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Sind wir Männer alle potenzielle Täter?

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26.03.2026

Sind wir Männer alle potenzielle Täter?

Stand: 26.03.2026, 17:52 Uhr

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Nach den Vorwürfen von Collien Fernandes stellt sich die Frage: Ist jeder Mann verdächtig? Nicht zwangsläufig, aber wirklich unschuldig ist wahrscheinlich keiner.

Ich wolle mich doch nur linken Frauen anbiedern, wirft mir ein Freund vor und wedelt mit seiner glimmenden Zigarette vor meiner Nase herum. Es dürfte drei Uhr morgens sein, wir sitzen mit einer Freundin in einer Kneipe im Frankfurter Bahnhofsviertel.

Thema ist meine Aussage, dass ich verstehen kann, wenn Frauen jeden Mann erst einmal grundsätzlich als potenziellen Täter sehen. „Du bist kein Täter, ich bin kein Täter. Ich finde es schwierig, Menschen pauschal in eine Schublade zu stecken“, sagt er. Unsere Freundin erwidert, dass der Teufel im Detail stecke, nämlich im Wort „potenziell“. An diesem Abend werden wir auf keinen Konsens mehr kommen.

Schon wieder ein Mann: Was die Vorwürfe von Collien Fernandes ausgelöst haben

Die Spiegel-Veröffentlichung über die Vorwürfe der Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen hat einen Ruck ausgelöst. Die Politik beeilt sich mit Gesetzesentwürfen gegen sexualisierte digitale Gewalt, landesweit bringen Demonstrationen Solidarität mit Fernandes zum Ausdruck. Sie beschuldigt ihren Ex-Mann, jahrelang über unter ihrem Namen erstellten Online-Profilen gefälschte Nacktfotos und mit KI erstellte Sex-Videos von ihr verbreitet zu haben.

Schon wieder ein Mann, ein mutmaßlicher Täter. Der Fall weckt Erinnerungen an die Französin Gisèle Pelicot. Ihr Ehemann Dominique hat sie von 2011 bis 2020 hunderte Male betäubt und vergewaltigt, auch mehr als 80 weiteren Männern angeboten. Das Gericht verhing im Jahr 2024 mit 20 Jahren Haft die Höchststrafe über Dominique Pelicot.

Der Blick in die Statistiken lässt aufhorchen. Laut Bundeskriminalamt (BKA) sind rund 98 Prozent der Tatverdächtigen bei Sexualstraftaten Männer. Bei den angezeigten Fällen von häuslicher Gewalt, also Gewalt durch den Partner oder die Partnerin, waren im Jahr 2024 demnach 70,4 Prozent der Opfer weiblich. Und ganz ehrlich, jeder und jede von uns kennt im persönlichen Umfeld betroffene Frauen, mit traumatischen Geschichten.

Hätte die französische Polizei nicht aufgrund eines anderen Falles auf dem Computer von Dominique Pelicot Videos der Vergewaltigungen gefunden, Gisèle Pelicot wüsste vielleicht bis heute nicht, welches Monster sich hinter dem Gesicht ihres Mannes versteckte. Auch Collien Fernandes dürfte ihren damaligen Ehemann nicht in Verdacht gehabt haben. Der eigene Partner? Niemals würde er so etwas tun. Bis er es eben doch tut. Also stimmt es, dass jeder Mann ein potenzieller Täter ist? Dass man sich bei keinem Mann hundertprozentig sicher sein kann, selbst wenn er vorgibt, einen zu lieben, dass er einem niemals etwas antun würde? Und der Vorwurf meines Freundes in der Bar? Ich würde mich nur anbiedern wollen, sogenanntes Woke-Fishing betreiben? Ein Pick-me-boy sein? Der Vorwurf ist nachvollziehbar.

Liebe Leserinnen und liebe Leser, die Vorwürfe von Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann haben eine Debatte über analoge und digitale Gewalt gegen Frauen ausgelöst. Häufig wird den Männern vorgeworfen, sie würden auffallend schweigen.

