Wochenchronik: PR-Genie Trump, Andrew formerly known as Prince und Pinocchio
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Wochenchronik: PR-Genie Trump, Andrew formerly known as Prince und Pinocchio
27. Februar 2026 | Ansgar Graw
Der US-Präsident verzichtet auf Fakten, lockt aber die Demokraten in die Falle. Ein Ex-Prinz bietet Stoff für Shakespeare. Und ein Rentner wird von der Polizei angezeigt. Aus unserem Newsletter
Wer Tagebuch führt, widerspricht der Zeit: „Du magst vergehen – aber ich protokolliere.“ In diesem Sinne erneut meine subjektiven Wahrnehmungen zu Marginalien und Großartigem aus der vergangenen Woche:
Donnerstag, 19. Februar Die Titel verloren, das Ansehen ramponiert, die Familie entfremdet, dann Haussuchung und elf Stunden in Polizei-Gewahrsam just an seinem 66. Geburtstag. Nach der Entlassung entsteht ein jetzt schon ikonisches Foto von Andrew Mountbatten-Windsor, formerly known as Prince, das ihn auf der Rückbank eines Autos mit fassungslos aufgerissenen Augen zeigt. Was hätte Shakespeare aus diesem Drama um den britischen Royal gemacht, der durch eigenes Handeln, mangelndes Urteilsvermögen und eine fatale Selbstüberschätzung so abstürzte wie Richard II.? Andrew personifiziert die Frage nach der Legitimation einer Monarchie, die Shakespeare in Versform kleidete.
Freitag, 20. Februar VW verschiebt sein US-Milliardenprojekt Scout, einen Sechs-Meter-Elektro-Pick-up. Das berichtet der „Spiegel“ und führt technische Komplikationen an. Statt als reines E-Auto sei der Wagen nun mit Range-Extender geplant, der die Reichweite erhöht und einen Verbrennungsmotor im Heck erfordert. Was das Hamburger Magazin verschweigt: In den USA ist die Nachfrage für rein batterieelektrische Fahrzeuge unter den Erwartungen geblieben, insbesondere im Pickup-Segment. Das liegt auch an der Einstellung von Förderprämien unter Trump – aber ebenso an geringerer Reichweite. Viele Vorbestellungen gingen eher auf Modelle mit Range Extender über. Der große US-Hersteller Ford hat darum rein elektrische Modelle wie den F-150 Lightning bereits im Dezember offiziell für „tot“ erklärt. Wieder einmal folgten die Konsumenten nicht der Vision einer schönen, neuen, grünen Welt.
Samstag, 21. Februar Verirre mich vor einem meiner Regale in die Lektüre des Büchleins „Wie die Völker sprechen“ von Dr. Alfred Lehmann (1951, Verlag Dr. Paul Schöps). Er schreibt: „In manchen Gegenden der Welt gibt es besondere Frauensprachen, die dadurch entstanden sind, daß viele Wörter, die die Männer anwendeten, für die Frauen tabu waren und umgekehrt.“ Er führt Beispiele an von den Zulus in Südafrika über die Cakchiqeles in Guatemala bis zu den Kirgisen. Faszinierend! Ich forsche per Google, finde zu „Frauensprachen“ aber nur Themen wie feministische Sprachkritik oder gendergerechte Formulierungen. So werden im digitalen Zeitalter Print-Bibliotheken zu Friedhöfen vergessener wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Sonntag, 22. Februar Die Olympischen Winterspiele Mailand Cortina sind beendet. Am letzten Tag besiegen im Eishockey-Traumfinale die USA (zweiter nach Norwegen im abschließenden Medaillenspiegel) Kanada (Platz 11). Stürmerstar Jack Hughes zeigt ein zahnloses Siegerlächeln: „Ich habe irgendwann aufs Eis geschaut und da meine Zähne gesehen.“ Ihn traf ein Schläger im Gesicht. Und das Team Deutschland? Platz 5 mit achtmal Gold, zehnmal Silber, achtmal Bronze. Und vierzigmal vierter Platz. Das ist so ähnlich wie 4,9 Prozent bei der Bundestagswahl.
Montag, 23. Februar Am Vortag wurde Mexikos Drogenboss „El Mencho“ bei einem Militäreinsatz getötet. Dass Nemesio Rubén Oseguera Cervantes und seine Komplizen „Widerstand leisteten“, wie es Medien notierten, ist eine arge Untertreibung. Insgesamt 74 Menschen starben im wechseseitigen Kugelhagel, darunter 25 Angehörige der Nationalgarde. Wenn organisierte Kriminalität nur noch mit den Mitteln des Krieges bekämpft werden kann, steht ein Staat am Abgrund. Gut, dass Präsidentin Claudia Sheinbaum handelte. Und gut, dass der mächtige Nachbar Donald Trump sie mehr oder weniger dazu nötigte.
