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ADHS, Dyslexie oder einfach nicht begabt?

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29.03.2026

Der schulische Leistungsdruck und die frühe Selektion in Wien führen zu Stress bei Kindern und Eltern.

Diagnosen wie ADHS oder Lese-Rechtschreib-Schwäche werden häufiger angefragt, auch aus Angst vor schlechteren Noten.

Psychische Belastungen wie Ängste und Selbstwertprobleme nehmen bei Volksschulkindern laut Reinhard Drobetz deutlich zu.

ADHS betrifft ca. 5 %, Lese-Rechtschreibstörung 4–8 % der Kinder.

In Wien kann ein Zweier in Deutsch über das Wunsch-Gymnasium entscheiden.

Elternmanagement und Leistungsdruck in Volksschulen sind stark gestiegen.

Österreich plant Pilotprojekt: Volksschule auf 6 Jahre verlängern.

Der schulische Leistungsdruck und die frühe Selektion in Wien führen zu Stress bei Kindern und Eltern.

Diagnosen wie ADHS oder Lese-Rechtschreib-Schwäche werden häufiger angefragt, auch aus Angst vor schlechteren Noten.

Psychische Belastungen wie Ängste und Selbstwertprobleme nehmen bei Volksschulkindern laut Reinhard Drobetz deutlich zu.

ADHS betrifft ca. 5 %, Lese-Rechtschreibstörung 4–8 % der Kinder.

In Wien kann ein Zweier in Deutsch über das Wunsch-Gymnasium entscheiden.

Elternmanagement und Leistungsdruck in Volksschulen sind stark gestiegen.

Österreich plant Pilotprojekt: Volksschule auf 6 Jahre verlängern.

Elisabeth ist verzweifelt. Ihre Tochter Mina macht immer wieder Fehler bei den Schreibaufgaben in der Volksschule. Ein Zweier in Deutsch im Zeugnis ist wahrscheinlich. Oder ein Dreier? Obwohl die Mama mit ihrer Tochter übt und übt. In der Nacht liegt Elisabeth wach. Kommt ihre Tochter in die Neue Mittelschule statt ins Gymnasium? Besonders in Wien ist der Wettbewerb beim Schulübertritt stark. Mit einem Zweier darf man noch ins Gymnasium. Mit einem Dreier geht es schon in die Neue Mittelschule.

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Und selbst bei einem Zweier ist es so, dass die attraktivsten Gymnasien damit aus dem Rennen sind. Weil die Kinder aus der ganzen Stadt um die begehrten Plätze kämpfen. In einem dieser – öffentlichen – Gymnasien heißt es unverblümt in dem PR-Video: „Die Kinder kommen nicht nur aus dem dortigen Bezirk, sondern auch aus den umliegenden.” Was macht Prestigegymnasien so beliebt? Die „Bildungsaffinität, das Ernstnehmen. (…) Dass Schüler:innen wirklich was lernen wollen“, sagt der Direktor des BG9 etwa. Da braucht es nicht viel, um zwischen den Zeilen zu lesen: Einser-Schüler:innen kommen rein. Die anderen nicht. Man kann es sich leisten, wenn es doppelt und dreifach so viele Anmeldungen gibt wie Plätze.

Die Angst vor dem Stempel oder die Angst vor dem Dreier

Aber was ist, wenn Mina eine Lese-Rechtschreib-Schwäche hat? Dann könnte sie im Zuge des Nachteilsausgleichs extra viel Zeit bei den Tests bekommen. Dafür braucht Mina eine Diagnose. Mama Elisabeth zögert: Will sie ihrem Kind einen Stempel aufdrücken? Dass Mina die Nervosität ihrer Mutter mitbekommt, ist wahrscheinlich. Warum würde sie sonst so viel mit ihr sitzen und lernen?

Lukas Leithner, Referatsleiter für Schulpsychologie in der Bildungsdirektion Wien, räumt ein, dass der Wettbewerb und die Selektion in der vierten Klasse Volksschule einen „Druckpunkt“ bei den Schüler:innen erzeugen.

„Die Schere geht in der Volksschule auseinander. Da haben wir die Eltern und Kinder, die unbedingt den Sprung in die AHS schaffen wollen. Auf der anderen Seite gibt es die Kinder, die nicht Deutsch als Erstsprache haben oder einen herausfordernden Hintergrund haben.“

Leithner kann auch bestätigen: Der Leistungsdruck ist am Steigen, der Stress, gerade dort, wo hoher Wettbewerb ist, wird rasch von den Eltern an die Kinder weitergegeben. „Wir merken, dass sich Eltern schon in der zweiten Klasse Volksschule bei uns melden und fragen: Wo ist eine gute AHS? Und wir sagen: Moment, jetzt kann das Kind gerade mal schreiben.“ Jeder Entwicklungsschritt ist ein Meilenstein.

