Südkoreanische Endzeitbewegung rekrutiert Wiener Studierende
Shincheonji rekrutiert Studierende in Wien verdeckt, indem Mitglieder sich als Theologiestudierende ausgeben und Freundschaften vortäuschen.
Die Gruppe manipuliert emotional, isoliert Mitglieder von ihrem Umfeld und übt starken Druck durch strenge Regeln und Endzeitängste
Ein Ausstieg führt zu radikalem Kontaktabbruch; Sascha berichtet von psychischer Belastung
Lee Man-hee (94), in Südkorea 2021 wegen Verleumdung und Veruntreuung verurteilt, gilt als unsterblich
Bundesstelle für Sektenfragen warnt im Tätigkeitsbericht 2024 explizit vor Shincheonji und Vorfeldorganisationen wie HWPL
Shincheonji hat in Österreich keine offizielle Website/Adresse, Aktivitäten werden von Frankfurt gesteuert
Shincheonji rekrutiert Studierende in Wien verdeckt, indem Mitglieder sich als Theologiestudierende ausgeben und Freundschaften vortäuschen.
Die Gruppe manipuliert emotional, isoliert Mitglieder von ihrem Umfeld und übt starken Druck durch strenge Regeln und Endzeitängste
Ein Ausstieg führt zu radikalem Kontaktabbruch; Sascha berichtet von psychischer Belastung
Lee Man-hee (94), in Südkorea 2021 wegen Verleumdung und Veruntreuung verurteilt, gilt als unsterblich
Bundesstelle für Sektenfragen warnt im Tätigkeitsbericht 2024 explizit vor Shincheonji und Vorfeldorganisationen wie HWPL
Shincheonji hat in Österreich keine offizielle Website/Adresse, Aktivitäten werden von Frankfurt gesteuert
„Die mir anvertraute Arbeit muss ich als noch wertvoller als mein Leben erachten.“ Sascha starrt auf die Worte, die in geschwungener Handschrift auf dem Blatt Papier stehen. Es ist nur einer der Leitsätze, die er von seiner neuen Gemeinschaft diktiert bekommt. „Das Denken eines Shincheonji-Befangenen“ – insgesamt neun Gebote, die Sascha ab sofort durch sein Leben führen: Die ihm anvertraute Arbeit darf nicht unzureichend sein und jeden Tag muss er etwas schaffen, was Gott erfreut.
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Nach und nach widmet sich Sascha ganz Shincheonji, einer südkoreanischen Offenbarungsreligion, die ihre Anhänger:innen auf das ewige Leben nach der Apokalypse vorbereitet. Shincheonji bedeutet übersetzt „neuer Himmel und neue Erde“.
Mehr als drei Jahre lang wird Sascha Mitglied der Bewegung bleiben. Doch das weiß er in diesem Moment noch nicht. Ahnungslos wird er über die Jahre von seinen vermeintlichen Freunden manipuliert. Heute erzählt er der WZ, wie die Strukturen innerhalb von Shincheonji ablaufen. Saschas echten Namen haben wir geändert – zu groß ist die Angst, wiedererkannt zu werden.
Missionieren in Wien: Als Studierende getarnt
„Die Mitglieder tarnen sich bewusst als Studierende, meistens als Theologiestudent:innen“, erzählt Sascha. Angeblich benötigen sie Hilfe bei einer Umfrage oder einem Interview für eine Studienarbeit. In Wien sprechen sie Studierende am Universitätscampus an.
„Das Gespräch beginnt harmlos mit Fragen zu Glück oder Lebenswerten und wird nach und nach auf Glauben gelenkt. Anschließend wird man zu einem separaten Interview oder Kennenlerngespräch eingeladen, oft mit der Begründung, neue Freundschaften zu schließen oder an kostenlosen Bibelstunden teilzunehmen“, sagt Sascha.
Was Sascha beschreibt, ist die erste Phase der Rekrutierung. Erst sehr viel später, manchmal erst nach mehreren Monaten, wird der Name Shincheonji in einer Aufklärungssitzung erwähnt.
Früchte und Blätter: Ursprung in Südkorea
Der WZ zeigt Sascha Fotos vom Missionieren in Wien und Unterlagen aus den Kursen. Auf den Bildern lachen oft Menschen in die Kamera und halten eine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger nach oben – „we are one“ heißt die Geste. Sie findet sich auch auf den offiziellen Fotos von HWPL – „Heavenly Culture, World Peace, Restoration of Light“ – Frieden für Österreich. Es bestehen Anzeichen, dass es sich dabei um eine Shincheonji-Vorfeldorganisation handelt. Die WZ hat bereits berichtet.
An der Spitze von Shincheonji und auch von HWPL steht der südkoreanische Prediger Lee Man-hee. Der mittlerweile 94-Jährige ist im Glauben der Gruppe unsterblich und wurde 2021 in Südkorea wegen der Veruntreuung von Geldern verurteilt. Die österreichische Bundesstelle für Sektenfragen warnt in ihren Tätigkeitsberichten vor seiner neureligiösen Bewegung Shincheonji.
