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Der Zauber des Eskapismus: Die Olympioniken und ihre Dramen bieten eine willkommene Entlastung von den Alltagsmühen

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14.02.2026

Die Aussichten fürs Wochenende? Wie fantastisch: größtenteils grau, um den Gefrierpunkt, Sonntag kommt vielleicht kurz die Sonne raus. Perfekte Bedingungen, etwas für die mentale Gesundheit zu tun. Endlich mal wieder Zeit für ausgiebige Selbstfürsorge und effiziente Burnout-Prävention.

Und das Beste ist: Niemand muss dafür das Sofa verlassen und draußen ausrutschen, denn die Olympischen Winterspiele gehen auch Samstag und Sonntag weiter – mit Eishockey, Curling, Freestyle-Skiing, Riesenslalom und Snowboarden.

Ja, geregelter Eskapismus ist gut für die menschliche Psyche, da sind sich Experten einig. Adaptiver Eskapismus, also die bewusste, zeitlich begrenzte Flucht aus der realen Welt und ihren Anforderungen in eine Scheinwirklichkeit, entspannt selbst diejenigen, die sonst bei der „Sportschau“ wegschauen. Dabeisein – an Sehnsuchtsorten wie Mailand, Cortina, Rasen-Antholz, Predazzo, Bormio, Livigno und Tesero – ist im Zeitalter der Remoteness erst recht alles.

Esther Kogelboom koordiniert die Interview-Unit „Im Gespräch“ und ist Host des Tagesspiegel-Podcasts „Gyncast“. Sie meint: Bei den Winterspielen bekommen sogar Niederlagen in ihrer Eindeutigkeit etwas Entlastendes. 

Danke allen Olympioniken und Olympionikinnen, die sich stellvertretend für uns mit rasendem Tempo in die zum Nachteil der Umwelt neu gebauten Eiskanäle werfen, während wir gedopt von einem heißen Kakao unter der Decke liegen und vor dem Bildschirm die pulsverlangsamende Wirkung von Zeitlupen genießen, die sich neuerdings in Einzelbilder auffächern wie bei einem Videospiel.

Die Frage „Woran lag’s?“ müssen zum Glück nicht wir beantworten

In diesem Moment hat uns der Sportgott die Last von den Schultern genommen und auf den Schultern der Tobis verteilt. Alles auf eine Karte, jetzt oder nie. Die sind jetzt unter Druck und müssen liefern. Und das Ergebnis steht, wie erleichternd, nicht erst nach einem längeren, quälenden Prozess fest, sondern sofort, unverzüglich. Sogar Niederlagen bekommen in ihrer Eindeutigkeit etwas Entlastendes. Die Frage „Woran lag’s?“ müssen zum Glück nicht wir beantworten.

Doch nicht nur die sportlichen Leistungen der anderen, ihre Dramen, ihre Helme, ihre Affären, bieten Entlastung von den Mühen des alltäglichen Februar-Daseins, sondern auch die meditativ-repetitiven Moderationen der Fernsehkolleginnen. Die Dramaturgie aus Wettbewerb, Expertengespräch, Sportler-Interview (live!) und Siegerehrung bietet den verlässlichen Rahmen für die „Emotionen“, die ebenfalls stellvertretend und hochprofessionell für uns von komplett durchgecoachten Athleten durchlebt werden.

© IMAGO/Christian Heilwagen

Da kann man sich dann was abschauen, wenn das nächste Mal auf dem Heimweg vom Supermarkt die Milchtüte platzt: „Heute war einfach nicht mein Tag. Ich werde mich der Herausforderung stellen und mit meinem Team in die Nachbereitung gehen. In vier Jahren probiere ich’s wieder.“

Innerhalb dieser sicheren Grenzen können wir Dramen einfach besser aushalten als auf der Bühne der Geopolitik. Spannung, Erleichterung, Jubel und Enttäuschung laufen vor der Glotze in klar umrissenen Bahnen ab. Ein geschützter Raum für Gefühle, der so vorhersehbar ist wie die Dolomiten-im-Abendrot-Schnittbilder der Regie.

Olympia ist auch eine Schule der Empathie

Wer dabei zuschaut, betreibt aktive Emotionsregulation. Und so erfüllen die Winterspiele vielleicht für manche das Versprechen, das die Zeit zwischen den Jahren nicht halten konnte.

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Das Regelwerk der Olympischen Spiele mag manchmal kompliziert sein (Wer versteht bitte diese Payback-Bonuspunkte beim Skispringen?), die Gefühle sind ganz leicht nachzuvollziehen. Lindsey Vonn bleibt am Tor hängen? Ist einem selbst in den Skiferien gerade erst mit dem Tellerlift passiert. Die Arme, wie sich so ein Sturz wohl anfühlen mag? Olympia ist auch in der Intensität noch stärker als andere Sportveranstaltungen, eine Schule der Empathie.

Dazu kommt das Zeitgefühl. Glauben wir nicht alle, im täglichen Leben wirklich gar keine Zeit zu haben? Stimmt womöglich nicht. Bei Olympia geht es um Tausendstelsekunden, die genutzt werden müssen und zwischen Bronze und egal entscheiden. Wer mag, kann das als Mahnung verstehen, keine Sekunde seines Lebens zu verschwenden.

Außer natürlich für Curling. Um mal so richtig runterzukommen.


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