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Trump pestet gegen Europa: Der Nato droht der Todesstoß

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30.03.2026

Donald Trump spricht über die Nato inzwischen nicht mehr wie über eine Ehe, in der es knirscht. Sondern wie über eine Beziehung, aus der er innerlich längst ausgezogen ist. 

Weil die europäischen Verbündeten sich (völlig zu Recht) weigern, an der Seite der USA und Israels militärisch in den seit vier Wochen tobenden Iran-Krieg einzusteigen und bereits heute, nicht erst nach einem etwaigen Waffenstillstand, die für die Weltwirtschaft wichtige Seestraße von Hormus zu sichern, steigert sich der zunehmend dünnhäutiger werdende Präsident in eine Wut-Sprache hinein, die nicht mehr bloß beleidigt, sondern vorbereitet: „Wir müssen nicht für die Nato da sein.“ 

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Trump-Drohungen: In Brüssel müssen die Alarmglocken schrillen

Zuvor hatte er die Mitgliedstaaten „Feiglinge“ geschimpft und das Bündnis ohne Amerika als „Papiertiger“ verhöhnt. In nächtlichen Tiraden auf seinem Online-Pranger „Truth Social“, da, wo sich täglich der wahre, ungefilterte Trump präsentiert, stellte er in Großbuchstaben fest: „Die USA brauchen nichts von der Nato. Aber vergesst niemals diesen sehr wichtigen Moment.“ Ein Mafia-Pate, der sich von einer anderen „crime family“ betrogen fühlt, klingt nicht anders.

Seine Forderung, bei der Sicherung von Hormus mitzuhelfen (ein Unternehmen, das dem Pentagon zur Stunde viel zu gefährlich ist), sei ein Test gewesen. Das ausgestellte Zeugnis – nicht bestanden – verband der Präsident mit einer diffusen Drohung: „Ich glaube, das wird sie teuer zu stehen kommen.“ Sie, die Europäer. Angesichts des „großen, fetten, schönen Ozeans“, der laut Trump zwischen Amerika und Europa liegt, müssen in Brüssel die Alarmglocken schrillen, wenn Trump mit Sätzen wie diesen nachlegt: „Warum sollten wir für sie da sein, wenn sie nicht für uns da sind?“

Das ist die Umkehrung des Bündnisgedankens in eine Schutzgeldlogik. Hilfe wie ein Termin-Geschäft – nur noch gegen sofortige Gegenleistung. Damit rührt Trump an den Kern von Artikel 5, also das Versprechen kollektiver Verteidigung, auf dem das Bündnis seit 1949 ruht.

Die Iran-Krise liefert Trump einen emotionalen Vorwand

Wer das als bloßen Wutausbruch oder Nebenkriegsschauplatz abtut, übersieht das Muster. Trump hat die Nato seit einem Jahrzehnt systematisch entwertet. 2016 nannte er sie „veraltet“. 2024 ermunterte er Russland de facto, säumige Bündnispartner anzugreifen. 2026 drohte er Dänemark mit der Annexion Grönlands. Die Iran-Krise liefert Trump nun den emotionalen Vorwand, aus alter, tiefer Verachtung Politik zu machen. Was er seit Jahren sagt, klingt nicht mehr theoretisch. Sondern wie Vorsatz. 

Wie schnell könnte er ernst machen? Schneller, als Europa lieb sein kann. Der Nato-Vertrag erlaubt in Artikel 13 grundsätzlich den Austritt eines Mitglieds ein Jahr nach Kündigungsanzeige. Allerdings hat der US-Kongress im „National Defense Authorization Act“ festgeschrieben, dass ein Präsident die USA nicht einseitig aus der Nato herauslösen darf. Es braucht entweder die Zustimmung von zwei Dritteln des Senats. Oder ein Gesetz des gesamten Kongresses. Daraus würde bei einem Trump-Vorstoß mit Sicherheit ein massiver Rechtsstreit, womöglich eine Verfassungskrise. 

Trump könnte die Nato faktisch lähmen

Doch selbst wenn der formale Austritt blockiert würde, könnte Trump das Bündnis faktisch lähmen: durch die Verweigerung von Artikel-5-Zusagen, den Entzug von Geld, Kommandostrukturen und Truppen. Dafür bräuchte er kein Austrittsdokument. Sabotage von innen reicht.

Trump hatte schon in seiner ersten Amtszeit den Abzug von US-Truppen aus Deutschland im Auge. Der Kongress und spätere Regierungsentscheidungen bremsten ihn. Das jüngste Verteidigungsgesetz schreibt zwar eine Mindestpräsenz von rund 76.000 US-Soldaten in Europa vor, während aktuell etwa 85.000 stationiert sind. Aber Reduzierungen (über die gerade in Washington spekuliert wird) und die öffentliche Infragestellung der Beistandspflicht würden schon ausreichen, um Moskau zu signalisieren, dass die alte Gewissheit amerikanischer Rückendeckung nicht mehr gilt. Wladimir Putin tanzt innerlich auf dem Tisch.

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Trump betreibt Außenpolitik wie eine persönliche Loyalitätsprüfung

Wie Trump wegen Iran das ganze Bündnis zur Disposition stellt, hat eine bedrückende Dynamik. EU-Diplomaten in Washington sagen hinter vorgehaltener Hand, Trump habe die Nato mit dem Iran-Konflikt „in der Praxis bereits funktionsunfähig gemacht“. Das mag überzeichnet sein. Aber selbst wenn Trump morgen keinen Austritt in die Wege leitet, lebt das Bündnis von Vertrauen. Dieses Vertrauen zerstört er mit jedem Satz, der Amerika nicht mehr als Führungsmacht ausweist. Sondern als gekränkten Schutzpatron, der jederzeit die Tür zuschlagen kann.

Nach mehr als 75 Jahren westlicher Sicherheitsordnung hängt eines der erfolgreichsten Bündnisse der modernen Geschichte plötzlich an den narzisstischen Launen eines Präsidenten, der Außenpolitik wie eine persönliche Loyalitätsprüfung betreibt. Nicht ein Strategiewechsel bedroht die Nato, sondern Trumps toxische Mischung aus Kränkung und Rachsucht, die mit jedem Kriegstag bedrohlicher wird.


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