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„Was meine Enkelinnen erwartet, macht mir Angst“: Frauen sind noch immer nicht ausreichend geschützt

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23.03.2026

Der Fall Collien Fernandes und Christian Ulmen beschäftigt seit Tagen die Öffentlichkeit. Die Schauspielerin und Moderatorin hat in Spanien Anzeige erstattet – unter anderem wegen digitaler Übergriffe. Sie wirft ihrem Ex-Mann vor, gefälschte Profile und manipuliertes Bildmaterial genutzt zu haben. Ulmen weist die Vorwürfe zurück; für ihn gilt die Unschuldsvermutung. Die Ermittlungen laufen.Weil digitale sexualisierte Gewalt bislang kaum strafrechtlich erfasst ist, steht der Fall sinnbildlich für eine größere gesellschaftliche Unsicherheit: Was bedeutet es für Betroffene, wenn Deepfakes, Fakes oder digitale Übergriffe kaum zu verfolgen sind? Was heißt das für Vertrauen – in Beziehungen, im Netz, in die Justiz?

In den vielen Stimmen, die unsere Leserinnen und Leser dazu verfasst haben, spiegeln sich Erschütterung, Misstrauen und Wut, aber auch Forderungen nach Verantwortung und nach besseren Gesetzen. Viele Kommentare vermitteln eindringlich, wie tief das Gefühl sitzt, dass Frauen schon lange nicht ausreichend geschützt werden und digitale wie analoge Übergriffe zu oft folgenlos bleiben.

Die Tagesspiegel-Community

Sehr geehrte Leserinnen und Leser, wir freuen uns über konstruktive Debatten, die wir gerne allen Tagesspiegel-Leserinnen und -Lesern präsentieren. Bringen Sie Ihre Perspektive ein und bereichern auch Sie den demokratischen Diskurs. Klicken Sie hierfür auf die Sprechblase – wir freuen uns auf Ihre Teilnahme!

Insbesondere vom männlichen Teil der Gesellschaft wünschen sich die Kommentierenden ein stärkeres Bewusstwerden sowie aktives Engagement hinsichtlich der Problematik – getragen vom dringenden Wunsch, dass sich endlich spürbar etwas verändert.

Wir dokumentieren hier einzelne Erfahrungsberichte und eine redaktionelle Auswahl der eindrücklichsten Kommentare aus unserer Community:

GrossstadtberlinerinAls Frau kann man eigentlich nur sicher sein, wenn man bei allen Männern Vorsicht walten lässt – denn man weiß dummerweise nicht, welcher übergriffig werden wird. Und die Täter sind nun einmal zu 90 Prozent männlich. Dieser Fall ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom.

IkebanaDas für mich Schlimmste ist, dass es für mich als junge Frau zwar nicht rosig war – „Frauen können dies nicht, sind dafür zu blöd“ usw., dazu sehr herabwürdigende Anmachsprüche. Ich hatte aber gehofft, dass es für die Generation meiner Tochter oder Schwiegertöchter im Umgang und bei beruflichen Möglichkeiten deutlich besser wird.

Nur um jetzt zu erleben, was meiner Enkeltochter bevorsteht in Sachen Internet, Mobbing, KI. Und durch Enkelsöhne bekomme ich mit, was unter den Jungs ab 10 oder 11 Jahren schon so abgeht. Es wird schlimmer von Jahr zu Jahr. Und weil wir aufgrund der Rechtslage relativ machtlos sind – und weil Hass und Gewalt im Netz immer weniger Frauen politisch aktiv sein lassen –, wird die Anpassung der Gesetzeslage dauern.

Solange Männer nicht aktiv an der Verbesserung der Situation für Frauen mitarbeiten, ändert sich nichts

Solange Männer nicht aktiv an der Verbesserung der Situation für Frauen mitarbeiten, ändert sich nichts

Meint Tagesspiegel-Nutzer/in Ikebana

Ehrlich gesagt: Mir graust es vor der Situation der jungen Frauen! Ich habe neulich mit meinem Sohn darüber diskutiert. Sein Kommentar: „Ich bin nicht so.“ Das stimmt – und so denken viele Männer zu Recht. Aber solange sie nicht aktiv an der Verbesserung der Situation für Frauen mitarbeiten, ändert sich nichts.

BRBei all den Enthüllungen über perfide Varianten männlicher Gewalt gegen Frauen und Kinder, über zerstörerischen Vertrauensmissbrauch im persönlichen Schutzraum, kann einen nur blankes Entsetzen packen. Es stellt sich ein Gefühl von Schutzlosigkeit ein: Politik, Gesellschaft, staatliche Institutionen und Justiz scheinen nicht willens oder in der Lage zu sein, die Sicherheit von Frauen und Kindern zu priorisieren.

TobiJallEs hat sehr wohl etwas mit „uns“ zu tun! Solange wir in diesem „Aber ich doch nicht – nicht alle Männer“ verharren, werden wir keine Verantwortung für uns als Gruppe übernehmen. Und es wird weiter geschwiegen, wenn der Kumpel einen Spruch über die Kellnerin reißt. Wir Männer sind gefragt! Nicht die Gesetze, nicht die Gesellschaft – wir!

CFarVor neun Jahren habe ich den Kontakt zu einem vermeintlichen Traumatherapeuten abgebrochen, nachdem er mich im Rahmen einer Therapie sprichwörtlich zu Boden geschrien hatte. Kurz danach tauchte er in einer Alltagssituation neben mir an einer Fußgängerampel in Prenzlauer Berg auf und drohte glaubwürdig, mich „auszulöschen“.

