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„Israel ist stark und beschützt uns“

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20.01.2026

Frau Friedman, Sie haben als Kind das Vernichtungslager Auschwitz überlebt. Nächste Woche werden Sie bei der Gedenkfeier zum Holocaust-Gedenktag im Deutschen Bundestag sprechen. Ist es das erste Mal, dass Sie nach Deutschland kommen?
Friedman: Nein, es ist bereits das dritte Mal. Früher wollte ich nicht nach Deutschland. Aber dann wurde ich plötzlich eingeladen. Letztes Jahr war ich in Bonn, wo ich im schönen Haus der Geschichte vor rund 200 Schülerinnen und Schülern sprechen durfte. Das war wunderbar. Und das andere Mal war ich mit meiner Enkelin für fünf Tage in Dachau, bei einer Jugendkonferenz. Nun folgt also mein dritter Besuch.

Wissen Sie schon, was Sie im Bundestag sagen werden?
Friedman: Ich muss die Rede noch einstudieren.

Können Sie schon etwas verraten?
Friedman: Es soll eine einfache, klare Rede werden. Ich werde langsam sprechen, denn es kommt auf jedes Wort an. Ich bin keine versierte Politikerin. Mir wurde gesagt, dass man etwas über meine Lebensgeschichte erfahren möchte. Also werde ich von meiner Kindheit und aus meinem Leben berichten. Darüber, wie ich im Alter von fünfeinhalb Jahren nach Auschwitz kam und welche Erfahrungen ich dort machen musste. Desweiteren werde ich erklären, warum es mir so wichtig ist, auch heute noch über dieses Thema zu reden. Und ich werde ein wenig auf die aktuelle Weltlage eingehen.

Hätten Sie sich vorstellen können, das Sie einmal zum deutschen Parlament sprechen werden?
Friedman: Ganz sicher nicht! Hätten Sie mir das vor fünf Jahren gesagt, ich hätte Sie ausgelacht. Ich wollte die deutsche Sprache nicht mehr hören. Und ich habe Angst vor deutschen Schäferhunden.

Löst das Bellen der Hunde bei Ihnen heute noch Erinnerungen an Auschwitz aus?
Friedman: Absolut. Nicht nur Erinnerungen an Auschwitz, an die ganze Kriegszeit. Seit ich zwei oder drei Jahre alt war, sind Schäferhunde für mich das Schrecklichste, was es gibt. Und bis vor kurzem dachte ich wirklich nicht daran, jemals nach Deutschland zu reisen.

Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?
Friedman: Dass hat etwas damit zu tun, dass Deutschland den Kampf gegen den Antisemitismus heute sehr ernst nimmt. Es ist momentan eines der wenigen Länder, das an unserer Seite steht. Das sage ich auch als Zionistin. Diese Unterstützung bedeutet mir viel. Deshalb bin ich froh, nach Deutschland zu kommen.

Dennoch gab es seit dem 7. Oktober 2023 auch in Deutschland einen dramatischen Anstieg antisemitischer Vorfälle.
Friedman: Sicher. Aber das ist ja überall passiert. Ich habe neulich einen Artikel über England gelesen. Man kann das Land kaum noch besuchen, so antisemitisch ist es geworden! Jedenfalls werde ich nicht tatenlos zusehen und einfach schweigen. Das ist nicht meine Art.

Viele sehen einen Zusammenhang zwischen dem wachsenden Judenhass und dem Konflikt im Nahen Osten. Glauben Sie, dass der Hass wieder abnimmt, wenn die Lage in Gaza befriedet ist?
Friedman: Wir Juden sagen immer: Auch das geht vorbei.

Mit anderen Worten: Sie sind optimistisch.
Friedman: Ja. Und wissen Sie warum? Weil wir Israel haben. Israel ist stark und beschützt uns. Der Antisemitismus ist uralt, er existiert seit mehr als 2000 Jahren. Doch die großen Völker, die uns auslöschen wollten, sind verschwunden: die antiken Griechen zum Beispiel, und die alten Römer. Wir Juden sind aber noch da. Wir waren schon vor 3000 Jahren da, und wir werden auch in 2000 Jahren noch da sein.

Doch warum existiert der Judenhass nach allem, was im Holocaust geschehen ist, fort?
Friedman: Ich wünschte, ich wüsste es. Es gibt dazu ja viele Theorien. Eine Gegenfrage: Was würden Sie antworten? Vielleicht gibt es unter Ihren Freunden oder Bekannten ja Antisemiten. Haben Sie die mal gefragt, warum sie so über uns denken? Ich habe in Deutschland viele gute Menschen getroffen, die herausgefunden haben, dass ihre Eltern oder Großeltern Nazis waren, selbst aber keine sind. Das gibt mir Hoffnung. Welche Erklärung die richtige ist, weiß ich auch nicht. Aber ich weiß, dass wir den Antisemitismus bekämpfen müssen. Wir werden nicht auch noch die andere Wange hinhalten!

Haben Sie Sorge, dass die junge Generation kaum noch weiß, was Ihnen und vielen anderen Juden in der Zeit des Holocaust angetan wurde?
Friedman: Das ist........

© Juedische Allgemeine