher sei ihm aufgefallen, wie ungerecht es im Land zuging: »Wir hatten einen Toyota, andere nicht mal etwas zu essen.« Oft habe er mit seinem Vater diskutiert. Doch außenpolitisch sei man sich schon immer einig gewesen: »Wir trauen Israel. Aber niemals Iran.«
Als 2003 die ersten amerikanischen Panzer durch die Stadt rollten, war Hudhaifa Al-Mashhadani ein junger Student. Er erzählt, dass er im Bürgerkrieg in einer Gruppe aktiv gewesen sei, die sich für Demokratie und einen multikulturellen Irak einsetzte. In dieser Zeit habe ihm ein irakischer Jude im Ausland Geld gesendet, um Verletzte zu versorgen. Später habe er für das amerikanische Außenministerium gearbeitet und im Ausland Israelis getroffen. Wahrscheinlich auch deshalb sei er bei seiner Rückkehr in den Irak verhaftet worden.
Eine Biografie, die wie ein Filmdrehbuch klingt
Al-Mashhadanis Geschichte war beeindruckend – und schien gleichzeitig so überzogen, dass die Redaktion dieser Zeitung beschloss, dass es mehr Treffen bräuchte, um diesen Mann porträtieren zu können. Hudhaifa Al-Mashhadani erzählte, dass seine Familie jüdische Nachbarn geschützt und gedeckt habe – es klang wie das Drehbuch eines Films. Er kritisierte das politische System im Irak – gab aber trotzdem an, in hohen Positionen darin gearbeitet zu haben. Seine Karriere schien steil und gleichzeitig sprunghaft: Medizinstudium, Widerstand, irakisches Parlament, Außenministerium in Washington, Doktorat in Texas, zwei Jahre Gefängnis, Folter, Flucht.
Im Juni 2025, als bei der Jüdischen Allgemeinen leise Zweifel aufkamen, wunderte sich bereits jemand anderes über diese außergewöhnliche Vita: Tom Khaled Würdemann, Nahostwissenschaftler an der Universität Heidelberg, war im Internet auf ein Interview mit Hudhaifa Al-Mashhadani gestoßen. »In der arabischen Welt ist das eine höchst ungewöhnliche Biografie – das hätte man überprüfen müssen«, sagt er heute.
Doch wie wichtig waren die Fakten über seine Vergangenheit im Irak, bei allem, was er in der Gegenwart in........
