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Forschung im Iran: Stolze Tradition, ungewisse Zukunft

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Der Iran hat eine Wissenschaftstradition und punktet in Ingenieurwesen, Medizin und Nanotechnologie.

Mehr als die Hälfte der Studierenden sind Frauen, Bildung gilt als Weg zu Unabhängigkeit.

Internationale Sanktionen und politische Repression führen zu Brain Drain und gefährden die Zukunft der iranischen Forschung.

177 staatliche Hochschulen im Iran

Mehr als 50 % der Studierenden sind Frauen

Isfahan gilt als Zentrum der iranischen Kernforschung

Der Iran hat eine Wissenschaftstradition und punktet in Ingenieurwesen, Medizin und Nanotechnologie.

Mehr als die Hälfte der Studierenden sind Frauen, Bildung gilt als Weg zu Unabhängigkeit.

Internationale Sanktionen und politische Repression führen zu Brain Drain und gefährden die Zukunft der iranischen Forschung.

177 staatliche Hochschulen im Iran

Mehr als 50 % der Studierenden sind Frauen

Isfahan gilt als Zentrum der iranischen Kernforschung

„Wissen ist besser als Geld, denn Wissen beschützt dich, während du das Geld beschützt.“ Diese persische Weisheit aus dem 7. Jahrhundert wird Imam Ali ibn Abi Talib zugeschrieben, Schwiegersohn des Propheten Mohammed. „Die Aussage ist so zentral in unserer Kultur, dass wir als Schulkinder Aufsätze zum Thema schreiben mussten“, sagt die in Teheran aufgewachsene Mitra, die heute in Österreich lebt, zur WZ. „Personen mit einem akademischen Studium genießen im Iran einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Man hat keine Scheu, sich selbst komplexe technische Fächer zu erarbeiten“, weiß Mitra zu berichten.

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Wissenschaft hat im Iran Tradition. Sie wird als wichtig erachtet und wertgeschätzt. Schon das Hauptwerk des persischen Universalgelehrten Avicenna (980–1037), „Kanon der Medizin“, war in Europa mehr als 500 Jahre lang ein Standardlehrbuch zu Anatomie, Pharmakologie und früher Infektionslehre. Am westlichen Ausbildungssystem orientierte man sich ab 1851, als das erste Polytechnikum in Teheran unter Begleitung von österreichischen Expert:innen gegründet wurde. Das Bildungssystem nahm in der Monarchie der Pahlavi-Dynastie im 20. Jahrhundert an Fahrt auf und das das Bemühen um seine hohe Qualität wurde in der islamischen Republik fortgesetzt. Heute gibt es im Iran 177 staatliche Hochschulen. Um zugelassen zu werden, müssen staatliche Aufnahmeprüfungen bestanden werden.

Top in Ingenieurwesen, Medizin und Nanotechnologie

„Iran zählt zwar nicht zu den Spitzen-Forschungsnationen der Welt, aber wenn man bedenkt, dass das Land immer noch dem globalen Süden zuzurechnen ist, ist das Uni-System gut positioniert “, sagt Florian Schwarz, Direktor des Instituts für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Der Iran hat eine wissenschaftliche Hegemonialstellung in der Region. „Die Kultur der Wissenschaftsaffinität ist anders geprägt als in den umliegenden arabischen Ländern“, bekräftigt Georg Steinhauser, Professor für Angewandte Radiochemie an der Technischen Universität Wien.

„Nicht jedes Land hat eigene Fachjournale für Chemie, Physik oder Mathematik, aber es gibt reichlich iranische Zeitschriften in diesen Fachgebieten“, sagt Steinhauser. Trotz internationaler Sanktionen verzeichnet der Iran in mehreren technischen und naturwissenschaftlichen Fachgebieten vordere Plätze, wobei Ingenieurwesen, Medizin und Nanotechnologie die höchsten Zitationsraten und Publikationszahlen aufweisen. „Die Kernforschung, aus der das Atomprogramm entstanden ist, geht auf eine Zusammenarbeit von Shah Reza Pahlavi mit Deutschland zurück und sollte ursprünglich zivilen Zwecken ­und konkret der Atomenergie und Nuklearmedizin dienen“, erklärt wiederum Schwarz. Heute gilt die Universitätsstadt Isfahan als Zentrum der iranischen Kernforschung. Laut Medienberichten (siehe Infos und Quellen) werden hier auch Drohnen produziert, die Russland für Angriffe auf die Ukraine nutzt.

