menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Auch die Totenruhe der Heiligen ist heilig

12 0
22.02.2026

Kommentar zur Ausstellung von Gebeinen von Franz von Assisi: Die Totenruhe ist heilig

Auch die Totenruhe der Heiligen ist heilig

Im italienischen Assisi sind die sterblichen Überreste der berühmtesten Person der Stadt einen Monat lang in einer Glasvitrine zu sehen. Das gehört sich nicht.

Franz von Assisi ist einer der populärsten Heiligen der katholischen Kirche. Auch weit über den Kreis der besonders Frommen hinaus ist der Ordensgründer beliebt – kann man in ihm doch auch, wenn man möchte, einen frühen Umwelt- oder Tierschützer sehen. Selbst acht Jahrhunderte nach seinem Tod fliegen ihm die Sympathien förmlich zu. Es verwundert nicht, dass der vor gut einem Jahr gestorbene Papst Franziskus gerade ihn zu seinem Namenspatron gewählt hatte.

Diese Zurschaustellung von Knochen ist schlichtweg geschmacklos.

Diese Zurschaustellung von Knochen ist schlichtweg geschmacklos.

Wer die Popularität dieses Heiligen bemessen will, kann das in diesen Tagen mit einer Zahl machen: 400.000. So viele Menschen haben sich bereits angemeldet, um die Gebeine von Franz von Assisi zu bewundern. Anlässlich des 800. Todestags wird sein Skelett einen Monat lang in der päpstlichen Basilika San Francesco ausgestellt – in einer gläsernen Vitrine.

Für Gläubige, so heißt es offiziell, soll das ein „unmittelbares, sinnliches Erlebnis“ ermöglichen. Für Nichtgläubige – und sicher so manchen gläubigen Protestanten – ist diese Zurschaustellung von Knochen jedoch schlichtweg geschmacklos. Franz von Assisi mag heilig sein. Seine Totenruhe ist es jedoch auch.

Normalerweise ruhen die sterblichen Überreste in der Krypta der Basilika in einem Sarkophag aus Stein. Dass sie zum runden Jahrestag nach oben geholt wurden, könnte man noch entschuldigen, wenn man denn dem Heiligenkult in der katholischen Kirche wohlwollend begegnet.

Doch warum nur kommt die Reliquie in einen kugelsicheren Glaskasten, der bei genauem Hinsehen ein Studium des Zustands der Knochen erlaubt? Warum sollten menschliche Augen so präzise begutachten können, was doch erst im geistlich-spirituellen Empfinden der Gläubigen eine Bedeutung bekommt?

Es drohen makabre Selfies

Diese Zurschaustellung befördert eher einen unwürdigen Voyeurismus. Zumal Bilder des Skeletts in diesen Tagen schon um die Welt gehen: Sie werden nicht nur groß in Zeitungen gedruckt und in Fernsehnachrichten gezeigt, sondern auch in die Feeds der sozialen Medien gespült. Die Inszenierung des Heiligen lädt geradezu ein, ein Selfie zu schießen. Franz von Assisi kann sich dagegen nicht wehren und muss auf die irdischen Aufpasser in der Kirche hoffen, damit ein Mindestmaß an Pietät gewahrt bleibt.

„Avanti, avanti!“: Nur ein äußerst kurzer letzter Blick auf den alten Papst

Assisi zeigt Gebeine des Heiligen Franziskus – nach 800 Jahren in der Erde

Zwischen andächtiger Stille und sehnsüchtigem Greifen nach Wasserflaschen

Genau so war es bereits, als im vergangenen Jahr im Petersdom in Rom der Leichnam von Papst Franziskus in einem offenen Sarg ausgestellt wurde. Auch das wirkte aus der Zeit gefallen. Rechtfertigen konnte man die öffentliche Aufbahrung in diesem Fall noch damit, dass sie einigen Katholikinnen und Katholiken den Abschied von ihrem Kirchenoberhaupt erleichtern konnte – führte der Anblick des toten Pontifex dessen Ableben doch ganz praktisch vor Augen.

Für Franz von Assisi zählt das als mögliches Argument nicht. Den beliebten Heiligen jetzt so plump zu instrumentalisieren, gehört sich schlichtweg nicht.


© Die Harke