Im Tagesspiegel vor 80 Jahren: Nazi-Propaganda vor Augen geführt
Es muss irritierend gewesen sein, 1946, ein Jahr nach Kriegsende, eine solche Zeile in einer deutschen Zeitung zu lesen: „Führer befiehl, Hindenburg folgt!“ Das sollte es auch.
„Vor Jahren“ hieß die Rubrik, in der unsere Zeitung in der Nachkriegszeit NS-Propaganda jeweils auf den Tag genau rückblickend dokumentierte. Zur Einordnung und um die jeweilige Auswahl zu begründen, versah die Redaktion die Originaltexte mit eigenen, oft sarkastisch zugespitzten Überschriften.
Markus Hesselmann hat 30 der 80 Jahre Tagesspiegel-Geschichte als Redakteur miterlebt. Er schaut gern ins Archiv und holt Artikel aus den frühen Jahren unserer Zeitung ans Licht, jetzt auch für diese Kolumne.
Mit der Hitler-Hindenburg-Zeile wurde eine Zeitungsmeldung vom 5. Juni 1934 in Zusammenhang gebracht mit dem Standpunkt des Tagesspiegels, Steigbügelhalter wie „Reichspräsident Generalfeldmarschall“ von Hindenburg mitverantwortlich zu machen und auch das deutsche Militär nicht von den Nazi-Verbrechen freizusprechen.
Im Original gedruckt hatte die Hindenburg-Meldung die „Berliner Morgenpost“. Sie war gemeinsam mit dem Ullstein-Verlag „arisiert“ worden und erschien nun „de facto als ein Organ des Nazi-Pressetrusts Franz Eher Nachf.“. (Wir zitieren in dieser historischen Kolumne wie immer in der damaligen Rechtschreibung.)
Tagesspiegel am 5. Juni 1946
5. Juni 1934: Führer befiehl, Hindenburg folgt!
Reichspräsident Generalfeldmarschall von Hindenburg hat als oberster Befehlshaber der Wehrmacht eine Neufassung der bisherigen „Berufspflichten des deutschen Soldaten“ genehmigt. Die beiden ersten Punkte lauten:
1. Die Wehrmacht ist der Waffenträger des deutschen Volkes. Sie schützt das deutsche Reich und Vaterland, das im Nationalsozialismus geeinte Volk und seinen Lebensraum. Die Wurzeln ihrer Kraft liegen in einer ruhmreichen Vergangenheit, in deutschem Volkstum, deutscher Erde und deutscher Arbeit. Der Dienst in der Wehrmacht ist Ehrendienst am deutschen Volk.
2. Die Ehre des Soldaten liegt im bedingungslosen Einsatz seiner Person für Volk und Vaterland bis zur Opferung seines Lebens. Der Reichswehrminister hat befohlen, daß der Wortlaut der „Pflichten“ jedem Soldaten sofort bekanntzugeben und von ihm zu erlernen ist.
(Aus der „Berliner Morgenpost“)
Ähnlich die kommentierende Überschrift „Beitrag zur Schuldfrage“ über einer weiteren „Morgenpost“-Meldung vom 7. Juni 1933, in der es um massenhafte Eintritte in die NSDAP gegangen war und die am 7. Juni 1946 dokumentiert wurde: „Kurz vor der Mitgliedersperre sind bei der Reichsleitung derartige Massen von Aufnahmegesuchen........