Insbesondere die Spitzenforschung im Iran unterliegt einem Brain Drain: Top-Forscher:innen suchen sich Positionen vorzugsweise in den USA oder Europa und wandern ab. Ein berühmtes Beispiel ist die iranische Mathematikerin Maryam Mirzakhani (1977-2014), die als erste Frau und erste Iranerin mit der Fields-Medaille, dem „Nobelpreis der Mathematik“, ausgezeichnet wurde. Ab 2008 war sie Professorin an der US-amerikanischen Stanford University.

Für Frauen ist Bildung auch Unabhängigkeit

Mehr als die Hälfte der Studierenden im Iran sind weiblich. Der Anteil widerspricht nur auf den ersten Blick jenem Rollenbild, das das Regime für das weibliche Geschlecht vorsieht. „Trotz strenger Kleidungsvorschriften an den Unis darf man sich Iran nicht wie Afghanistan unter den Taliban vorstellen“, führt Florian Schwarz ins Treffen. „Frauen sind beruflich aktiv, und selbst auch in religiösen Familien ist die Bildung auch der Töchter gesellschaftlich angesehen.“

Von anderer Seite kommt Kritik: „Für viele Mädchen ist die Zulassung zu einem renommierten Studiengang mehr als nur eine akademische Leistung; sie ist der Weg zu Unabhängigkeit und Freiheit von patriarchalischen Traditionen und restriktiven sozialen Normen“, heißt es auf der Website des Thinktanks Mena-Watch mit Sitz in Wien. Bildung eröffne Frauen das Tor zu persönlichem Wachstum, Autonomie und einer Zukunft, „die sie zumindest in Teilen selbst gestalten können.“

Laut dem Thinktank ist auch das System der staatlichen Hochschulaufnahmeprüfungen, genannt Konkur, vom Leistungsprinzip abgekommen. Demnach haben junge Menschen aus den wohlhabendsten Familien die größten Chancen, zugelassen zu werden, was viele auf Korruption bei den Aufnahmeprüfungen zurückführen. Nicht Talent oder Ausdauer, sondern spezielle Quotensysteme würden bestimmte politisch vernetzte Gruppen begünstigen.

Sanktionen legen Wissenstransfer auf Eis

Insbesondere seit der Aufkündigung des Atomabkommens durch die Regierung Trump I im Jahr 2018 und seit den Protesten gegen das Regime auf den Straßen ab 2020 erhöhte sich der Druck auch auf Universitäten. Kündigungen, Suspendierungen und Zwangspensionierungen von Uni-Professor:innen stehen laut Human Rights Activists News Agency Hrana, die von Exil-Iraner:innen in den USA publiziert wird, auf der Tagesordnung. Die Sanktionen der westlichen Länder haben zur Folge, dass Forschungskooperationen und Wissenstransfer in allen Bereichen, die militärisch genutzt werden können, auf Eis gelegt sind. Neben der auf der Hand liegenden Atomkraft sind auch Physik, Software-Entwicklung und sogar landwirtschaftliche Maschinen betroffen.

Persönliche Kontakte bleiben bestehen, im Fall des Instituts für Iranistik vor allem in den Geisteswissenschaften. Aber der Krieg wirkt sich negativ aus. „Die Universitäten liegen in Gebieten, die unter Beschuss stehen. Wir wissen nicht, wie sich die Angriffe auf die Forschungsinfrastruktur auswirken. Kolleginnen und Kollegen aus dem Iran versuchen schon jetzt, so schnell wie möglich aus dem Land herauszukommen“, berichtet Florian Schwarz.

Sollten die kriegerischen Handlungen andauern, könnte dies zur Folge haben, dass eine ganze Generation an jungen Wissenschaftler:innen das Land verlässt. Dann könnte es sein, dass der Iran in Zukunft in der Forschung neu anfangen muss, weil die Leute fehlen.

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Gesprächspartner:innen

Florian Schwarz, Direktor des Instituts für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien, Mitherausgeber der Monografienreihen Veröffentlichungen zur Iranistik und Iranische Onomastic und des Handbuchs der Orientalistik.

Georg Steinhauser, Professor für Angewandte Radiochemie an der Technischen Universität Wien mit den Forschungsschwerpunkten Umweltradioaktivität und forensische nukleare Fragestellungen.

Hrana, Human Rights Activists News Agency: Increased Pressure on University Professors

Stanford Program in Iranian Studies: The Scientific Output of Iran: Quantity, Quality, and Corruption

mena-watch: Iranische Universitäten: Von Chancengleichheit keine Rede und Korruption

DAAD: Iran: Bildung und Wissenschaft

Laenderdaten.info: Bildungsstand im Iran

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Das Thema in anderen Medien

ARD-Tagesschau: Isfahan - das Zentrum der iranischen Atomforschung

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© Wiener Zeitung