Ich klage all diejenigen an, die im Umfeld gewalttätiger Männer nicht einschreiten

Ich klage all diejenigen an, die im Umfeld gewalttätiger Männer nicht einschreiten

Meint Tagesspiegel-Nutzerin CFar

Ich habe jahrelang in Terror vor dieser Person gelebt und alles Menschenmögliche getan, um mich und andere zu schützen – Polizei, Opferschutz, Institutionen, Rechtsbeistand, Kontakt zu Journalistinnen. Die Praxisgemeinschaft stellte sich vor ihn. Ich konnte nichts machen. Die Person praktiziert weiter, als wäre nie etwas geschehen – wie in einem rechtsfreien Raum.

Ich wäre an dieser Erfahrung fast zugrunde gegangen. Ich bin ins Ausland gezogen und habe Berlin nie wieder betreten. Ich klage all diejenigen an, die im Umfeld gewalttätiger Männer nicht einschreiten – die entschuldigen, verleugnen, kleinreden und wieder unsichtbar werden.

NeliaDiejenigen, die sich am meisten hinterfragen müssten, tun es leider am wenigsten. Wirklich zuhören? Fragen Sie einmal Menschen, deren Job überwiegend aus Zuhören besteht – Seelsorger, Therapeutinnen, Coaches –, wie viele „hoffnungslose“ Fälle ihnen schon begegnet sind.

Solange wir gesellschaftliche Strukturen haben, die aggressive Bullies belohnen, wird sich nichts ändern

Solange wir gesellschaftliche Strukturen haben, die aggressive Bullies belohnen, wird sich nichts ändern

Meint Tagesspiegel-Nutzerin Nelia

Es gibt genug Menschen, die sich bei anderen nur ausheulen wollen und kein bisschen veränderungsbereit sind. Solange wir gesellschaftliche Strukturen haben, die aggressive Bullies, Aufmerksamkeitssüchtige, Narzissten oder Psychopathen belohnen – und die solidarische, kooperationsfähige, friedfertige Menschen belächeln –, wird sich nichts ändern.

EstevanDieses Beispiel von Verrohung und moralischer Verwahrlosung zeigt uns wieder, wie ekelhaft, toxisch und schädlich soziale Netzwerke sein können, deswegen müssen bessere Gesetze her, um Menschen zu schützen. Die Techgiganten müssen in die Pflicht genommen werden.

Daniela173Ich bitte die, deren Reflex es ist, sofort zu sagen: „Aber Männer haben eine höhere Suizidrate“, „aber Männer sind häufiger obdachlos“ usw., sich einmal ernsthaft damit auseinanderzusetzen, woher diese Dinge rühren.

Frauen greifen Männer nicht individuell an, wenn wir diese Zustände anprangern und sagen: ‘Not all men, but always men.’

Frauen greifen Männer nicht individuell an, wenn wir diese Zustände anprangern und sagen: ‘Not all men, but always men.’

Meint Tagesspiegel-Nutzerin Daniela173

Frauen greifen Männer nicht individuell an, wenn wir diese Zustände anprangern und sagen: „Not all men, but always men.“ Es ist eine Kritik an Strukturen. Diese Strukturen führen zu Gewalt gegen Frauen ebenso wie zu einer höheren Suizidrate bei Männern. Nur wenn wir gemeinsam eine andere Gesellschaft ermöglichen, kann es allen besser gehen.

PWSVielleicht sollten sich einfach alle – Männer und Frauen – gemeinsam gegen die Folgen des Patriarchats und der Misogynie einsetzen, unter denen letztlich alle leiden. Viele Frauen differenzieren sehr wohl, aber sie sind irgendwann müde von all den Enthüllungen und von eigenen Erfahrungen. Das heißt nicht, dass alle Männer böse und alle Frauen gut sind – aber es geht um Strukturen, die allen voran Frauen, aber auch anderen Menschen schaden.

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Upps2000Menschen sind zu einem gewissen Anteil schlecht. In jeder Beziehung besteht ein Risiko. Auch Männer müssen damit rechnen, schlecht behandelt zu werden. Aber eine ganze Gruppe aufgrund unveränderbarer Eigenschaften unter Generalverdacht zu stellen, ist problematisch.

MarianneDas sind doch erst die Anfänge. KI wird von immer mehr abartigen Menschen für manipuliertes Bildmaterial genutzt werden, und die Gerichte werden immer weniger dagegen tun können, weil sie bereits jetzt überlastet sind. „Schöne“ neue Welt.

Mehr über den Fall Fernandez gegen Ulmen, was auf der Demo gegen sexualisierte Gewalt passierte und wie Spanien gegen Sexualstraftäter vorgeht lesen Sie hier:

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DiogenesIch mochte „Jerks“ wirklich sehr – gerade wegen dieses schmerzhaft-genauen Humors. Und ich hatte bei Christian Ulmen immer das Gefühl, dass hinter all der Provokation trotzdem ein witziger, im Grunde anständiger Kerl steckt. Ich kannte dieses Thema in dieser Form ehrlich gesagt nicht wirklich und bin jetzt einfach fassungslos, was es alles gibt – und mit welcher „Kreativität“ und Grausamkeit Männer ihren Einfluss nutzen, um Frauen zu beherrschen, zu demütigen, zu missbrauchen und fertigzumachen.

Herr Lehmann war einer meiner Lieblingsfilme. Es ist nicht schlimm, wenn ich ihn jetzt erstmal nicht mehr sehen mag. Aber was bedeutet schon mein Unbehagen im Vergleich zu dem, was Collien Fernandes durchmachen muss oder durchgemacht haben könnte? Für sie muss das die Hölle sein. Einfach nur ganz, ganz schlimm.

BlumenfeldIch finde es traurig, dass immer zuerst Bewegung in die Sache kommt, wenn ein Promi betroffen ist. Wie lange fordern Frauen schon, dass gegen Gewalt endlich etwas gemacht wird? Viel zu lange!


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