Dienstag, 24. Februar Polizisten nehmen im Ranking der angesehenen Berufe in Deutschland bislang einen Spitzenplatz ein, gemeinsam mit Feuerwehrleuten, Kranken- und Altenpflegern und Ärzten (während Unternehmer, Journalisten, Politiker und Versicherungsvertreter im Tabellenkeller rangieren). Wie um Himmels willen kommt dann das Social Media Team des Polizeipräsidiums Heilbronn auf die bekloppte Idee, gegen einen Rentner wegen “Politikerbeleidigung” ermitteln zu lassen, der auf Facebook einen Besuch des Kanzlers mit dem Satz „Pinocchio kommt nach HN“ kommentierte? Immerhin stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein, „weil es sich hierbei um eine von der Meinungsfreiheit gedeckte und damit zulässige Machtkritik handelt“. Merz hatte ohnehin keine Karten in diesem Absurdismus. Aber allein der Vorstoß, der ja nicht von Praktikanten im Teenager-Alter initiiert worden sein dürfte, ist bedrückend. Verschieben sich Wahrnehmungen über Regierende und Untertanen? Das erinnert an 2024, als Robert Habeck Strafantrag stellte gegen einen Rentner, der seine Silhouette mit dem Schriftzug „Schwachkopf Professionell“ repostet hatte.
Mittwoch, 25. Februar Habe mir die Nacht um die Ohren geschlagen und von 3 Uhr bis 5 Uhr auf CNN Donald Trumps State of the Union angeschaut, seine Rede zur Lage der Nation vor beiden Kongresskammern. Fazit: Dieser Präsident ist auf den meisten Politikfeldern nur mäßig begabt – aber er bleibt ein Großmeister des Marketings. Die Wirtschaftsdaten in den USA etwa sind nicht durchgängig strahlender als in der Ära Biden, Trumps Hassobjekt Nr. 1. Beispiel Inflation: unter Biden betrug sie von 2021 bis 2024 im Durchschnitt 4,95 Prozent, im letzten Jahr 2024 allerdings nur noch 2,9 Prozent. Unter Trump ging sie 2025 runter auf 2,7 Prozent und lag im Januar bei 2,4 Prozent. Das ist besser. Trotzdem klagen die Amerikaner, weil viele Produkte teurer geworden sind – wegen Trumps Zollpolitik, die der Supreme Court gerade für verfassungswidrig erklärte. Oder die Arbeitslosigkeit: Sie lag im Durchschnitt der Biden-Jahre bei 4,2 Prozent, in mindestens sieben der folgenden Monate unter Trump darüber, nur im Juni (4,1 Prozent) darunter. Jetzt im Januar waren es 4,3 Prozent. Wie reagiert Trump? Er behauptet in unzähligen Varianten: „Unsere Nation ist zurück. Größer, besser, reicher und stärker als je zuvor.“ Fakten-Checker widerlegen ihn, Trump beeindruckt‘s nicht. Und noch genialer: „Heute Abend“, sagt der Präsident, „lade ich alle Abgeordneten ein, sich meiner Regierung anzuschließen und ein grundlegendes Prinzip zu bekräftigen. Wenn Sie dieser Aussage zustimmen, dann erheben Sie sich und zeigen Sie Ihre Unterstützung: Die erste Pflicht der amerikanischen Regierung ist es, amerikanische Bürger zu schützen, nicht illegale Einwanderer.“ Die Republikaner springen jubelnd auf, wie bei vielen Passagen, die Demokraten bleiben sitzen, wie durchgehend bei Trumps Reden. Aber das hatte der Präsident einkalkuliert: „Sie sollten sich schämen, dass Sie nicht aufgestanden sind“, ruft er mit simulierter Empörung. Die Demokraten sind in seine Falle gegangen. (Focus.de interviewte mich zu diesem Thema.)
Donnerstag, 26. Februar Und was macht Trump mit dem Iran? “Es gibt die Überlegung, dass es politisch deutlich besser wäre, wenn die Israelis zuerst und allein zuschlagen und Iran anschließend gegen uns zurückschlägt – und wir damit mehr Gründe hätten zu handeln“, zitieren Politico und Bild heute einen namentlich nicht genannten, als hochrangig beschriebenen Präsidenten-Berater.
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