Im Tagesspiegel vor 80 Jahren: Hertha, Union...? Gesundbrunnen, Oberschöneweide...!
Das las sich einigermaßen verzweifelt: „Vielleicht ist jede Zeile, die wir vorschauend veröffentlichen, illusorisch“, schrieb der Tagesspiegel im April 1946. Turbulent ging es zu in der ersten Nachkriegssaison des Berliner Fußballs. Und das hatte nicht nur mit der Herausforderung zu tun, in einer kriegszerstörten und besetzten Stadt einen Spielbetrieb aufzuziehen, sondern auch mit Leistungsstärke, Sportgerichtsbarkeit sowie Spieler- und Fanverhalten.
Auch der Tagesspiegel übte noch. Unsere Zeitung druckte Sportberichte vor 80 Jahren unregelmäßig und ohne festen Platz im Blatt. Überregionales stand hier und da auf den eigentlich Kultur und Wirtschaft vorbehaltenen Seiten, Lokalsport im Berlin-Teil, der letzten Seite der Zeitung. Erste Versuche, das Geschehen zu bündeln, gab es anfangs eher unentschieden wirkend unter wiederkehrenden Überschriften wie „Berliner Sportleben“ oder „Sport-Mosaik“.
Markus Hesselmann hat 30 der 80 Jahre Tagesspiegel-Geschichte als Redakteur miterlebt. Er schaut gern ins Archiv und holt Artikel aus den frühen Jahren unserer Zeitung ans Licht, jetzt auch für diese Kolumne.
Was genau machte nun Spieltagsvorschauen im Frühjahr 1946 „illusorisch“? Reklamiererei, Einsprüche, Entscheidungen am „grünen Tisch“, also nicht auf dem Rasen, sondern durchs Sportgericht. Unwägbarkeit auch ohne VAR.
Tagesspiegel am 6. April 1946
„Die Tabellen der Fußball-Meisterschaften sind durch Maßnahmen vom grünen Tisch etwas durcheinander geraten. Die Durchführung der Punktspiele hätte ruhig etwas großzügiger geschehen können, aber die Bestimmungen im kommunalen Sport sind nun einmal so, daß man den Mannschaften wegen ihrer Einsprüche nicht einmal den Vorwurf der Unsportlichkeit machen kann. Gesetze sind auch im Sport unverrückbar, und bewähren sie sich nicht, dann sollten die Gesetzgeber ein Einsehen haben. Vielleicht ist jede Zeile, die wir vorschauend veröffentlichen, illusorisch, denn die Tabellenführer können inzwischen durch weitere Einsprüche an die letzte Stelle gerückt sein.“
Ohnehin war zum Jahreswechsel 1945/46 der gesamte Spielbetrieb noch einmal durchgerüttelt worden. Die Aufteilung der Staffeln nach Bezirken hatte sich als wenig hilfreich erwiesen. Zu........
