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Anonymität: Freiraum oder Spielplatz für Hass?

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03.04.2026

Anonymität gibt Raum für kreative Freiheit, insbesondere in der Kunst.

Im Internet wird Anonymität immer wieder missbraucht, jedoch sind Klarnamenpflichten laut Studien wenig wirksam gegen Hass.

Anonymität sollte verantwortungsvoll genutzt werden, da sie Freiräume schafft, aber Respekt und Verantwortungsbewusstsein erfordert.

Banksy wurde von Reuters als Robin Gunningham aus Bristol identifiziert.

5 % der Nutzer:innen verursachen 78 % der Hasskommentare laut Schweizer Studie.

99 % der Hassbotschaften auf Twitter (heute X) stammen von identifizierbaren Personen (2021)

Klarnamenpflicht im Internet gibt es nur in autoritären Ländern wie China.

Anonymität gibt Raum für kreative Freiheit, insbesondere in der Kunst.

Im Internet wird Anonymität immer wieder missbraucht, jedoch sind Klarnamenpflichten laut Studien wenig wirksam gegen Hass.

Anonymität sollte verantwortungsvoll genutzt werden, da sie Freiräume schafft, aber Respekt und Verantwortungsbewusstsein erfordert.

Banksy wurde von Reuters als Robin Gunningham aus Bristol identifiziert.

5 % der Nutzer:innen verursachen 78 % der Hasskommentare laut Schweizer Studie.

99 % der Hassbotschaften auf Twitter (heute X) stammen von identifizierbaren Personen (2021)

Klarnamenpflicht im Internet gibt es nur in autoritären Ländern wie China.

Manche Recherchen sind enttäuschend. Aus der Zauber, signalisierte die Nachrichtenagentur Reuters, als sie Banksy demaskierte. Der Streetart-Künstler, der seit Beginn seiner Karriere anonym gearbeitet hat und durch seine Schablonengraffiti berühmt und beliebt geworden ist, sei in Wirklichkeit ein Mann mittleren Alters mit Brille namens Robin Gunningham aus Bristol, England. Das berichtete kürzlich die Agentur und niemand freute sich.

Mehr für dich: Achtung, Schleimer! Wie KI-Chatbots uns manipulieren

Die Enthüllung zeigt unseren paradoxen Umgang mit Anonymität. Im Internet kann man heute anonym Morddrohungen machen, ohne dass es Konsequenzen gibt, aber Banksys Identität musste auf Biegen und Brechen festgezurrt werden, obwohl ihm gerade das Pseudonym ermöglichte, die Menschen mit seiner Kunst zu überraschen. Worüber wir uns daher Gedanken machen müssen, ist ein respektvoller Umgang mit Anonymität.

Doch zunächst zum Hintergrund: Schon lange arbeiten Schriftsteller:innen und bildende Künstler:innen mit Pseudonymen. Historisch war dies oft die einzige Möglichkeit, sich angesichts von Vorurteilen und Diskriminierung ausdrücken zu können. In der Literaturgeschichte ermöglichte diese Herangehensweise vor allem Frauen die kreative Arbeit. Etwa wurde die englische Schriftstellerin und Journalistin Mary Ann Evans (1819-1822), Autorin des Buches „Wuthering Heights“, unter dem Namen George Eliot zu einer der erfolgreichsten Autorinnen des viktorianischen Zeitalters. Auch Jean-Michel Basquiat (1960-1988), der als erster afroamerikanischer Künstler in der weißen Kunstwelt den Durchbruch schaffte, konnte zu Beginn seiner Laufbahn unter dem Namen SAMO© gesellschaftskritische Botschaften an den Hauswänden New Yorks hinterlassen, ohne Klagen wegen Sachbeschädigung befürchten zu müssen.

Vom Wert des Namenlosen in einer Welt der Sichtbarkeit

Und Banksy? Optisch sind seine sozialkritischen Schablonengraffiti von magischer Leichtigkeit. Sie wurden zunächst in Bristol und dann in London bekannt und schließlich auf der ganzen Welt berühmt. Banksy bietet alternative Sichtweisen zu aktuellen Themen. Er prangert für den guten Zweck gesellschaftliche Zustände an, zeigt Missstände auf und drückt Widersprüche in unserem Denken aus, aber niemand sieht ihn dabei. Er hinterlässt anonym nicht nur Graffitis im öffentlichen Raum, sondern zeigt sie sogar unauthorisiert in Museen. Auf diese Weise waren seine Arbeiten schon in der Londoner Tate Modern, im Museum of Modern Art in New York oder im Louvre in Paris zu sehen. Dass Banksy da war, merken wir erst am Kunstwerk.

Neben dem offensichtlichen Asset, dass man anonym nicht von der Polizei erwischt werden kann, variieren die sonstigen Motive für Anonymität, erklärt der Künstler, der hinter dem Instagram-Account „Hey Reilly“ steht, im Sender CNN. Für ihn als Internet-Persönlichkeit, die sich mit KI-bearbeiteten Bildern über Prominente lustig macht, sei sein Pseudonym „Reilly“ ein Mittel zur kreativen Freiheit und ein Nebenprodukt seiner Abneigung dagegen, fotografiert zu werden.

