Zwischen Räumen
10. April 2026 – 23. Nissan 5786
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Wenn der Maler Navot Miller im Flugzeug sitzt, ist er in einer Welt, die ihn für eine kurze Zeit vor der Schwere der Realität schützt. Gedanken von unterwegs
Als mein Flug von Turin nach Paris startet – auf dem Weg zurück nach New York City –, ist es ein sehr früher Morgen Anfang März 2026. Mein Flugzeug schneidet durch die Wolken und erscheint wieder in dieser Welt aus Wind, Sternen und Leere, in der ich zwar nur manchmal bin, aber die ich sehr zu schätzen gelernt habe.
Ich mache es mir hier oben bequem, über den vielen schönen, seltsam geformten Wolken unter mir. Fliegen ist nicht neu für mich, aber in der Welt, in der ich jetzt lebe – die Welt nach dem 7. Oktober 2023 – empfinde ich hier oben ein seltsames Gefühl von Zugehörigkeit.
Norbert Bisky und Navot Miller über ihre gemeinsame Ausstellung, Tel Aviv und die Porträts ihrer Mütter
Im Herbst 2024 wurde die Jüdische Kunstschule gegründet. Sie soll ein »Safe Space« für Kreative sein. Ein Besuch in zwei Workshops
Im Rumpf des Flugzeugs fühlt sich dieser Raum über Bergen und Flüssen, Häusern und Feldern, Seen, Städten und Tunneln, Wirtschaft und Aktienmärkten, Politik und Streit, Verkehr und Diskussionen an wie ein vorübergehender Schutz. Für kurze Zeit gibt es keine Räume, die ich deuten muss, es gib keine Gesichter, die ich verstehen muss und keine Notwendigkeit darüber zu verhandeln, wer ich bin oder was ich denke.
Ich war gleichzeitig in diesem Moment und Beobachter von ihm.
Dieser Moment erinnert mich an ein Bild, das ich vor kurzem beendet habe: Eines von meinen Freunden, die in einer Berghütte in den französischen Alpen eine Pause machen. Micky meditiert, Javi liest auf seinem Kindle und Iñigo schläft. Ich war gleichzeitig in diesem Moment und Beobachter von ihm – von meinen Freunden, die sich von der Welt da draußen ausruhen. Es war ein wunderoller Moment. Und während ich daran denke, merke ich, dass wir gerade über genau diesem Ort fliegen, während wir die Alpen zwischen Italien und Frankreich passieren.
Die Kunstwelt, die Partywelt, die queere Welt – Viele dieser Räume fühlen sich jetzt leer für mich an.
Die Kunstwelt, die Partywelt, die queere Welt – Viele dieser Räume fühlen sich jetzt leer für mich an.
Hier oben denke ich über die Welt nach, die ich verlassen habe. Mein Leben in Berlin, das Gefühl von Zugehörigkeit, das ich dort aufgebaut habe, und die Menschen, mit denen ich dort aufgewachsen bin – Menschen, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie so verwirrt sein können.
Ich denke auch an die Welt, in die ich zurückkehre, sobald das Flugzeug gelandet sein wird: New York, London, Mexiko-Stadt und Berlin. Die Kunstwelt, die Partywelt, die queere Welt, die sogenannte liberale Welt. Viele dieser Räume fühlen sich jetzt leer für mich an.
Sogar Institutionen, die ich einmal bewundert habe, wirken manchmal hohl. Ich habe Heuchelei in der Theorie verstanden, aber nicht ihre Realität – diese gezielte Stille, diese gezielte Wut, die selektiven Narrative. In manchen Räumen zensiere ich mich selbst, um dazuzugehören. In anderen verpacke ich meine Werte und Ansichten, die jetzt als offensiv gesehen werden können.
Ich bete oft und bitte Hashem um die Kraft, weiter Toleranz und Respekt zu haben.
Ich denke über meine Wünsche nach – die Orte, die ich sehen will, das Leben, das ich noch aufbauen will. Ich denke auch über die Absurditäten in der professionellen Welt nach, in der ich mich teilweise bewege – die sogenannte Kunst-, intellektuelle, liberale, feministische Welt.
Ich denke über jüdische Schulen, Krankenhäuser und Industrien wie Hollywood nach – Institutionen, die oft ihren Ursprung in einem Ausschluss hatten: Krankenhäuser wurden gegründet, weil Juden Behandlung verweigert wurde. Schulen wurden gegründet, weil Juden ausgeschlossen wurden. Ganze Industrien wurden jüdisch,........
