Die doppelte Frauenlücke am Arbeitsmarkt
Die Arbeitslosigkeit bei Frauen, besonders über 50 Jahren, ist deutlich stärker gestiegen als bei Männern.
Die Anhebung des Pensionsantrittsalters führt dazu, dass mehr ältere Frauen arbeitslos werden, da sie länger arbeiten müssen.
Migrantinnen aus Syrien, Afghanistan und Iran sind besonders wenig erwerbstätig; Sprachbarrieren, fehlende Kinderbetreuung und Diskriminierung erschweren die Integration.
Arbeitslosigkeit im Februar: 436.160 Personen (+1,4 % zum Vorjahr)
Anstieg bei Frauen: +6,6 %, besonders 50+: +9,2 % (Wien: +10,7 %)
Pensionsantrittsalter für Frauen seit 1.1.2024: 61,5 Jahre, bis 2033 auf 65
Erwerbstätigkeit: Nur 25 % syrische, afghanische, iranische Migrantinnen
Die Arbeitslosigkeit bei Frauen, besonders über 50 Jahren, ist deutlich stärker gestiegen als bei Männern.
Die Anhebung des Pensionsantrittsalters führt dazu, dass mehr ältere Frauen arbeitslos werden, da sie länger arbeiten müssen.
Migrantinnen aus Syrien, Afghanistan und Iran sind besonders wenig erwerbstätig; Sprachbarrieren, fehlende Kinderbetreuung und Diskriminierung erschweren die Integration.
Arbeitslosigkeit im Februar: 436.160 Personen (+1,4 % zum Vorjahr)
Anstieg bei Frauen: +6,6 %, besonders 50+: +9,2 % (Wien: +10,7 %)
Pensionsantrittsalter für Frauen seit 1.1.2024: 61,5 Jahre, bis 2033 auf 65
Erwerbstätigkeit: Nur 25 % syrische, afghanische, iranische Migrantinnen
Das AMS hat gerade die Arbeitsmarktdaten für Februar veröffentlicht, und auf den ersten Blick schaut es gar nicht so schlecht aus: Die Arbeitslosigkeit ist im Jahresvergleich um 1,4 Prozent gestiegen, auf 436.160 Menschen ohne Job oder in Schulung.
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Das klingt nicht schön, klar - aber der Anstieg war im Jänner noch bei 2,4 Prozent, im Dezember bei zwei Prozent, jeweils im Vergleich zum selben Monat des Vorjahrs. Auch wenn das noch immer ein Anstieg ist, der Trend zeigt zumindest in die richtige Richtung. AMS-Chef Johannes Kopf spricht von „Signalen der Entspannung".
Interessant wird es aber, wenn wir uns – immerhin ist kommende Woche Frauentag - die Entwicklung nach Geschlechtern anschauen:
Während die Arbeitslosigkeit bei Männern praktisch stagniert (+0,5 Prozent, plus 1.122 Personen), ist sie bei Frauen um 6,6 Prozent gestiegen - das sind knapp 9.000 Frauen mehr ohne Job als vor einem Jahr. Besonders betroffen: Frauen über 50 Jahren, bei denen die Arbeitslosigkeit um 9,2 Prozent zugelegt hat; in Wien in dieser Gruppe sogar um 10,7 Prozent.
Pensionsantrittsalter angehoben
Die Antwort findet sich zu einem guten Teil im Kalender: Seit 1. Jänner 2024 wird das Pensionsantrittsalter von Frauen schrittweise von 60 auf 65 Jahre angehoben – mit langer Vorlaufzeit, die Anhebung wurde bereits 1992 beschlossen. Heuer betrifft das Frauen, die im ersten Halbjahr 1965 geboren wurden: Ihr Pensionsantrittsalter liegt jetzt bei 61,5 Jahren statt wie bisher bei 60. Die Angleichung an das Männer-Pensionsalter von 65 soll bis 2033 abgeschlossen sein.
Und genau dieser Effekt ist jetzt eben auf dem Arbeitsmarkt spürbar: Mehr ältere Frauen bleiben im Erwerbsleben - aber nicht alle haben bzw. finden auch einen Job. In Niederösterreich zum Beispiel ist die Arbeitslosigkeit bei Frauen über 60 um 65,8 Prozent gestiegen, ein Plus von 420 Personen. Das ist der Pensionseffekt.
Politisch ist die Anhebung des Frauenpensionsalters weitgehend unumstritten; der Verfassungsgerichtshof hatte schon in den 1990ern geurteilt, dass ein um fünf Jahre früherer Pensionsantritt dem Gleichheitsgrundsatz widerspricht – und dass es dem finanzmaroden Staat hilft, sein Budget halbwegs hinzubekommen, schadet der Akzeptanz der Angleichung auch nicht wirklich. Das ändert aber nichts daran, dass die Übergangsphase für viele betroffene Frauen hart ist: Wer mit 60 in Pension gehen wollte und jetzt eineinhalb Jahre länger arbeiten muss, tut das unter den Bedingungen eines Arbeitsmarkts, der, sagen wir es vorsichtig, nicht gerade boomt. Die Arbeitslosenquote liegt bei 8,3 Prozent, offene Stellen sind im Jahresvergleich um 10,3 Prozent zurückgegangen.