Wir alle brauchen anonyme Orte

Einfach machen können, was man will. Das geht nur unter der Hülle der Anonymität – und sei es nur die des eigenen Zuhauses. Stundenlang Musik hören, nackt durch die Wohnung laufen, die Nacht zum Tag machen, tafelweise Schokolade essen, ohne dass es jemand merkt. Es ist die Freiheit des Privaten, des Anonymen, die es ermöglicht, Dinge ganz allein einfach zu tun, dabei mitunter auf neue Gedanken zu kommen oder kreativ zu sein, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Wir alle brauchen anonyme Orte, Privatheit und Geheimnisse.

In seiner Kurzgeschichte „The Nine Billion Names of God“ versinnbildlicht der britische Schriftsteller und Physiker Arthur C. Clarke die Bedeutung des Bereichs, der sich der Zuschreibung entzieht. In der Geschichte wollen Mönche die Bestimmung des Universums finden, indem sie sich auf die Suche nach den neun Milliarden Namen Gottes machen. Die Übung gelingt und am Himmel erlöschen die Sterne. Die Welt endet, da ihr Ziel erreicht ist. Wenn alles einen Namen hat, existiert nichts mehr, ist die Botschaft. Die Existenz der Welt ist hier auf einen Anteil angewiesen, der sich nicht benennen lässt. Und somit ist Anonymität an sich ein paradoxer Begriff. Wir brauchen das Unbekannte, aber dennoch muss alles, das sich keinen Namen hat, einen bekommen. Wenn aber alles zugeordnet ist, gibt es keine Geheimnisse mehr und es wird uninteressant.

Ohne Namen, ohne Grenzen?

In einer paradoxen Gemengelage bewegt sich Anonymität auch im Internet. Sie wurde zum Massenphänomen – und zum Gift. Heute kann jeder unter einem erfundenen Namen posten, mobben, üble Nachrede und Rufschädigung betreiben, Frauen belästigen, wie im Fall Collien Fernandes jahrelang Fake-Pornografie im Netz verschicken, populistische Meinungen verbreiten, oder einfach lügen. Unter dem Deckmantel der Anonymität wird verhetzt, verleumdet und gehasst.

Studien belegen allerdings, dass eine Klarnamenpflicht im Netz, die derzeit in Österreich und Deutschland diskutiert wird, eher wenig nützen würde, da die Möglichkeit, anonym zu bleiben, nicht die Haupttreiberin für Aggression im Netz sei. Eine Schweizer Studie zeigt, dass nur 5 Prozent der Nutzer:innen ganze 78 Prozent der Hasskommentare absondern. In einer Analyse von Twitter (jetzt X) aus dem Jahr 2021 waren wiederum 99 Prozent der Verfasser:innen von Hassbotschaften klar identifizierbar. Eine Klarnamenpflicht im Internet und in sozialen Netzwerken gibt es derzeit nur in autoritären Ländern wie China.

Warum Banksy anonym bleiben sollte

Und dennoch treten Menschen online enthemmter und aggressiver auf als persönlich. Im Netz fühlt man sich unsichtbarer als im physischen Leben, schreibt die Medienforscherin Ingrid Brodnig in ihrem Buch „Der unsichtbare Mensch“. Kontrollmechanismen entfallen, weil wir dem Gegenüber nicht in die Augen schauen müssen, und dieses nicht sofort direkt zurückreden kann. Das verleite zu Übertretungen. Wir verlieren Respekt für die persönliche Integrität der anderen, weil wir glauben, uns nicht mehr rechtfertigen zu müssen, und wir missbrauchen die Anonymität.

Was wäre eine Welt ohne Geheimnis, ohne Zauber, in der wir uns im Grunde genommen nicht frei bewegen können? Anonymität sollte nicht abgeschafft, sondern verantwortungsvoll genutzt werden. Denn sie bietet eine Möglichkeit, sich Freiheit von einem System zurückzuerobern, das Selbstinszenierung einfordert. Allerdings ist die Möglichkeit, sich auszudrücken, ohne sich zu identifizieren, nur dann tragfähig, wenn sie mit Respekt gegenüber anderen einhergeht und niemandem schadet.

Hat Banksy jemandem geschadet? Nein. Wenn ich auf meiner Hausmauer in der Früh einen Banksy finde, dann ist das Haus automatisch mehr wert. Auch in diesem Sinne war seine Demaskierung also ein Schritt in die falsche Richtung. Immerhin hat der Künstler würdevoll reagiert, indem er die Enthüllung nicht einmal kommentierte. Nicht nur der Umgang mit Anonymität, sondern auch der mit ihrer Entlarvung erfordert eine gewisse Eleganz.

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Cambridge University Press: The distribution of hate speech and its implications for content Moderation

heise online: Experten warnen: Klarnamenpflicht gefährdet Demokratie und trifft die Falschen

netzpolitik.org: Eine Klarnamenpflicht schadet der Demokratie

SchirMag: Die Facebook-Philosophie: Identität, Objekte und/oder Freunde?

Arthur C. Clarke: Die erfundene und gefundene Anonymität

Springer Nature: Ansätze zur Anonymität

Das Thema in anderen Medien

CNN: Banksy has been unmasked. But just how valuable is anonymity in the art world?

Deutschlandfunk Kultur: Das Gift der Anonymität

Der Standard: Regierung will Anonymität im Netz abschaffen – mit hohen Strafen

Vogue Deutschland: Instagram-Künstler Hey Reilly: "Ich bin besessen davon, Bilder zu erschaffen"


© Wiener Zeitung