Von Man-hee ausgehend ist Shincheonji hierarchisch aufgebaut. Ganz unten werden die Neuzugänge „Früchte“ genannt, die vollwertigen Mitglieder heißen „Blätter“. Jedes Blatt kümmert sich um eine Frucht und sammelt möglichst viel Informationen über die Früchte, um diese wiederum an eine höhergestellte Person weiterzugeben.
Als Frucht geht Sascha zu den vermeintlichen Bibelstunden, welche intern als „BB-Lessons“ bezeichnet werden. Sie finden oft bei Starbucks oder online statt und dienen insgeheim dazu, dass die „Blätter“ ihre neuen Mitglieder auswählen. Nach einigen wenigen Einheiten werden die „Früchte“ zu vertiefenden Bibelkursen eingeladen – so auch Sascha.
Was Sascha nicht weiß: In diesen mischen sich neben ihn auch weitere „Blätter“ unter die Zuhörer:innen. Unwissentlich ist er von Schauspieler:innen umgeben, welche ihm gut zureden und ihn zum Wiederkommen motivieren. Auch die der WZ zugespielten Kursunterlagen belegen die Taktiken.
Nach und nach baut Sascha vermeintliche Freundschaften zu anderen Mitgliedern auf und nach und nach führt Shincheonji seine zentralen Glaubenssätze ein. Erst nach mehreren Monaten offenbart sich die Gruppe gegenüber Sascha als Shincheonji.
„Bis dahin wirkte alles wie eine freundliche christliche Gemeinschaft. Aber zu diesem Zeitpunkt war es bereits zu spät, da ich alles geglaubt habe, was sie sagten“, sagt Sascha gegenüber der WZ.
Sascha kann nicht mehr raus, er befindet sich in einer emotionalen Abhängigkeit. Er ist nun ein vollständiges Mitglied und muss ab sofort missionieren – regelmäßig und konsequent. Mindestens zweimal pro Woche wirbt Sascha in Begleitung eines Blatts auf offener Straße Früchte an. Auch in sozialen Medien und Dating-Apps fanden Rekrutierungen statt. Bis heute plagen ihn deshalb starke Schuldgefühle.
„Internet als Satans Gift“
Saschas Loyalität wird durch regelmäßige Einzelgespräche getestet. „Ich musste offen über meine Gefühle, meinen Alltag und meinen Glauben sprechen. Ich wurde genau beobachtet, ob ich an Meetings, Gottesdiensten und Missionierungen teilnehme. Abweichungen wurden als ‚geistliches Problem‘ dargestellt“, sagt Sascha.
Shincheonji versucht vieles, um seine Mitglieder immer stärker an sich zu binden. So wird Sascha oft gesagt, dass er online nicht nach Shincheonji suchen darf, da das Internet das „Gift von Satan“ sei und dort viele Lügen lauern.
Innerhalb der Gruppe existieren zahlreiche Regeln. Bei den Meetings und Gottesdiensten ist eine formelle Kleidung Pflicht – weißes Oberteil und schwarzes Unterteil. Haare dürfen nicht gefärbt werden und Männer keinen Bart tragen. Liebesbeziehungen oder Heirat sind nur mit Zustimmung erlaubt. Homosexualität ist grundsätzlich verboten. Sex, Pornografie und Masturbation sind strikt untersagt.
Auch der Kontakt zu Familie und Freund:innen außerhalb von Shincheonji wird als „Satans Versuchung“ bezeichnet. Sascha wurde eingetrichtert, dass seine Gemeinde nun stets über anderen Beziehungen stehen muss.
„Uns wurde immer wieder gesagt, dass ein Austritt zur Hölle führt, unsere Seele stirbt und wir für immer von Gott und Jesus getrennt wären“, sagt Sascha. Mit Angst und Endzeitvorstellungen sollen Mitglieder gehorsam gehalten werden.
Expert:innen: Isolation, Druck und Vorfeldorganisationen
„Wenn die unmittelbar bevorstehende Apokalypse gelehrt wird, entsteht ein starker Missionierungsdruck. Die Mitglieder glauben, andere retten zu müssen, um ihnen das Heil zu bringen“, erklärt Claudia Adler, stellvertretende Geschäftsführerin der Bundesstelle für Sektenfragen, im WZ-Interview.
Nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der Gemeinde werden die Anhänger:innen isoliert: „Aus Berichten wissen wir, dass versucht wird, den Kontakt zwischen Kursteilnehmer:innen zu verhindern, damit kein Austausch untereinander stattfindet“, erzählt Adler. Das könne so weit gehen, „dass Personen sogar auf dem Nachhauseweg von Mitgliedern begleitet werden.“
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Auch Johannes Sinabell, Experte für Weltanschauungsfragen der Erzdiözese Wien, betrachtet Shincheonji kritisch: „Die Lehre von Shincheonji kennt nur schwarz und weiß, entweder Shincheonji oder etablierte Kirchen, entweder Himmel oder Hölle.“
Sinabell bemängelt gegenüber der WZ die fehlende Transparenz rund um Gründer Lee Man-hee, auf den eine größere Anzahl an Organisationen zurückgeht. Da diese Verbindung nicht immer offengelegt werde, sei es für Außenstehende oft schwer erkennbar, wer hinter den Friedensveranstaltungen steht. Aussteiger:innen berichteten Sinabell außerdem von wachsendem Druck, Veranstaltungen zu besuchen.
