Sanierung der Staatsbibliothek: Berlins Gedächtnis ist verkalkt und verseucht
Bald wird es wohl noch enger in Berlins Wohnungen. Denn 3000 Nutzerinnen und Nutzer, die täglich in der Staatsbibliothek sitzen, müssen sich bald ein neues Zuhause suchen, zumindest tagsüber. In vielen Studierenden-WGs könnte der Platz knapp werden.
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Mit der Sanierung der Stabi startet Berlin das nächste Dauer-Großprojekt. 2030 schließt die ikonische Bibliothek am Kulturforum für nicht weniger als elf Jahre – so lange brauchte es auch, um den Bau von Hans Scharoun zu errichten. 5,4 Millionen Bücher müssen ausgelagert werden. Und diejenigen, die mit ihnen arbeiten, gleich mit: Der zweite Standort der Staatsbibliothek Unter den Linden bietet längst nicht genug Platz für alle, das schöne Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität ist jetzt schon meist überfüllt.
Robert Ide schreibt unter anderem die Newsletter „Checkpoint“ und „Im Osten“ sowie Kolumnen über Liebe („Ins Herz“) und die Berlinale.
Wieder kommt der Durchhalteslogan „Berlin ist arm, aber sexy“ der Stadt im Nachhinein teuer zu stehen. Denn auch der Bund, der vorrangig für die Stabi zuständig ist, hat strukturell zu wenig in die Hauptstadt investiert. Nun wird alles langwierig, teuer, unsexy.
Die Problemliste der Stabi ist so lang wie die Warteliste für ein vergriffenes Buch: Der Boden ist zerschlissen, die Toiletten sind desolat, ein Wasserschaden machte alles noch schlimmer. Das größte Problem aber ist auf den ersten Blick unsichtbar: Asbest hängt in den Zwischendecken und kann nur unter Schutz entfernt werden. 30.000 Tonnen Abfall müssen aus dem Gebäude geholt werden, das zunächst bis auf den Rohbau zurückgebaut wird.
Wieder kommt der Durchhalteslogan ,Berlin ist arm, aber sexy’ der Stadt im Nachhinein teuer zu stehen.
Wieder kommt der Durchhalteslogan ,Berlin ist arm, aber sexy’ der Stadt im Nachhinein teuer zu stehen.
Robert Ide, Tagesspiegel-Autor
Hinzu kommt der stets komplizierte Denkmalschutz für Hans Scharouns besonderen Bau: Jedes Bauteil muss deshalb fotografiert, katalogisiert und gereinigt werden, bevor es an seinen genauen Platz zurückkehrt. Auf nicht weniger als 110.000 Quadratmetern wird es unzählige Einzelbaustellen geben, verteilt auf zwölf Etagen, darunter zwei unterirdische. Ein fast schon überirdisches Unterfangen.
Die Berliner Landesbibliotheken können kaum Ersatz bieten, sind sie doch selbst sanierungsüberfällig. Die Amerika-Gedenkbibliothek in Kreuzberg ist schon lange zu klein, die Stadtbibliothek in Mitte modert schon viel zu lange vor sich hin, bevor sie hoffentlich bald ins Kaufhof-Gebäude am Alexanderplatz umziehen kann. Die Hauptstadt hat ihr Gedächtnis verkommen lassen, nun ist es verkalkt. Für Berlins Bibliotheken müssen komplett neue Kapitel aufgeschlagen werden.
© dpa/Sebastian Gollnow
Ein gutes Ende ist möglich: Der Umbau der Staatsbibliothek und ein Umzug der Landesbibliothek würden Berlins Wissenshäuser endlich zukunftsfähig machen. Ab 2041 kann die Stabi zu einem neuen Fixpunkt über das Gebäude hinaus werden: Der neue Eingang am Marlene-Dietrich-Platz dürfte das kahle Areal am Potsdamer Platz bereichern, ein Durchbruch vom Foyer zum Kulturforum würde auch diesen totbetonierten Ort beleben. Drinnen soll es mehr Gruppenräume und eine moderne Cafeteria geben. Bibliotheken als Treffpunkte, Kulturzentren und Orte gegen Vereinzelung – in anderen Städten ist das längst üblich. Berlin blättert hier endlich nach.
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Bleibt nur zu hoffen, dass bis zur Neueröffnung überhaupt Bücher noch als so wichtig erachtet werden, wie sie es sind. Bleibenden Wert hat das zwischen zwei Deckeln versammelte Wissen auf jeden Fall, egal wie wir in Zukunft lesen. Die Digitalisierung unseres kulturellen Gedächtnisses darf nicht auch noch vertrödelt werden.
Jeden Donnerstag ab 6 Uhr kommentiert Robert Ide stadtpolitische Themen bei Simone Panteleit und Team im Berliner Rundfunk 91.4. Im Tagesspiegel finden Sie den Kommentar zum Nachlesen und Nachhören.
