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Der Brandstifter im Weißen Haus

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09.04.2026

Nato in Gefahr: Trumps Drohungen und Erpressungen spalten das Bündnis

Der Brandstifter im Weißen Haus

Trump wirft Europas Nato-Staaten Illoyalität vor, weil sie seinen Krieg gegen den Iran nicht mittragen wollen. Tatsächlich ist es der Präsident selbst, der mit Drohungen, Erpressungen und Verachtung für eine regelbasierte Ordnung die Nato zerstört.

Die Nato hat schon viele Krisen überstanden: den Kalten Krieg, den Streit über den Irak, den chaotischen Afghanistan-Abzug, den Ukraine-Krieg. Doch was jetzt geschieht, ist gefährlicher als all das. Denn diesmal kommt die Bedrohung nicht von außen. Sie sitzt im Weißen Haus.

Der Besuch von Nato-Generalsekretär Mark Rutte bei Donald Trump zeigt, wie tief das Bündnis in die schlimmste Krise seiner Geschichte geraten ist. Nicht, weil die USA in ein paar Jahren vielleicht ausgetreten sein könnten. Das vielleicht Gefährlichere ist längst Realität: das andauernde Infragestellen der Bündnistreue, das tägliche Säen von Zweifeln, die zunehmenden Risse in der Abschreckung. Die Nato lebt nicht nur von Panzern, Flugzeugen und Truppenverbänden. Sie lebt davon, dass der Gegner sie nicht anzugreifen wagt. Genau diese Abschreckung zertrümmert Trump.

Trump wirft den europäischen Nato-Mitgliedern vor, sie seien keine verlässlichen Verbündeten, weil sie bei seinem Krieg gegen den Iran nicht mitmachen. Tatsächlich ist es genau umgekehrt: Nicht Europa ist der unzuverlässige Partner – unzuverlässig ist ein amerikanischer Präsident, der alle paar Monate mit dem Austritt aus der Nato droht und dessen Loyalität situativ und narzisstisch ist. Zu Recht stellen sich mittlerweile viele die Frage, ob die USA Europa wirklich verteidigen würden, wenn Moskau die Nato an der Ostflanke testet.

Trump testet nicht die Nato – er zerlegt sie

Paradoxerweise heißt es nun aus dem Weißen Haus, dass Trump die Nato testen wollte – und sie habe versagt. Was für eine brandgefährliche Aussage. Putin reibt sich die Hände. Tatsächlich lenkt Trump nur von seinem eigenen Versagen ab: Er war es, der einen Krieg im Iran begonnen, die Kontrolle darüber verloren und schließlich die fehlende Unterstützung der Europäer anprangert hat.

Trump verdreht den Sinn der Nato ins Gegenteil. Das Bündnis ist kein Werkzeug für die Launen eines Präsidenten und schon gar kein Angriffsbündnis auf Abruf. Die Nato ist erfolgreich, wenn sie durch Abschreckung Angriffe auf ihre Mitglieder verhindert. Diese defensive Idee mag Trump langweilig finden. Für Europa ist sie jedoch Teil der regelbasierten Ordnung.

Trump fordert bedingungslose Gefolgschaft, keine Allianz von Partnern. Wer da nicht mitmacht, wird bestraft.

Trump fordert bedingungslose Gefolgschaft, keine Allianz von Partnern. Wer da nicht mitmacht, wird bestraft.

Trump fordert bedingungslose Gefolgschaft, keine Allianz von Partnern. Wer da nicht mitmacht, wird bestraft, etwa mit dem Abzug von US-Soldaten. Damit zerstört Trump die Nato – mutwillig und rücksichtslos.

Natürlich machen die Europäer bei Trumps völkerrechtswidrigem Krieg nicht mit. Hier zählt noch das Völkerrecht. Doch aus Trumps Sicht ist Völkerrecht etwas für Schwächlinge, die allein nicht viel ausrichten können. Genau darin liegt die Ironie: Das ist zugleich die Idee der Nato – dass Staaten sich zusammentun, um Sicherheit gemeinsam zu garantieren. Wer nur an die Macht des Stärkeren glaubt, muss für ein solches Bündnis zwangsläufig wenig übrig haben.

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Und Rutte? Wenn überhaupt noch jemand in Europa Trump vorübergehend einfangen kann, dann er. Doch wie oft es ihm noch gelingen wird, mit seiner Charmeoffensive den Zerstörer zu besänftigen, und ob Trump nicht bloß den Preis für die nächsten Zugeständnisse der abhängigen Europäer hochtreibt? Das weiß wohl nur Trump selbst. Rutte sprach von einem „offenen Gespräch unter Freunden“. Aber was soll das für eine Freundschaft sein, wenn der eine den anderen mit so viel Lob überschütten muss, nur damit das größte Verteidigungsbündnis der Welt nicht von einem unberechenbaren Präsidenten zertrümmert wird?

Die größte Krise der Nato spielt sich nicht in Moskau oder in der Ukraine ab, sondern in Washington. Und sie wird jeden Tag größer. Doch bisher hat Europa noch keine Antwort darauf gefunden.


© Die Harke