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Innenpolitik-Journalist Georg Renner über Österreichs Politiklandschaft.
Soweit die schlechte Nachricht für ältere Frauen am Arbeitsmarkt. Aber es gibt noch eine andere Gruppe von Frauen, die es am österreichischen Arbeitsmarkt besonders schwer hat - und für die das Sozialministerium gerade eine aufschlussreiche Studie veröffentlicht hat: in den vergangenen Jahren zugewanderte Migrantinnen aus dem Nahen und Mittleren Osten.
„Förderliche und hinderliche Aspekte der (Arbeitsmarkt-)Integration von Frauen mit Fluchthintergrund" heißt das 88-seitige Werk (hier zum Download), das auf Interviews mit Beraterinnen, Unternehmen und in den vergangenen Jahren zugewanderten Frauen aus Syrien, Afghanistan, Iran und dem Irak basiert. Die zentralen Zahlen darin sind ernüchternd:
Nur knapp jede vierte Frau aus diesen drei Herkunftsländern ist in Österreich erwerbstätig. Zum Vergleich: Bei Österreicherinnen sind es fast drei Viertel. Die Arbeitslosenquoten zeichnen ein ähnliches Bild: Bei Syrerinnen liegt sie bei 46 Prozent, bei Afghaninnen bei 37,4 Prozent, bei Iranerinnen bei 17,4 Prozent - gegenüber fünf Prozent bei Österreicherinnen. (Aufmerksame Leser:innen wissen das ungefähr schon, wir hatte das Thema an dieser Stelle schon vor einem halben Jahr einmal.)
Fünf wesentliche Faktoren
Für die Studie haben Fokusgruppen mit 51 zugewanderten Frauen stattgefunden, dazu Expert:innen von ABZ*AUSTRIA (einer Beratungseinrichtung für Frauen am Arbeitsmarkt) und Vertreter:innen von Unternehmen - von der Bäckerei über das Hotel bis zum Einzelhandel - befragt. Die Barrieren, die sich dabei herauskristallisieren, sind wenig überraschend, aber in ihrer Kombination ziemlich erdrückend:
Da ist erstens die Sprache: Deutschkurse sind oft zu theoretisch, Wartezeiten lang, und am Arbeitsplatz wird ohnehin ganz anders gesprochen als im Kursraum. Zweitens die Kinderbetreuung: Wer Schichtarbeit annehmen soll, braucht Betreuung in Randzeiten und Ferien - die es kaum gibt. Drittens die Diskriminierung: Vor allem das Kopftuch wird in der Studie von Betroffenen wie von Unternehmen als Einstellungshindernis benannt. Viertens die Qualifikationen: Abschlüsse werden nicht anerkannt, Nostrifizierungsverfahren dauern ewig. Und fünftens - das ist der heikelste Punkt - patriarchale Familienstrukturen: Manche Ehemänner unterstützen die Erwerbstätigkeit ihrer Frauen nicht oder verhindern sie aktiv.
Die Studie bleibt aber nicht beim Befund stehen, sondern formuliert Empfehlungen, wie man Frauen - und einige davon sind durchaus konkret:
Sprachförderung sollte am Arbeitsplatz stattfinden, nicht nur im Kursraum. Qualifizierungsprogramme sollten Sprachtraining, Berufsorientierung und psychosoziale Stabilisierung verbinden, statt alles einzeln anzubieten. Unternehmen, die einstellen wollen, sollten statt formaler Bewerbungsverfahren Kennenlerntage und Arbeitserprobungen anbieten - das senkt die Hürde auf beiden Seiten.
Und ein Punkt, der selten vorkommt in solchen Studien: Männer einbeziehen. Die Autor:innen empfehlen Workshops zu Care-Arbeit und Rollenbildern für die Partner geflüchteter Frauen - mit dem Argument, dass Arbeitsmarktintegration für Frauen nur funktioniert, wenn sich auch zu Hause etwas verändert.
Und das ist ein Gedanke, den wir zum Frauentag durchaus auch politisch mitnehmen könnten.
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Innenpolitik-Journalist Georg Renner erklärt einmal in der Woche in seinem Newsletter die Zusammenhänge der österreichischen Politik. Gründlich, verständlich und bis ins Detail. Der Newsletter erscheint immer am Donnerstag, ihr könnt ihn hier abonnieren. Renner liebt Statistiken und Studien, parlamentarische Anfragebeantwortungen und Ministerratsvorträge, Gesetzes- und Verordnungstexte.
AMS: Berichte und Auswertungen
Die Presse: Arbeitslosigkeit im Februar gestiegen: 436.000 Personen ohne Job
Sozialministerium: Förderliche und hinderliche Aspekte der (Arbeitsmarkt-) Integration von Frauen mit Fluchthintergrund
