Worauf verzichten Silicon-Valley Gurus? Auf alles, was Spaß macht
Neulich ertappte ich in geselliger Runde jemanden beim falschen Fasten. Die Person hatte großspurig verkündet, bald bis Ostern auf Süßigkeiten zu verzichten. Da wurde ich hellhörig. War gerade sie nicht eine, die höchstens und nur gelegentlich einer Handvoll getrockneter Datteln oder einer Rippe widerlicher Zartbitterschokolade frönte? Die wahre Achillesferse war doch vielmehr ihre Bildschirmsucht, die sich wiederum in meinem Instagram-Postfach in Form von Dutzenden, nicht angesehenen Kurzvideos niederschlug. Habe ich etwas gesagt? Natürlich nicht. Es ist das Schicksal des Menschen, immer nur bei anderen sofort zu erkennen, was das Problem ist.
Das Problem mit dem Fasten ist sowieso ein uraltes. Im Buch Jesaja (Kapitel 58) klagten die Israeliten bei Gott darüber, warum sich ihr vorgebliches Fasten nicht endlich bemerkbar machte. Jahwe antwortete sinngemäß: Ihr spinnt wohl komplett! Ihr zankt und prügelt euch und lasst die Köpfe hängen und meint, ihr bekommt noch eine Belohnung dafür? Richtiges Fasten heißt für den Herrn nämlich: Unrecht bekämpfen, die Sklaven befreien („Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast!“), die Hungrigen speisen.
Ausgerechnet unser säkulares Zeitalter hat vor ein paar Jahren eine zweifelhafte Strategie hervorgebracht, die dem Dilemma des zu einfachen Verzichts vermeintlich den Garaus machen soll. Trinken, Rauchen, Spiel- und Handysucht – all diese Übel stehen in Wahrheit mit einer Substanz in Verbindung. Die Rede ist vom Dopamin, einem chemischen Botenstoff des zentralen Nervensystems, der außerdem Gefühle wie Motivation und Belohnung im Körper steuert – getriggert von Reizen wie Zucker, Alkohol und Apps. So kamen Mental-Health- und Fitness-Gurus im Umkehrschluss auf die Idee, gleich allen angenehm stimulierenden und belohnenden Tätigkeiten den Kampf anzusagen und zum Dopaminfasten aufzurufen.
Die Logik dahinter ist nicht schwer zu verstehen. Laut dem Fitnessmagazin „Men‘s Health“ geht es darum, auf „möglichst alles zu verzichten, was Spaß macht und körpereigene Glückshormone triggert“. Ohne die lästige Überreizung durch Glück und Freude soll sich das abgestumpfte Gehirn wieder sensibilisieren. Die BBC porträtierte einen jungen Tech-Unternehmer, der in besonders harten Phasen des Dopaminfastens seinen Mitmenschen gar nicht mehr in die Augen blickte. Ja, auch ein Blick – womöglich gar ein herzlicher – kann Dopamin triggern! Das erinnert auf fast schon komische Weise an frühchristliche Asketen, die sich betend auf Säulen verbannten. Vom Silicon Valley hat sich die Idee bis über den Atlantik und in die Wohlfühlressorts der Zeitungen und in die Ratgeberregale im Buchhandel ausgebreitet.
In der „Zeit“ hat sich pünktlich zur Fastenzeit nun doch ein Hirnforscher zu Wort gemeldet und das längst in Verruf geratene Dopamin verteidigt. Ohne den Botenstoff „könnten wir uns weder bewegen noch zum Arbeiten motivieren. Wir brauchen es zum Leben.“ Vielleicht hatte die falsch fastende Person am Ende ja doch recht. Vielleicht rettet sie sogar ihr eigenes Leben. Sicher jedenfalls ihre gute Laune.
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