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Stell dir vor, es ist Streik, und keiner merkt es

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16.04.2026

Verdi-Tarifrunde im Handel: Warum Streiks von 5,2 Millionen Beschäftigten kaum Wirkung entfalten

Stell dir vor, es ist Streik, und keiner merkt es

Verdi verlangt für die Beschäftigten im Handel mehr Lohn und weniger unfreiwillige Teilzeit. Einfach wird es nicht, dies durchzusetzen. Die letzte Karte zu ziehen, ist für die Gewerkschaft aber noch schwieriger.

Der Handel steht vor seiner nächsten Tarifrunde. Die Gewerkschaft Verdi will für die Beschäftigten höhere Löhne und Gehälter durchsetzen. Es geht um bundesweit rund 5,2 Millionen Menschen. Sie kassieren in Supermärkten, beraten in Kaufhäusern, räumen in Lagern die Ware ein und aus.

Reich wird man in der Branche nicht. Eine Einzelhandelskauffrau – Verdi rechnet dies beispielhaft für Nordrhein-Westfalen vor – kommt nach sechs Jahren auf gut 3200 Euro brutto im Monat. Im Großhandel sind es knapp 200 Euro mehr.

Es ist verständlich, dass die Beschäftigten mehr Geld haben wollen. Der Iran-Krieg hat die Energiepreise in die Höhe getrieben, die Inflationsrate ist auf 2,7 Prozent geklettert. Eine Kassiererin, die frühmorgens mit dem Auto zum Baumarkt fährt, um dort die erste Schicht zu übernehmen, spürt das direkt.

Und doch wird es nicht leicht sein, die Forderungen durchzusetzen. Das hat mehrere Gründe.

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Was Verdi ins Feld führt, um höhere Löhne und Gehälter zu rechtfertigen, ist zugleich das Argument der Arbeitgeberseite: die schwierige Lage der Wirtschaft. In diesem Jahr erwarten die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute ein mageres Wachstum von gerade einmal 0,6 Prozent. Die Forderungen der Gewerkschaft unterscheiden sich je nach Bundesland. Im Kern will sie aber 7 Prozent mehr Lohn bei zwölf Monaten Laufzeit. Für „völlig überzogen“ hält das Steven Haarke vom Handelsverband Deutschland (HDE) – und argumentiert abermals mit der schwierigen Wirtschaftslage. Viele Jobs in der Branche stünden auf dem Spiel, die Unternehmen dürften nicht überfordert werden. Das klingt nicht danach, als könne man sich zügig einig werden.

Ob die Entlastungsprämie in den Tarifverhandlungen eine Rolle spielen wird, bleibt abzuwarten.

Ob die Entlastungsprämie in den Tarifverhandlungen eine Rolle spielen wird, bleibt abzuwarten.

Entlastungsprämie dürfte nicht helfen

Auf den ersten Blick klingt es verlockend: Die von der Bundesregierung vorgeschlagene Entlastungsprämie könnte auch den Beschäftigten des Handels 1000 Euro ins Portemonnaie bringen. Doch hier sind sich Gewerkschaft und Arbeitgeberseite erstaunlich einig: Beide sind skeptisch. Verdi stört sich daran, dass Einmalzahlungen schneller verpuffen als langfristige Gehaltserhöhungen. Der Handelsverband hingegen sieht eine staatliche Aufgabe auf sich abgewälzt. Ob die Entlastungsprämie in den Tarifverhandlungen eine Rolle spielen wird, bleibt abzuwarten.

Weniger Teilzeit ist unrealistisch

Es geht nicht nur ums Geld. In der Kritik steht auch die hohe Teilzeitquote in der Branche. Dass 65 Prozent der Menschen im Einzelhandel und 28 Prozent im Großhandel nicht in Vollzeit arbeiten, ist laut Verdi „zum Großteil“ unfreiwillig. Angesichts der Debatten rund um eine „Lifestyle-Teilzeit“ wäre es sicherlich wünschenswert, wenn all jene, die gern mehr arbeiten würden, das auch könnten. Ob das im Zuge der Tarifverhandlungen durchschlägt, ist allerdings fraglich – zumal dann auch die Kinderbetreuung ernsthaft ausgebaut werden müsste. Auch das ist ein Aspekt, der bei der Frage eine große Rolle spielt.

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Das letzte Druckmittel zieht weniger

Scheitern alle anderen Versuche, bleibt ein letztes mögliches Druckmittel: die Arbeitsniederlegung. Verdi selbst spricht von einer „Ultima Ratio“. Wie sehr Streiks die Menschen verzweifeln lassen, zeigen gerade die Ausstände der Lufthansa-Piloten. Von den Schlagzeilen, wie sie die Beschäftigten der Kranich-Airline machen, sind die Beschäftigten des Handels aber weit entfernt. Zwar können auch sie mit Streiks drohen. Nur ist das weniger spürbar.

Schon vor zwei Jahren, als der Tarifkonflikt im Handel eskalierte und es zu Arbeitsniederlegungen kam, bedeutete das zwar mancherorts leere Regale. Doch die meisten Kundinnen und Kunden konnten auf andere Supermärkte oder ins Internet ausweichen. Und dass Regale vereinzelt leer blieben, sorgte nicht für so große Verwerfungen wie stillstehende Flugzeuge, Busse oder Bahnen. So richtig schmerzhaft wurde es nicht. Das nimmt dem Druckmittel seine Kraft.


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