Das Ding mit dem Ring
Montag, 10:30 Uhr, ein Pärchen, zwei Jobinterviews. Eine Gegenüberstellung zweier Bewerbungsgespräche.
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Er: Noch einen Blick auf die Job-Ausschreibung werfen. Einen Klick zu „Über Uns” auf der Website des Unternehmens, sich selbst einreden, man habe sich alles über Unternehmensstruktur, Vision und Mission gemerkt. Jetzt ein fünftes Mal aufs Klo. Nach dem Händewaschen wandert der Blick zu seinem Smartphone-Hintergrund: Seine Verlobte und er. Ach, das könnte man heute ruhig erzählen, so ein bisschen flexen.
Sie: Noch einen Blick auf die Job-Ausschreibung werfen. Einen Klick zu „Über Uns” auf der Website des Unternehmens, sich selbst einreden, man habe sich alles über Unternehmensstruktur, Vision und Mission gemerkt. Jetzt ein fünftes Mal aufs Klo. Beim Händewaschen wandert der Blick zum Ring. Ihr Verlobungsring. Der kommt ab.
Er: Und wir gehen rein: „Gibt es etwas, das, abseits der Unterlagen noch über Sie wissen müssen?” „Ja, also durch die Verlobung meiner Freundin und mir, ist auch klar, dass wir für eine Weile in dieser Stadt bleiben werden, also müssen Sie sich da keine Sorgen machen.“ „Ach. Verlobt!“ „Ja, Sie haben ganz richtig gehört!“Er: „Herrlich. Was für ein Typ! Der Göttergatte! Ja, er sei sogar auf die Knie gegangen! Mein Gott, der Typ weiß, was er will! Genau nach so etwas suchen wir in unserem Unternehmen. Karriere und Familie! Stabilität! Der hat Ahnung, wie Zeitmanagement funktioniert.“Ein siegessicheres Lächeln.
Sie: Und wir gehen rein: „Gibt es etwas, das, abseits der Unterlagen noch über Sie wissen müssen?” „Nein, absolut nicht, danke.“
Frauen und Männer stehen bei Bewerbungsgesprächen vor anderen Hürden. Offiziell natürlich nicht.
„Aber man darf heutzutage doch gar nicht drauf angesprochen werden!!“ „Ja, man dürfte da theoretisch sogar lügen!!!“ „Ja, es ist gesetzlich sogar verankert!!!!“ Ja, das ist das, was anschließend die besten Freundinnen beim gemeinsamen Abendessen sagen, mit coolen Fun Facts, die sie droppen, um die Verlobte zu ermutigen. Ja, ihre Freundinnen haben Recht. Aber ja: Sie will trotzdem nicht riskieren, dass das schlussendlich der Grund sein könnte, dass man sich bei diesem Job gegen sie entscheidet. Es ist das, was bei dem Ring mitschwingt.
Das ist kein neues Phänomen
Schon 2016 postete ein US-Recruiter auf LinkedIn, dass Frauen ihre Verlobungsringe bei Vorstellungsgesprächen lieber weglassen sollten. Dieser Kommentar ging viral und wurde in verschiedenen Medien sexistisch und veraltet kritisiert. Was sagt das heute über uns und unsere Gesellschaft aus? Damals war der Sexismus offen ausgesprochen, heute passiert das Ganze unterschwelliger: Niemand fragt mehr laut, ob man „bald Kinder“ will, aber zwischen den Zeilen schimmert die gleiche Bewertung durch.
Ganz abgesehen davon, dass ein Ring am Finger noch lange keinen baldigen Nachwuchs bedeutet, ist es kein Wunder, dass Arbeitgeber:innen bei Männern nichts befürchten müssen: Laut aktueller Studie wird Elternkarenz so gut wie nur von Müttern in Anspruch genommen. Während sich Mütter nach der ersten Geburt durchschnittlich 416 Tage bezahlte Elternkarenz nehmen, sind es bei den Vätern nur 9 Tage. Das zeigt eine Studie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Denn ich denke, da können wir uns einig sein, bei Bewerbungsgesprächen sind es die Dinge zwischen den Zeilen, die oft mal entscheidend sein können.
Das, weiß auch er, so sagt er beim Abschied nochmal: „Ich freue mich auf ein baldiges Wiedersehen! Da bringe ich dann auch gleich Fotos von der Hochzeit mit!“
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