Schwäche, die nicht allein vom Entwicklungsalter erklärbar ist

Die Hellhörigkeit der Eltern in Sachen Nachteilsausgleich hat laut Leithner zugenommen. Dabei werden einem Kind, dem eine Lese-Rechtschreib-, Rechen- oder Aufmerksamkeitsstörung (z. B. ADHS) diagnostiziert wird, per Gesetz ausgleichende Maßnahmen zugestanden. Das kann eine Zeitzugabe bei Schularbeiten sein oder etwa die Verwendung von zusätzlichen technischen oder anderen pädagogischen Hilfsmitteln (etwa eine Aufgabe vorlesen oder ein Extra-Zimmer bereitstellen).

Studien gehen davon aus, dass die Zahl der betroffenen Kinder bei ADHS und Leserechtschreibstörungen in den letzten Jahrzehnten etwa gleichgeblieben ist. ADHS wird etwas bei 5 Prozent der Kinder angenommen, eine Lese-Rechtschreibstörung bei 4 bis 8 Prozent der Kinder. Es wird von einer Störung ausgegangen, wenn es eine Schwäche gibt, die nicht allein vom Entwicklungsalter erklärbar ist.

Leithner mahnt: „Eine Diagnose soll nie Selbstzweck sein, sondern dem Bildungsziel dienen.“ Er rät dazu, den Weg zur Diagnostik nur zu beschreiten, wenn der Leidensdruck des Kindes massiv ist: „Trotz hartnäckigen Lernens ist ein Leistungsversagen da. Wenn sich alle anstrengen, Eltern, Schule, Kind – aber das Ergebnis die Bemühungen nicht widerspiegelt.“ Erst dann sollte man sich die Frage stellen, woran das liegt.

Leithner räumt ein, dass oft auch Diagnostik bei Kindern angestrebt wird, die zwischen Eins und Zwei stehen. Da tue man den Kindern keinen Gefallen: Denn man signalisiere ihnen damit, dass etwas nicht mit ihnen stimme: „Ist ,Gut‘ nicht gut?“

Im oberen Bereich der Notenskala sei das Elternmanagement, also die Eltern, die sich aktiv in die Schule einbringen, in den letzten Jahren laut Leithner aber „massiv“ gestiegen, was auch den Druck auf die Lehrpersonen intensiviert.

Eltern, die Ratschläge geben, wie man unterrichten solle. Welche Lehrbücher vorzugsweise herzunehmen sind. Da wundert es nicht, dass manche Lehrer:innen präventiv auf Tauchstation gehen und damit wiederum jene Eltern allein lassen, die nicht wissen, was und ob sie etwas tun können für den weiteren Bildungsweg. Und was sie gegen die Aussiebung nach Noten, bei der es sich allzu oft eigentlich um soziale Aussiebung handelt, tun können. Letztlich können auch hochintelligente Kinder aufgrund von Lernschwierigkeiten unter die Räder kommen. Der Alptraum vieler Eltern. Und das zu einem Zeitpunkt, wo vieles sich noch nicht ganz deutlich manifestiert hat.

In anderen Ländern ist diese krasse Weichenstellung aufgeschoben. In der Schweiz ist die Primarschule sechs Jahre lang, in Liechtenstein immerhin fünf. Österreichs Bildungsminister Christoph Wiederkehr würde auch hierzulande gern die Volksschule auf sechs Jahre verlängern. In Wien wird ein Pilotprojekt vorbereitet.

Schwierigkeiten ziehen weitere Kreise

Klassische Lernschwierigkeiten entwickeln sich nicht aufgrund eines hohen Drucks von außen, sagt die Psychologin Claudia Kowarik. Aber sie können, wenn sie nicht erkannt werden, sekundär andere Schwierigkeiten nach sich ziehen, sagt Kowarik.

„Wenn das Kind genügend Ressourcen hat, kann es eine Zeit lang seine Schwäche kompensieren, aber irgendwann geht es sich nicht mehr aus und die Leistungen nehmen deutlich ab“, führt Kowarik aus. Das passiere häufig beim Übertritt in die Sekundarstufe. Das Kind sei so belastet, dass es zusätzlich Ängste oder Sprachstörungen entwickle. Also andere Auffälligkeiten zeige, die die Lehrer:innen und Eltern dann bemerken. Da bringe dann die Diagnostik Klarheit: Woran liegt es jetzt wirklich? Was ist der primäre Grund und was sind nur Folgeerscheinungen?