Wie sehen Sie das? Sind alle Männer betroffen? Und sollten sich Männer positionieren? Schreiben Sie uns IhreMeinung an: forum@fr.de

„Habe in meiner Vergangenheit auch schon grenzüberschreitendes Verhalten an den Tag gelegt“

Nicht wenige Männer wähnen sich feministisch, tragen das offensiv zur Schau, nur um dann kurze Zeit später selbst mit Vorwürfen der Übergriffigkeit oder Schlimmerem konfrontiert zu werden. Wenn sich ein Mann selbstbewusst als Feminist bezeichnet, sollte erst einmal Vorsicht gelten. Viele sind bestimmt feministisch eingestellt. Doch diejenigen, die darauf bestehen, kompensieren oft etwas. Schämen sich vielleicht für ihre Vergangenheit. Oder versuchen sich wirklich bei Frauen anzubiedern. Je offensiver sie sich als Vorzeigefeminist präsentieren, desto misstrauischer sollte man bei manchen werden.

FR-KommentarDonald Trumps Niederlage im Iran-Krieg

Eine Freundin meinte mal zu mir, sie hätte es lieber mit einem Mann zu tun, der offen sexistisch ist, als mit einem, der seine Misogynie hinter feministisch klingenden Phrasen versteckt. Bei ersterem wisse sie, mit wem sie es zu tun habe. Der zweite wiederum sei unberechenbar.

Man sollte sich als Mann eingestehen, dass man Fehler macht. Männer sind auch nur Menschen. Wir leben in keinem luftleeren Raum, wir sind alle in einer patriarchalen Gesellschaft aufgewachsen – mit den unbestreitbaren Folgen für Frauen und dem Einfluss auf Männer. Besonders für die wirklich guten unter ihnen bedeutet das als Folge, sich von erlernten Verhaltensweisen oder Weltbildern freizumachen.

Auch wenn es Überwindung gekostet hat, mache ich heute keinen Hehl daraus, dass ich in meiner Vergangenheit gegenüber Frauen auch schon grenzüberschreitendes Verhalten an den Tag gelegt habe. Nicht aus Boshaftigkeit, oder weil es mich geil gemacht hätte. Sondern weil ich es nicht besser wusste. Es muss nicht erst eine Vergewaltigung sein, um grenzüberschreitend zu sein. Und vielleicht passiert mir das unbewusst immer noch, das kann ich nicht ausschließen. Verhaltensweisen oder Weltbilder zu verlernen ist ein längerer Prozess. Gleichzeitig war ich auch schon Betroffener von Grenzüberschreitungen, durch Männer als auch durch Frauen.

Doch wie sollte man als tatsächlich geläuterter Mann mit der Debatte umgehen? Nun, das ist ein Dilemma. Einerseits will man eben nicht der Typ sein, der sich als feministischer Vorkämpfer aufspielt. Das macht misstrauisch. Das nimmt Frauen die Bühne. Und womöglich kann man diesem Anspruch sowieso nicht gerecht werden. Also sollte man als Mann doch lieber die Klappe halten?

Schweigen ist keine Lösung – feministische Kämpfe sollten gemeinsam geführt werden

Andererseits ist Schweigen auch keine zufriedenstellende Lösung. Man will den Betroffenen natürlich zuhören, statt für sie zu sprechen. Doch feministische Kämpfe sollten gemeinsam geführt werden. Hier haben Freundinnen von mir auseinandergehende Meinungen. Vielleicht könnte für den Diskurs ein Mittelweg eine Lösung sein. Und für die Praxis kann die Lösung nur sein, sich bewusst zu machen, dass es ohne Arbeit an sich selbst und am Sturz des Patriarchats, dem System, von dem Männer profitieren, nicht geht.

Viel wichtiger ist aber Folgendes: Frauen fordern uns auf, zu handeln. Mit unseren Kumpels über unsere Misogynie zu reden und uns gegenseitig beiseite zu nehmen, wenn wir mal daneben treten. Sie fordern uns auf, Verantwortung zu übernehmen. Dieser Forderung sollten wir nachkommen. Das ist das Mindeste.

Dafür müssen wir auch Scham zulassen, was erst einmal gegen die Natur ist. „Die Scham muss die Seite wechseln“, sagte Gisèle Pelicot. Und ja, wenn man sich als Mann erst einmal hilflos fühlt, sollte man daran denken, wie hilflos, wie wütend Frauen erst sein müssen. Und solange müssen wir uns vielleicht gefallen lassen, als potenzielle Täter gesehen zu werden.


© Frankfurter Rundschau