„Deutschland sollte seine Hauptstadt erstrahlen lassen“: Plädoyer eines Cambridge-Professors für Olympia in Berlin
Berlin steht vor einer Wahl – einer Wahl, die über das Ansehen und den Wohlstand dieser Stadt entscheiden und jüngeren Generationen für viele Jahrzehnte Hoffnung und Fortschritte bringen wird. Auch andere Teile Deutschlands stehen vor derselben folgenschweren Wahl.
Am 26. September wird nämlich der Deutsche Olympische Sportbund in seiner Generalversammlung in Baden-Baden bestimmen, welche Stadt er als möglichen künftigen Gastgeber der Olympischen Spiele auf deutschem Boden nominieren wird. Höher könnte der Einsatz kaum sein.
Sechs Tage davor steht Berlin selbstverständlich vor einer weiteren, ebenfalls nicht nebensächlichen Wahl.
Wir können nur hoffen, dass die positiven Aussagen der verschiedenen Parteien – trotz ihrer politischen Differenzen und gemeinsamer Sorgen um Mieten und Infrastruktur – der Berliner Bewerbung etwas Schwung verleihen können: „Berlin wird besser. Der Anfang ist gemacht.“ – „Ein Berlin, auf das wir gemeinsam wieder stolz sein können.“ – „Für viele von uns ist Berlin die schönste Stadt der Welt.“
Christopher Young forscht und lehrt als Germanist und Historiker an der Universität Cambridge, wo er das St. Edmund’s College leitet. Zum Thema Olympia erschien von ihm in Zusammenarbeit mit Kay Schiller das Standardwerk „München 1972. Olympische Spiele im Zeichen des modernen Deutschlands“. Er ist Mitglied der Kommission des Bundesinnenministeriums zur Aufarbeitung des Anschlags auf die israelische Olympia-Mannschaft. Zuletzt gab er mit Darren M. O’Byrne den Band „Willy Meisl, ,King of the Sports Journalists’. A Jewish Career in Times of Change – a Critical Edition of his Writings“ heraus. Die hier dokumentierte Rede hielt Christopher Young auf Einladung des Berliner Bewerbungsteams, für dessen Konzeptband er auch das Vorwort „Warum Berlin?“ schrieb.
© St. Edmund’s College
Im Wahlkampf haben alle politischen Gegner zumindest eins gemeinsam: sie glauben an Berlin und hegen die Hoffnung, dass es mit dieser Stadt aufwärts gehen kann. Und das ist auch gut so.
Als Brite, Nordire und Europäer glaube ich auch an Berlin. Geboren 1967 in Belfast, wuchs ich während der „Troubles“ auf, die Nordirland dreißig Jahre lang heimsuchten. Zwischen Schule und Universität verbrachte ich 1987 sechs Monate hier in Berlin im Rahmen eines Praktikums.
Zu den Höhepunkten gehörten die Konzerte von Genesis und David Bowie vor dem Reichstag zur Feier des 750-jährigen Stadtjubiläums sowie die Rede von Ronald Reagan vor dem Brandenburger Tor (ich stand zehn Reihen vor ihm, als er Michail Gorbatschow aufforderte, „diese Mauer niederzureißen und dieses Tor zu öffnen“).
Dazu kam das Knistern beim Hin- und Herüberwechseln über die Grenze nach Ost-Berlin. Mit 19 Jahren, aus einer kleinen und konfliktreichen Provinzstadt am Rand Europas kommend, hatte der Kalte Krieg, muss ich gestehen, durchaus etwas Aufregendes. Jedenfalls war ich gefesselt – emotional und intellektuell habe ich Berlin und Deutschland seitdem nie wirklich verlassen.
In gewisser Hinsicht kann ich vollen Herzens sagen: Ich bin ein Berliner. John F. Kennedy, von dem dieser berühmte Satz stammt, war auch sehr angetan von Berlin.
Wie Willy Brandt in seinen Erinnerungen schrieb: „Im Juni 1963 zog Kennedy, einem Triumphator gleich, in Berlin ein. Der Tag wurde der Höhepunkt von Kennedys Deutschland-Besuch und ein ganz großes Ereignis für die Stadt.“
Die Bilder von Kennedy, Brandt und Konrad Adenauer im offenen Wagen auf den Straßen Schönebergs sind umwerfend und unheimlich zugleich, denn der US-Präsident wurde........
