Wo ich meine Linie ziehe
Wo ich meine Linie ziehe
Von Claudio Passafaro
Mitte-Gemeinderat Claudio Passafaro über die Verdrehung von Fakten und das systematische Schüren von Misstrauen.
«Du kannst schreiben, worüber du willst», hiess es. Als Gemeinderat erhält man diese Kolumnen-Plattform. Eigentlich würde ich gerne über etwas Leichtes schreiben, zum Beispiel über eine gelungene Entscheidung oder eine Erfolgsgeschichte aus unserer Stadt. Doch ehrlich gesagt fällt mir das schwer. Denn auch wenn unser Alltag in Zug stabil und geordnet wirkt, spüren wir immer deutlicher: Die Welt um uns herum verändert sich rasant.
Unweigerlich denke ich dabei an «Man in Black» von Johnny Cash. Er singt darüber, er würde liebend gerne jeden Tag einen Regenbogen anziehen – doch solange Unrecht herrscht, bleibt er der Mann in Schwarz.
Auch mich beschäftigen die Entwicklungen in der Welt. Kürzlich diskutierte ich mit einem Kollegen über die täglichen Schlagzeilen rund um Donald Trump. Zu meiner Überraschung verteidigte er dessen Verhalten vehement. Wie es für mich selbstverständlich ist, versuchte ich zuzuhören, Argumente nachzuvollziehen und die Perspektive zu wechseln. Doch im Verlauf des Gesprächs wurde deutlich, wie stark sich die Wahrnehmungen unterscheiden: Die Trump-Administration wird als moralische Instanz stilisiert, während Kritiker als korrupt gebrandmarkt und demokratische Prozesse sowie gesellschaftliche Errungenschaften gezielt diskreditiert werden.
Dabei wurde mir etwas bewusst, das mir in letzter Zeit immer häufiger begegnet. Offensichtliche Fakten werden relativiert oder kurzerhand ins Gegenteil gekehrt. Kritik wird als Teil angeblicher Verschwörungen abgetan. Gleichzeitig wird ein Gefühl der eigenen Benachteiligung konstruiert.
Wir müssen unterscheiden zwischen echter politischer Auseinandersetzung, die notwendig und wertvoll ist, und der gezielten Verbreitung manipulativer Narrative. Dort wird Realität umgedeutet, Verantwortung verschoben und demokratische Institutionen delegitimiert. Hier stosse ich an meine Toleranzgrenze, hier ziehe ich eine Linie. Denn Meinungsvielfalt ist eine Stärke unserer Demokratie – die bewusste Verdrehung von Fakten und das systematische Schüren von Misstrauen gegenüber Institutionen sind es nicht. Ich bin überzeugt: Wir müssen klar Haltung gegenüber undemokratischen Tendenzenzeigen. Unsere Verantwortung beginnt hier, in unserer Stadt, im Alltag unserer Politik.
An meiner ersten Sitzung fragte mich ein Parlamentarier, wofür die Mitte eigentlich stehe, nachdem wir uneinheitlich abgestimmt hatten. Für mich steht die Mitte für Verbindlichkeit: Wir wägen ab, diskutieren und entscheiden aus Überzeugung. Unterschiedliche Stimmen innerhalb der Partei sind kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck von Verantwortung und Selbstbewusstsein. Ich höre zu, versuche andere Perspektiven zu verstehen, und stehe doch klar zu meinen Überzeugungen.
Konkret zeigt sich Politik nicht in grossen Worten, sondern in Entscheidungen vor Ort. Etwa im Umgang mit finanziellen Vorteilen für unseren Heimclub EVZ. Wenn auf legitime Mieteinnahmen verzichtet wird und dadurch indirekt Subventionen in Millionenhöhe entstehen, dann sollten wir den Mut haben, diese transparent und nachvollziehbar auszuweisen. Nicht weil Förderung grundsätzlich falsch wäre, sondern weil politische Entscheide nur dann glaubwürdig sind, wenn ihre tatsächlichen Kosten offen ausgewiesen werden.
Transparenz zeigt sich nicht nur im Resultat, sondern bereits auf dem Weg dorthin. Sie ist kein Misstrauensvotum, sondern Grundlage von Vertrauen. Ich setze auf Politik mit Haltung, Verantwortung und dem Mut, hinzustehen, auch wenn es unbequem ist. Das fordere ich ein – von mir selbst und von anderen.
In der Kolumne «Standpunkt» äussern sich Mitglieder des Grossen Gemeinderats der Stadt Zug zu frei gewählten Themen. Ihre Meinung muss nicht mit derjenigen der Redaktion übereinstimmen.
Jede Stimme ist ein Akt der Teilhabe
SP-Gemeinderat Jonas Inglin über die politische Mitbestimmung.
Zugs Mehrheitspolitik auf Irrwegen
Martin Iten, Mitglied des Grossen Gemeinderats der Stadt Zug über das ZKB-Werbevideo und die vermeintliche Mentalität dahinter.
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