Drei Blicke auf den "Single Mental Load"
Friedrich Boecker beschreibt, dass Singles alle Entscheidungen und den Mental Load allein tragen und dafür wenig Verständnis erhalten.
Aleksandra Tulej empfindet ihr Single-Leben als selbstbestimmt und sieht den Begriff "Single Mental Load" nicht als Belastung.
Mathias Ziegler schildert, dass Single-Zeiten zwar Freiheit, aber auch Einsamkeit bringen, während Familienleben wenig Raum für eigene Bedürfnisse lässt.
Friedrich Boecker beschreibt, dass Singles alle Entscheidungen und den Mental Load allein tragen und dafür wenig Verständnis erhalten.
Aleksandra Tulej empfindet ihr Single-Leben als selbstbestimmt und sieht den Begriff "Single Mental Load" nicht als Belastung.
Mathias Ziegler schildert, dass Single-Zeiten zwar Freiheit, aber auch Einsamkeit bringen, während Familienleben wenig Raum für eigene Bedürfnisse lässt.
Der Single Mental Load nervt mich
von Friedrich Boecker
Gerade ziehe ich um – und realisiere mal wieder, dass man als Single jede Entscheidung selbst tragen muss. Die großen Entscheidungen – so wie: „wo ziehe ich hin?“ – sind ohnehin da. Aber diese gesellen sich immer nur zu den tausenden Mikroentscheidungen, die ich täglich treffen muss und bei denen mir niemand hilft: Was esse ich heute? Ist mein Stromtarif noch günstig genug? Brauche ich einen Schal?
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Was mich fast noch mehr ärgert als diese Entscheidungen: Ich darf sie nicht nervig finden. „Selbst schuld“, schreit uns die Gesellschaft entgegen. Du bist ja auch zu wählerisch. Oder zu verschroben. Oder einfach nicht beziehungsfähig genug. Wenn ich es dann wage, zu sagen, ich sei gerne Single, habe ich mir ohnehin jedes Recht auf irgendein Mitleid verspielt. Ach, und außerdem hat es sowieso niemals jemand so schwer wie Eltern!
Ich habe viel Respekt vor Eltern, vor allem wenn sie allein in ihrer Rolle sind. Auch wir Singles tragen eine nicht enden wollende To-do-Liste im Kopf. Nur beschweren dürfen wir uns darüber nicht so gern. Also sind viele Singles still und zahlen noch dazu weiter brav die Single Tax: Wir kaufen das 35. Baby-Shower-Geschenk, schlafen im gemeinsamen Urlaub auf der Couch der Ferienwohnung und sehen mal wieder einem Frischkäse beim Schimmeln im Kühlschrank zu, weil wir ihn nicht schnell genug verbrauchen konnten.
Manche dieser alltäglichen Fragen und Entscheidungen werden Nicht-Singles einfach abgenommen: Dann kümmert sich vielleicht der Mann ums Abendessen, die Verlobte klärt die Versicherung oder beide teilen sich den Wäscheberg. Bei alleinstehenden Menschen passiert das nicht. Und da ist auch niemand, dessen Nummer Eins du immer bist. Ich bin gern Single, aber würde mir manchmal jemanden wünschen, der mir ein paar alltägliche Entscheidungen abnimmt.
Natürlich gibt es auch Beziehungen, in denen wo eine Seite den kompletten Mental Load trägt. Aber das ist dann ja wirklich das Schlechteste aus beiden Welten. Vielleicht geht es am Ende gar nicht um Singles oder Eltern. Sondern darum, was passiert, wenn Verantwortung dauerhaft nicht geteilt wird.
Das ist keine Diagnose.
Samstag, 19 Uhr. Ich liege mit meinem Laptop, auf dem Bridgerton läuft, in meinem frisch bezogenen Bett, meine Wohnung ist blitzeblank, meine unnötig teure Duftkerze dämmert am Fensterbrett, die bestellte Pizza ist gleich da. „Wie geil ist mein Leben bitte“, schießt mir durch den Kopf.
Ja, ich habe besagte Wohnung davor allein ge-deep-cleaned, weil ich allein wohne. Ja, ich habe den Wocheneinkauf davor allein erledigt, weil ich allein wohne. Ja, ich zahle mein Netflix-Abo selbst. Und ja, ich kann Bridgerton in Dauerschleife schauen, und wenn ich will, die gleiche Pizza morgen wieder bestellen. Weil: was sind Proteine? Und niemand redet mir rein. Niemand schnarcht mir ins Ohr und ich muss niemandem hinterherräumen. Ich hab’ alles so, wie ich es will. Was daran ist „mental load?“ Was daran ist besonders oder hervorhebenswert? Das ist einfach mein Leben, und ich mag’s momentan sehr so. Und ja, ich schwimme in Privilegien, alles andere wäre eine unfassbare Lüge.
Ich bin ja mit diesem Verständnis aufgewachsen, dass, wenn ich etwas nicht mache, es keiner für mich erledigen wird. Ja, ich tue mir schwer damit, andere um Hilfe zu bitten, und ja, ich schleife meinen Zwei-Meter-Kleiderschrank lieber selbst fluchend durch meine Wohnung, bevor ich auf die Idee komme, jemanden anzurufen, der das mit mir macht. Ich mag es einfach nicht, andere irgendwelche Dinge für mich erledigen zu lassen, die ich auch selbst machen kann. (Außer meinen jüngeren Bruder, aber der muss das einfach machen, anderes Thema).
