Olympia 2036 – : ein Zeichen gegen Größenwahn
Der Bundespräsident zögert. Das ist verständlich. Hundert Jahre nach 1936, nach Fackellauf und Führerloge, nach einer perfekt inszenierten Lüge vom friedliebenden Deutschland – da ist Skepsis keine Attitüde, sondern Pflicht. Geschichte ist kein Staub, den man von den Schultern klopft. Sie sitzt tiefer.
Aber gerade weil 1936 missbraucht wurde, könnte 2036 ein Gegenentwurf sein.
Olympische Spiele sind nie nur Sport. Sie sind Erzählung. 1936 erzählte Deutschland die Geschichte von Größe und Ordnung, verschwieg Terror und Verfolgung. Welche wollen wir 2036 erzählen?
Stephan-Andreas Casdorff ist Editor-at-Large des Tagesspiegels. Er ist ein Fan von Olympia im Land – auch als Zeichen für ein demokratisches Deutschland.
Es spricht einiges dafür, dass Deutschland diese Bühne nicht meiden, sondern bewusst betreten sollte. Erstens: Reife. Eine gefestigte Demokratie muss keine Angst vor Jahrestagen haben. Ein Deutschland, das 2036 Olympische Spiele ausrichtet, würde das im Wissen um 1936 tun – mit Gedenkorten, mit Debatten, mit klarer Benennung der historischen Schuld. Nicht als Schlussstrich, sondern als Unterstreichung.
Zweitens: Europa. In einer Zeit, in der autoritäre Systeme selbstbewusst auftreten, wäre ein europäisch verankertes, transparent organisiertes Olympia ein politisches Signal. Nicht martialisch, nicht pathetisch, sondern nüchtern: Wir stehen für Rechtsstaat, für Vielfalt, für Fairness, überall. Und dafür, dass Großereignisse ohne Gigantomanie, ohne Menschenrechtsbruch, ohne Größenwahn möglich sind.
Drittens: Nachhaltigkeit. Die Spiele von morgen werden anders sein müssen, klimaneutral geplant, sozial eingebettet. Eine deutsche Bewerbung als Modellfall, Olympia als Labor für die Stadt der Zukunft, nicht als Betonorgie.
2036 könnte ein Datum sein, an dem Deutschland zeigt, wie weit es sich von 1936 entfernt hat. Durch bewusstes Erinnern und Handeln.
2036 könnte ein Datum sein, an dem Deutschland zeigt, wie weit es sich von 1936 entfernt hat. Durch bewusstes Erinnern und Handeln.
Stephan-Andreas Casdorff
Natürlich bleiben Risiken: Kosten, Sicherheitsfragen, die notorische Selbstüberschätzung des Internationalen Olympischen Komitees.
Ja, die Symbolik des Datums wird bleiben. Aber Symbole werden gedeutet. 2036 könnte ein Datum sein, an dem Deutschland zeigt, wie weit es sich von 1936 entfernt hat. Durch bewusstes Erinnern und Handeln.
Lesen Sie jetzt auch:
Genau das ist die Antwort auf die Skepsis des Bundespräsidenten: Man entkräftet Geschichte nicht dadurch, dass man ihr ausweicht. Sondern indem man sie in Verantwortung verwandelt. Olympia 2036 wäre kein Triumphmarsch, sondern eine Einladung – an die Welt und an uns selbst –, zu prüfen, was aus diesem Land geworden ist.
Ein Land, das aus seiner dunkelsten Stunde gelernt hat, darf sich dem Licht stellen. Nicht leichtfertig. Aber selbstbewusst.
