Ein Wegweiser durch den Dschungel der israelischen Politik
30. August 2026 – 17. Elul 5786
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Ein Wegweiser durch den Dschungel der israelischen Politik
Am 27. Oktober wählt Israel. Sie wollen mitreden, aber können die Parteien nicht auseinanderhalten? Willkommen im Klub. Die Israelis können es auch nicht
Es gibt zwei Sorten von Menschen, die sich für israelische Politik interessieren. Die einen leben dort. Die anderen erklären sie am Schabbat-Tisch in München, Zürich oder Wien. Dieser Text ist für die zweite Sorte. Und für die kleine, tapfere Gruppe dazwischen: Israelis im Ausland, die tatsächlich ein Ticket buchen, um zu wählen.
Erstens: Von hier aus geht gar nichts
Israel kennt keine Briefwahl. Keine Konsulatswahl, kein Onlineportal, nichts. Wer wählen will, muss am 27. Oktober im Land stehen. Die einzigen Ausnahmen sind Diplomaten im Auslandsdienst und israelische Seeleute auf See. Über eine halbe Million wahlberechtigte Israelis lebt im Ausland, und keiner von ihnen bekommt einen Stimmzettel per Post.
Deshalb gibt es »Fly and Vote«, eine Initiative der überparteilichen AID Coalition, die Zehntausende Israelis zum Wahltag ins Land bringen will. Flüge, Betten, Logistik, das ganze Schlamassel.
Wichtiger noch, und das ist kein Scherz: Das endgültige Wählerregister wird am 3. September aus dem Melderegister gezogen. Wer irgendwann in den letzten Jahren als Einwohner aus dem Melderegister gefallen ist, fällt automatisch aus dem Wählerregister. Betroffene erfahren das meist zufällig, oft erst mit dem Ticket in der Hand. Wer israelischer Staatsbürger ist und wählen möchte, sollte also nicht diesen Artikel zu Ende lesen, sondern erst seinen Registereintrag prüfen. Dann weiterlesen.
Zweitens: Das System in dreißig Sekunden
120 Sitze. Eine einzige landesweite Liste, keine Wahlkreise, keine Kandidaten auf dem Zettel. Man wählt eine Partei, nicht einen Menschen. Wer unter 3,25 Prozent bleibt, fliegt raus, und die Stimmen landen im Papierkorb. Nach der Wahl beauftragt der Staatspräsident denjenigen mit der Regierungsbildung, der die besten Chancen auf 61 Sitze hat. Das ist nicht zwingend der Sieger. Es ist der beste Rechner.
Merken Sie sich diese Zahl: 61. Alles andere in diesem Text ist Beiwerk.
Benjamin Netanjahu, Likud
Fangen wir mit dem an, um den sich alles dreht. Wer Bibi wählt, sagt in der Regel einen einzigen Satz: »Es gibt keinen Ersatz.«
Diesen Satz höre ich seit dreißig Jahren. Ich habe ihn zuletzt vor zwei Tagen bei einem Mittagessen in München gehört, auf Deutsch, mit vollem Ernst. Und man muss fair sein: Er ist nicht dumm. Dahinter steht ein echtes Argument. Wer sonst soll sich hinstellen, wenn die halbe Welt Israel erklärt, wie es zu existieren hat? Wer kennt die Akten, die Kanäle, die Männer in Washington? Netanjahu ist der dienstälteste Ministerpräsident des Landes, und Erfahrung ist keine Kleinigkeit, wenn es an allen Fronten brennt.
Bei der Frage, wer sich besser als Regierungschef eigne, verliert Netanjahu inzwischen gegen beide Herausforderer.
Bei der Frage, wer sich besser als Regierungschef eigne, verliert Netanjahu inzwischen gegen beide Herausforderer.
Der Preis dieses Arguments ist allerdings hoch, und die Wähler kennen ihn. Der Korruptionsprozess läuft seit Mai 2020. Im November 2025 hat Netanjahu ein Gnadengesuch eingereicht, ohne Verurteilung und ohne Schuldeingeständnis. Präsident Herzog hat bisher nicht begnadigt, sondern auf eine Einigung außerhalb des Gerichtssaals gedrängt. Eine echte staatliche Untersuchungskommission zum 7. Oktober gibt es bis heute nicht. Der Likud stand 2022 bei 32 Sitzen und liegt jetzt bei 22. Die Vorwahlen im August waren ein Schauspiel: Netanjahu ließ sich das Recht sichern, mehrere Spitzenplätze selbst zu vergeben. Genützt hat es nichts, danach verlor die Partei in der Umfrage weiter.
Und noch etwas ist neu. Bei der Frage, wer sich besser als Regierungschef eigne, verliert Netanjahu inzwischen gegen beide Herausforderer. Gegen Eisenkot mit 35 zu 41 Prozent. Gegen Bennett, zum ersten Mal überhaupt, mit 36 zu 37. Knapp, aber die Richtung ist eindeutig.
Und der Satz mit dem Ersatz hat einen Haken. Er ist wahr geworden, weil dreißig Jahre lang jeder mögliche Ersatz rechtzeitig entsorgt wurde. Das ist keine Naturkonstante. Das ist Handwerk.
Naftali Bennett und Jair Lapid, Bejachad
Bennett hat mich beeindruckt, und ich sage das mit einer gewissen Vorsicht, weil ich neben ihm saß. Im Oktober 2025 habe ich ihn in der Jüdischen Gemeinde in München auf der Bühne interviewt. Er sprach staatsmännisch, ruhig, ohne die üblichen Reflexe. Vor allem gab er eigene Fehler zu, offen und ohne Umweg. Das klingt nach einer Kleinigkeit. In der israelischen Politik ist es eine Seltenheit, für die man........
