menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Voran beim Klima

12 0
08.01.2025

Stand: 07.01.2025, 16:07 Uhr

Von: Joachim Wille

KommentareDruckenTeilen

Deutschland liegt mit der Klimabilanz unter den Industrieländern vorne. Dennoch muss das Tempo verdoppelt werden.

Positive Nachricht gefällig? Es geht voran mit dem Klimaschutz. Im Jahr 1990, beim Start der Anstrengungen zur Minderung der Treibhausgasemissionen, pustete Deutschland aus Kraftwerken, Schonsteinen und Auspuffen die gewaltige Menge von 1251 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre. Im vorigen Jahr, 2024, waren es nur noch 656 Millionen, also etwas mehr als die Hälfte, wie die Bilanz des Thinktanks Agora Energiewende zeigt.

Man muss sich klarmachen: Zuletzt lagen die deutschen Emissionen in den 1950er Jahren auf diesem Niveau, bei einem deutlich geringeren Wohlstandsniveau, bei einem verglichen mit heute minimalen Autoverkehr, bei viel kleinerer Pro-Kopf-Wohnfläche und bei einem weit niedrigeren Konsumniveau.

Es ist richtig, diesen Erfolg beim Klimaschutz zu würdigen. Deutschland liegt mit der Bilanz unter den großen Industrieländern weit vorne. Ein nicht unerheblicher Teil der CO2-Einsparung ist zwar dem Ab- und Umbau der ineffizienten, schmutzigen DDR-Industrie geschuldet, die nach der Wende nicht mehr konkurrenzfähig war.

Doch insgesamt wäre dieser Erfolg bei den Emissionen nicht ohne eine aktive und erfolgreiche Energiewendepolitik möglich gewesen, vor allem nicht ohne den Aufbau der erneuerbaren Energien, das Auslaufen der Kohlekraftwerke und zahlreiche Maßnahmen in anderen Bereichen. Bereits heute führt das dazu, dass weniger fossile Energien importiert werden müssen und das Geld in Investitionen im eignen Land fließt.

Also alles im grünen Bereich? Leider noch nicht. Trotz der Erfolge gilt: Die Herausforderungen, die Deutschland bis zu der für 2045 angepeilten Klimaneutralität zu bewältigen hat, sind sogar noch größer als die zurückliegenden. Denn während die Bundesrepublik für die erste Hälfte der CO2-Minderung rund dreieinhalb Jahrzehnte gebraucht hat, bleiben für den Rest nur noch zwei. Das heißt, das Tempo des Umbaus muss praktisch verdoppelt werden.

Die aktuelle Agora-Bilanz zeigt erneut, dass die Energiewende zwar im Strombereich gut läuft, die anderen zentralen Sektoren Industrie, Gebäude und Verkehr aber hinterherhinken. Das kann nicht so bleiben. Zwar wird Strom künftig eine immer größere Rolle auch in den anderen Bereichen spielen – Stichworte: Elektrifizierung in der Industrieproduktion, Wärmepumpe, E-Motor in Autos –, doch müssen dafür schnell auch die richtigen Strukturen geschaffen werden.

Es braucht mehr gezielte Anreize, um diese Transformation zu schaffen. Das geht von einem subventionierten Industriestrompreis für kritische Branchen über geringere Netzentgelte für Wärmepumpennutzer bis zu einer intelligenten Förderung von E-Autos, die auch Gebrauchte einschließt.

Die Herausforderungen für die nächste Bundesregierung im Bereich Klimaschutz sind also sehr groß. Die neue Koalition, wohl unter Führung von CDU und CSU, muss für die Nachzüglersektoren jene „Fortschrittskoalition“ werden, die die Ampel nur postuliert hat.

Hoffnung macht hier, dass sowohl die Union als auch SPD und Grüne, die als Juniorpartner infrage kommen, jenseits sonstiger Differenzen etwa bei Atomkraftnutzung, Verbrennerverbot und Klimageld am Datum 2045 für die Klimaneutralität festhalten wollen, anders als die FDP, die nun 2050 anpeilt, und anders als die AfD, die ohnehin im fossilen Zeitalter bleiben will. Sie folgen damit dem Gebot des Bundesverfassungsgerichts, wonach die Klimaschutzanstrengungen nicht auf künftige Generationen verschoben werden dürfen.

Die neue Regierung hat hier einen großen Job, aber auch große Chancen, da eine CO2-neutrale Wirtschaft Wertschöpfung im Inland und Jobs schafft. Es bleiben nur fünf Legislaturperioden, um die Treibhausgase auf netto null herunterzufahren. Die Weichen dafür müssen jetzt gestellt werden. Bericht S. 15


© Frankfurter Rundschau