Nicht jede:r ist ein Einser-Kind

Kowarik macht aber auch deutlich: „Es muss und kann nicht jedes Kind ein Sehr gut haben in der Volksschule.“ Wenn das Kind darunter leidet, dass die Lernfortschritte nicht so erfolgen, wie es eigentlich zu erwarten wäre, und Sorgen bei den Erwachsenen da sind, sei es gut, zur Diagnostik zu gehen.

Es könne etwa auch sein, dass ein bestimmtes Verhalten wie eine Konzentrationsschwierigkeit aussieht, sich dann aber im Rahmen der Abklärung herausstelle, dass es sich eigentlich um eine Lese- und Rechtschreibschwierigkeit handelt. Oder, was auch häufig vorkommt, dass es insgesamt um eine Sprachproblematik geht, etwa bei Kindern mit nicht-deutscher Muttersprache. Die fallen lange nicht auf, weil sie im Alltag (und mit der Alltagssprache) ausreichend gut zurechtkommen, aber in der Diagnostik zeigt sich dann, dass die Sprachkompetenz unter dem liegt, was für das Alter zu erwarten wäre.

Raum für die psychosoziale Entwicklung

Wieso ist es wichtig, wie sich Kinder in der Schule tun? Es geht nicht rein um Noten und wie diese den weiteren Bildungsweg der Kinder beeinflussen; die Schulklasse ist der Rahmen, in dem sich Kinder in vielerlei Hinsicht das erste Mal ausprobieren. Das Gefühl von Versagen im Vergleich mit anderen kann das Leben lange beeinflussen.

„Der Lebensraum Schule spielt für die psychosoziale Entwicklung von Kindern eine wichtige Rolle. Ein überhöhter schulischer Lern- und Leistungsdruck kann die psychische Gesundheit von Schüler:innen beeinträchtigen“, heißt es seitens eines Statements von Leonore Lerch, Vorsitzende des Wiener Landesverbandes für Psychotherapie. Das System Schule sei aber mit den psychischen Belastungen der Kinder immer häufiger überfordert, wenn zu wenig Unterstützung von Seiten der Eltern und Familien kommt.

Ängste und Zweifel statt Wut

Sieht man von den klassischen Lernschwierigkeiten ab, gibt es im Volksschulalter immer noch mehr als genug Arbeit für Therapeut:innen: „Ich beobachte in meiner Praxis eine klare Veränderung bei den Kindern im Volksschulalter“, erklärt der Psychologe und Psychotherapeut Reinhard Drobetz. Früher standen externalisierende Störungen in diesem Alter im Vordergrund, die Kinder haben ausagiert. Damit sind etwa die klassischen Wutausbrüche gemeint.

Heute kommen immer mehr Kinder mit Ängsten, Selbstwertproblemen und emotionaler Überforderung.

Für die Verschiebung der Störungsbilder sei unter anderem der schulische Leistungsdruck verantwortlich, meint Drobetz. „Die Kinder lernen dann auch am Wochenende, was ja früher zumindest die Zeit war, die sie für Freizeit und Erholung hatten.“

In der Volksschule liegt es aber auch oft ganz einfach am jungen Alter der Kinder, dass man noch keine eindeutige Diagnose stellen kann. Ein Befund sei immer auch eine „Momentaufnahme“, so Drobetz.

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Gesprächspartner:innen

Elisabeth (Name geändert), Mutter zweier Kinder in Wien

Lukas Leithner, Schulpsychologe, Referatsleiter Bildungsdirektion Wien

Claudia Kowarik, Psychologin mit Schwerpunkt Kinder und Jugendliche

Reinhard Drobetz, Psychologe und Psychotherapeut

Leonore Lerch, Vorsitzende des Wiener Landesverbandes für Psychotherapie

Entwicklungsstörungen (z.B. Sprechen, Schreiben, Rechnen) nach ICD 10 (F80-F89)

Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend (z.B. ADHS) nach ICD 10 (F90-98)

Das Thema in anderen Medien

Der Standard: Sechs statt vier Jahre Volksschule: Was wurde aus Wiederkehrs „Kompromiss"?

Salzburger Nachrichten: Was bringen sechs Jahre Volksschule: „Jede frühe Trennung ist problematisch"


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