Vielleicht liegt das auch daran, dass wir in Österreich nicht in einer kollektivistischen Gesellschaft leben, in der Aufgaben automatisch verteilt werden, in der Familie oder Umfeld selbstverständlich einspringen und Verantwortung geteilt wird, ohne dass man sie einfordern muss. Lustigerweise bin ich immer und überall gerne für andere da – selbst fordere ich es allerdings nie ein. Aber das stört mich nicht, ich mag es einfach nicht, mich auf andere zu verlassen.
Ich glaube auch nicht an ständige gesellschaftliche Einteilung in „Single“ oder „Beziehung“, als wäre das automatisch eine Hierarchie. Als wäre Beziehung gleichbedeutend mit Entlastung, mit geteilter Verantwortung, mit weniger „Single Mental Load.“ Ich mag den Begriff übrigens nicht – irgendwie hört sich das mehr nach einer Diagnose an als nach einem, naja, normalen Leben halt? Und: Diese „Stempel“ wie eben „Single“ oder „Beziehung“ bedeuten nicht automatisch, dass der Alltag schlimmer, schwerer, leichter oder besser läuft. Ich habe diese Einteilung und Einstellung noch nie verstanden. „Wenn du älter bist“, wirst du anders darüber denken“, habe ich mir sagen lassen. Mag sein. Und ja eh, finanziell rentiert sich das nicht. Aber bitte: Ich habe noch nie in meinem Leben irgendwas langfristig geplant und plane somit meinen Ruhestand auch noch nicht. Naiv? Ja, vielleicht. Aber: Zumindest kann mir keiner dagegenreden.
Einsam, aber frei – oder doch frei, aber einsam?
Eines vorweg: Ich liebe meine Familie, meine Frau, meinen Sohn. Trotzdem: Im Rückblick hatte ich rund um meinen 25. Geburtstag schon eine echt geile Zeit. Etwa ein Jahr lang keine feste Freundin, keine privaten Verpflichtungen außer mir selbst gegenüber – nur ich, mein Job bei der WZ, mein Geschichtestudium, meine Studentenverbindung, mein Fitnessclub ums Eck. Freie Zeiteinteilung at its best. Zu Mittag gibt’s, worauf ich grad Lust hab, und nicht, was den anderen schmeckt. Einmal kochen, drei Tage die aufgewärmten Reste essen? Who cares! Heimkommen, wann ich will. Aufstehen ohne Wecker, weil niemand in die Schule muss. Urlaub machen, wann ich will, ohne Rücksicht auf Ferien.
Gut, ich geb’s zu: Es war oft auch einsam. Vor allem der zweiwöchige Urlaub auf einer griechischen Insel, den ich einem akut erkrankten Freund abgekauft und für den ich dann wider Erwarten doch keine Begleitung gefunden habe. Vierzehn Tage lang in einem auf ältere Pärchen ausgelegten Hotel allein mit mir selbst war dann schon zach. Und auch sonst: Zu wissen, dass jeden Abend daheim ein leeres Bett wartet, vor dem höchstens ein hungriger Kater maunzt, kann einen schon runterziehen. Weil jeden Abend ein One-Night-Stand, das gibt’s nicht mal im Film.
Letztlich passt das Konzept Ehe und Kinderkriegen also doch ganz gut für mich. Nicht nur, weil ich mir das Haus mit Garten samt Hund allein eher nicht hätte leisten können. Wozu auch? Allerdings hab ich oft das Gefühl, dass sich mein Leben als Familienvater um vieles dreht, nur nicht um mich selbst. In der Früh mit dem Schulkind aufstehen, vor der Arbeit noch mit dem Hund Gassi gehen, nachmittags Schulsachen anschauen, dreimal in der Woche Handballtraining (nicht meines) und die wöchentliche Klavierstunde (auch nicht meine) mit meinen persönlichen Abendterminen koordinieren (und im Zweifel zurückstecken), Familienzeit am Wochenende – freie Zeiteinteilung war gestern. Und es stresst mich jedes Mal, wenn nicht meine Frau, sondern ich mich um Einkauf und Mittagessen für uns drei kümmern muss.
Nein, ich drück mich nicht vor Care-Arbeit. Hausaufgaben beaufsichtigen, Staubsaugen, Wäschewaschen, Hausputz – das stört mich nicht (ich sehe nur nicht jeden Schmutz). Aber ich bin komplett ideenlos und daher lost in the kitchen. Die anderen Hausarbeiten sind mir lieber, da muss ich mir nicht was überlegen und Diskussionen führen. Wie machen das bloß alleinerziehende, berufstätige Mütter?!
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Mental Load beschreibt die unsichtbare Organisations- und Denkarbeit des Alltags: das Planen, Erinnern und Vorausdenken, das nötig ist, damit ein Leben funktioniert. Bekannt wurde der Begriff vor allem im Zusammenhang mit Familien, wo diese Verantwortung oft ungleich verteilt ist. Inzwischen wird Mental Load aber auch von Menschen thematisiert, die allein leben und sämtliche Entscheidungen selbst treffen und koordinieren müssen.
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