In Österreich hat Shincheonji keine offizielle Website oder Kontaktadresse. Laut WZ-Informationen sind die Aktivitäten der Zentrale in Frankfurt unterstellt. Die WZ konfrontierte Shincheonji Frankfurt mit den geschilderten Vorwürfen, erhielt jedoch keine Antwort.
Der Ausstieg: Gebrandmarkt als „Verräter“
Zurück zu Sascha. Mit der Zeit leidet er immer mehr unter psychischer und physischer Erschöpfung und Schlafmangel. Er hat kaum noch Zeit für Beziehungen außerhalb von Shincheonji. Die Inhalte der Gottesdienste werden für ihn immer widersprüchlicher, doch anstatt sie aufzuklären, disziplinieren ihn hochrangige Leiter:innen wegen „mangelndem Glauben“.
Sascha beginnt, im Internet zu recherchieren. Er liest zahlreiche Berichte und Interviews von Ex-Mitgliedern. Schließlich entscheidet er sich, aus Shincheonji auszutreten – nach über drei Jahren.
Doch verlässt man Shincheonji, wird man intern als „Verräter“ betrachtet. „Frühere Freundschaften und Verbindungen wurden sofort unterbrochen, aktive Mitglieder durften offiziell nicht mehr mit mir sprechen, mir schreiben oder sich mit mir treffen“, erzählt Sascha rückblickend. Trotz Erleichterung über die Befreiung aus den Fängen der Gemeinde empfand er diesen radikalen Kontaktabbruch als belastend.
Heute sieht Sascha seine Zeit bei Shincheonji als Teil seiner Vergangenheit und auch seiner persönlichen Entwicklung: „Trotz der negativen Erfahrungen hat mir dieser Abschnitt geholfen, Resilienz zu entwickeln und mich letztlich stärker zu machen.“
Online möchte er weiterhin vor Shincheonji warnen. Es ist Sascha wichtig, so viel Aufklärung wie möglich zu betreiben, bevor auch andere Menschen ungewollt der Gemeinde beitreten.
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Gesprächspartner:innen
Sascha, Name von der Redaktion geändert
Claudia Adler, stellvertretende Geschäftsführerin der Bundesstelle für Sektenfragen
Johannes Sinabell, Experte für Weltanschauungsfragen der Erzdiözese Wien
Das Gespräch der WZ mit Aussteiger Sascha hat schriftlich stattgefunden. Sämtliche Regeln der journalistischen Sorgfaltspflicht wurden eingehalten.
Shincheonji wurde 1984 von Lee Man-hee in Südkorea gegründet. Der volle Name lautet: „Shincheonji Church of Jesus, the Temple of the Tabernacle of the Testimony.”
Anhänger sehen Lee Man-hee als vom Neuen Testament verheißenen Boten, dem allein die wahre Auslegung der Offenbarung anvertraut sei.
Die Organisation gibt international ca. 200.000 Angehörige um 2020 an. Die Zahl ist schwer zu überprüfen.
Aussteigerberichte schildern massiven psychischen Druck, strenge interne Kontrolle, Abbruch von Beruf, Studium und sozialen Beziehungen.
Im österreichischen Sektenbericht 2024 wird Shincheonji als Gruppe genannt, von der verstärkte Missionierungsbestrebungen ausgehen. Betont werden dabei Rekrutierung über angeblich kostenlose Bibelkurse und die Verschleierung der tatsächlichen Gruppenzugehörigkeit.
Neben Shincheonji werden im Tätigkeitsbericht für Sektenfragen auch Heavenly Culture, World Peace, Restoration of Light (HWPL) und die dazugehörige International Peace Youth Group (IPYG) genannt. Shincheonji Österreich wird Aussagen zufolge von Shincheonji Frankfurt geleitet. Keiner der genannten Vereine antwortete der WZ.
Die Bundesstelle für Sektenfragen bietet sachliche Informationen und individuelle Beratung zum Themenbereich „sogenannte Sekten“ und Weltanschauungsfragen. Dazu gehören unter anderem alternative religiöse Bewegungen, Esoterik, spezifische Angebote zur Lebenshilfe, fundamentalistische Strömungen, Verschwörungstheorien, sozial-utopische Aussteigergruppen und Pyramiden- beziehungsweise Schneeballsysteme. Bundesstelle für Sektenfragen Telefon: + 43-(0)1-513 04 60, bundesstelle@sektenfragen.at
Bundesministerium für Inneres
Bundesstelle für Sektenfragen
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