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„Potenziell“: Nicht nur möglicherweise wird dieses Wort falsch verwendet

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friday

Meist kommt es unscheinbar daher und scheint erst einmal nur Raum für Möglichkeiten zu schaffen. Doch das Wörtchen „potenziell“, egal ob mit z oder t geschrieben (der Duden empfiehlt Ersteres, erlaubt aber auch Letzteres) entwickelt sich zu einer echten Plage – weil das Adjektiv immer öfter falsch verwendet wird.

Inwiefern? Nicht im Zusammenhang mit sexueller Leistungsfähigkeit, eine solche Fehlleistung passiert wohl kaum. Nein, es geht um die Unart, „potenziell“ für irgendwie alles im weiten Feld der Unschärfe einzusetzen. „Möglicherweise“ oder „vielleicht“ klingt zu unkultiviert? „Vermutlich“ sagt schon zu viel? Dann doch lieber „potenziell“, scheint die allgemeine Meinung zu sein. Und so findet sich das Wort überall. „Wir sollten uns potenziell mal zusammensetzen“ äußert da jemand diffus. „Am Freitag habe ich potenziell Zeit“, lautet die vage Antwort. Derweil liest man von einem „potenziell herzzerreißenden Film“ oder „potenziell verschärften Zöllen“.

Es ist wohl das englische „potentially“, das hier seine Spuren hinterlässt. Dieses Adverb ist deutlich biegsamer als unser „potenziell“, das nur ausdrücken will, dass etwas der Anlage, der Möglichkeit nach vorhanden ist. In der Physik gibt es potenzielle Energie – beim Wasser eines Stausees zum Beispiel –, in der Wirtschaft potenzielle Käufer und in der Medizin potenzielle Stammzellenspender.

In der Literatur ist das Wort, das mit seinen drei harten Silben unschön klingt, kaum anzutreffen. Wozu auch? Es gibt kein Bedeutungsloch für Möglichkeiten, das gestopft werden müsste. Ganz im Gegenteil decken viele Ausdrücke den Bereich ab, in dem die Potenzialitis wütet: Bescheiden und klar kommt das Wort „möglich“ daher, ebenso „vermutlich“. „Erhofft“ trägt Optimismus mit und „etwaig“ eine schöne Patina. „Geschätzt“ weist auf Subjektivität hin und „mutmaßlich“ auf einen rechtlichen Zusammenhang. Es gibt „vielleicht“ und „eventuell“, „gegebenenfalls“ und „vorstellbar“ und noch viele mehr – vom immer seltener werdenden Konjunktiv ganz zu schweigen.

Wozu also den Raum für „potenziell“ ausweiten? Natürlich, die Welt ist unübersichtlicher geworden, und dass sich das in der Sprache widerspiegelt, ist logisch. Ist es beckmesserisch, ein Wort an den Pranger zu stellen, das nur eine Möglichkeit verbalisiert? Nein, weil es so viele bessere Möglichkeiten gibt, die nicht nur die deutsche Sprache bereichern, sondern auch ein wenig Ordnung in der Unsicherheit bringen, das Vage klarer machen. Nicht nur potenziell, sondern sicher.

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